Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Leitartikel

Fridays for Future die Hand reichen!

Von David Scheuing 

Seit Monaten rollt freitags junger Aktivismus durch die alten Industriestaaten: Fridays4Future (F4F) sind gegen eine verschlafene und ängstliche Klimapolitik angetreten. Protestierende und/oder streikende Schüler*innen sind eigentlich nichts Überraschendes, solche gab es immer wieder. Wovon aber alle überrascht scheinen: Selten waren Schüler*innen die Initiator*innen. Das macht mir Mut und gibt mir Vertrauen in nächste Generationen zivilgesellschaftlichen Engagements. Dennoch: F4F wird es nicht schaffen, die Klimapolitik zu verändern, wenn es nicht globale und aktive Unterstützung gibt. Auch aus den Reihen der politischen Pazifist*innen. Nötig sind: Solidarität durch Austausch, Begleitung, unterstützende Kritik.

Teil der Kritik von F4F ist ein Generationenkonflikt, der uns alle aufrütteln muss! Wir stehen als Eltern, Lehrer*innen, Verwandte etc. in der Verpflichtung, uns selbstkritisch zu betrachten. Für die Friedensbewegung gilt es, die Idee eines ökologischen Pazifismus (wieder) in den Blick zu nehmen. Denn die Fragen, die hinter dem Aufruf der Jugend zu einer „Transformation der Politik“ stehen, sind kompatibel mit unseren Zielen: Wie schaffen wir es, Politik zur Veränderung zu bringen, welche Alternativen entwickeln wir?

Haben wir hier in den letzten Jahren ehrlich den Austausch gesucht zwischen ökologischer Transformation und der der Gewaltverhältnisse? Öffnen wir unsere Köpfe wieder für ein Zusammendenken der Ziele. So kann auch F4F lernen, sich klar pazifistisch zu bekennen.

Es ist faszinierend zu sehen, welches Repertoire an Möglichkeiten den Schüler*innen als quasi „selbstverständliches Aktionsarchiv“ zur Verfügung stand. Das „Schwänzen“ – ich würde es eher „bewusste Absenz“ nennen –, Demonstrationen, Petitionen und vieles mehr. Aber: Hier ist es an uns, die eigene reiche Erfahrung in all den Methoden des Widerstands vom Anketten über Go-ins bis zur Totalverweigerung haben: „Teilt euer Wissen! Achtet das Wissen der jüngeren Generation! Begleitet ihren Widerstand! Seid auch aktiv!“

Den größten Aufschrei gegen F4F gab es, als berichtet wurde, Greta Thunberg hätte sich positiv zur Atomenergie geäußert. Sofort wurde versucht, die gesamte Bewegung zu diskreditieren. Daher ist es wichtig, dass wir unser Wissen aus den Jahrzehnten der Arbeit zu Abrüstung, Endlagerung und der Verkettung der beiden nuklearen – zivil und militärisch – Logiken, die viele in der Friedensbewegung geprägt haben, unterstützend mit in die Diskussion einzubringen. Wir sollten als Verbündete aufzutreten und dabei benennen, wo sich jede*r auch irren kann. Friedensbewegung kann keine weitere Nutzung der Atomenergie gutheißen. Aber solidarisch im Grundton kann diese Kritik dann auch nicht als Diskreditierung von F4F vereinnahmt werden.

Unser Pazifismus muss ökologisch achtsam sein, so wie er feministisch, antirassistisch, antikapitalistisch/klassenkämpferisch sein muss. Die Überwindung der Gewaltanwendung zur Gestaltung der Gesellschaft kann nicht bei der physischen Gewalt durch Waffen enden. Niemensch kann alles abdecken – aber genau deswegen müssen strategische Allianzen, bei aller richtigen Kritik, ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit bleiben. Reichen wir F4F die Hand – inhaltlich, auf der Straße, im Netz!

 

David Scheuing ist Vertreter der DFG-VK bei der War Resisters´ International und Vorsitzender der Bertha-von-Suttner-Stiftung der DFG-VK.

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