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Interview: Mit dem IS verhandeln?

Unser Bundessprecher Thomas Carl Schwoerer hat gerade das Buch „Mit dem IS verhandeln? – Neue Lösungen für Syrien und den Terrorismus“ veröffentlicht. Thomas ist seit 40 Jahren Mitglied der DFG-VK und seit zehn Jahren Mitglied des BundessprecherInnenkreises. Er war 20 Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter des Campus Verlags bis er sich 2015 aus dem Verlagsgeschäft zurückgezogen hat.

 

Du hast kürzlich das Buch „Mit dem IS verhandeln? – Neue Lösungen für Syrien und den Terrorismus“ veröffentlicht. Viele werden bei dem Titel erstmal schlucken müssen: Mit den Völkermördern und Vergewaltigern vom so genannten „Islamischen Staat“ zu verhandeln klingt nahezu ketzerisch. Wie kamst du darauf so ein Buch zu schreiben?

 

Das Thema ist hochgradig relevant, denn die Flüchtlingskrise und die Terroranschläge in Europa und anderswo wurzeln im Syrienkrieg und dem erfolglosen Umgang des Westens damit. Es wird keine politische Lösung dieses Krieges geben, ohne den IS und andere zentrale Akteure einzubinden.

In der Geschichte wurde immer wieder argumentiert, dass mit Terroristen nicht zu verhandeln sei. Es wurde dann doch regelmäßig verhandelt, und das häufig mit Erfolg: Etwa mit der IRA in Nordirland und den Farc-Rebellen in Kolumbien, die auch skrupellos und brutal waren. Warum sollte das nicht auch mit dem IS gelingen?

 

Der „Islamische Staat“ hat bislang nie Gesprächsbereitschaft gezeigt – wie will man mit jemandem verhandeln, der scheinbar gar nicht verhandeln will?

 

In der Tat hat der IS bisher keine Gesprächsbereitschaft signalisiert, möglicherweise, weil ihm ein solches Signal von seinen übermächtigen Gegnern als Schwäche ausgelegt werden oder die eigenen Rekrutierungsbemühungen unterlaufen könnte. Allerdings wurden schon zahlreiche Geiseln durch Verhandlungen befreit, und vereinzelt fanden auf Ortsebene Gespräche über Waffenstillstände und Hilfslieferungen statt. 

Laut der Koryphäe der Terrorismusforschung Louise Richardson, ehemals Professorin an der Harvard University, muss bewiesen werden – nicht einfach nur behauptet –, dass die jeweiligen Anliegen von Terroristen nicht verhandelbar sind.

Wie können wir uns so sicher sein, dass der IS und andere dschihadistischen Gruppen nicht verhandeln wollen? In der langen Geschichte von Behauptungen über Terrorgruppen – auch in den Fällen der IRA in Nordirland und der Taliban in Afghanistan – wurde immer wieder argumentiert, die Terroristen seien so übel, dass Gespräche mit ihnen unmöglich seien. Und außerdem wollten sie diese auch gar nicht. Schließlich kam es doch zu Verhandlungen, allerdings erst nach dem unnötigen Tod tausender Menschen. Das darf nicht mehr passieren. Je früher Verhandlungen eingeleitet werden, umso mehr Menschenleben werden gerettet. Das sollte nicht nur aus pazifistischer Sicht das oberste Ziel sein.

Für den Verhandlungswillen des IS spricht im Übrigen die These, dass es ihm vor allem darauf ankommt, einen Staat zu gründen und zu konsolidieren.

 

Ist das nicht alles eine naive Träumerei? Selbst auf Seiten der Anti-IS-Koalition scheint es aktuell schon unmöglich alle an einen Tisch zu bringen – die Türkei etwa ist momentan nicht gut auf Deutschland zu sprechen. Von den direkten Kriegskontrahenten des IS, den Kurden und dem Assad-Regime, ganz zu schweigen…

 

Naiv ist es, Terroristen den Krieg zu erklären, denn das verhilft den Männern zu mehr Ruhm in ihren Kreisen. Das ist auch der Grund, warum dieser Krieg nie gewonnen werden kann. Ein einzelner Anschlag in einem Café in einer westlichen Metropole ist ein Sieg des Terrors gegen die mächtigen Staaten. Kanzlerin Angela Merkel hätte deshalb besser darauf verzichtet, nach den Brüsseler Anschlägen vom 22. März anzukündigen, wir würden den Terrorismus besiegen.

Verhandlungen sind deutlich weniger schädlich, auch im Sinne der Rettung tausender von Menschenleben, als Bombardements durch Russland und den Nato-Staaten, die Schulen und Krankenhäuser treffen, und Waffenlieferungen. Diese gießen sprichwörtlich Öl ins Feuer und landen unweigerlich in den falschen Händen. Da ist Deutschland leider als drittgrößter Exporteur weltweit mit einem Drittel seiner Exporte in der Krisenregion Nahost/Nordafrika sehr stark vertreten.

 

Selbst wenn man mit dem IS in Verhandlungen tritt und einen Waffenstillstand oder sogar Frieden erwirken kann – es würde ein islamistischer Unrechtsstaat bleiben und sogar legitimiert, in dem Menschen anderer Religionszugehörigkeit oder nicht-heterosexueller Orientierung ermordet werden. Das kann doch auch nicht in deinem Sinn sein…

 

Natürlich nicht. Unsere Verhandlungsziele sind die Beendigung der Morde und des Terrors innerhalb und außerhalb des IS-Gebietes, die Wahrung der Menschenrechte dort und der Verzicht auf weitere Expansion.

 

Könnte ein Waffenstillstand dem IS nicht auch einfach nur Zeit verschaffen, um sich von den letzten militärischen Verlusten zu erholen, um dann erneut anzugreifen? Vertraust du den IS-Terroristen?

 

Nein, Verhandlungen sind nicht Ausdruck von Vertrauen, sondern der beste Weg zur Konfliktlösung. Es ist eine Illusion, den IS militärisch auszuschalten. Selbst wenn der IS weitere Verluste an Gebieten oder der wichtigen Stadt Mossul hinnehmen muss, würde ihn das nicht auslöschen. Denn im Irak hat er einen beträchtlichen Rückhalt durch die Sunniten. Und selbst wenn es dennoch gegen jede Wahrscheinlichkeit gelänge, den IS oder Al-Qaida auszuschalten, werden an dessen Stelle wie bei der Hydra zwei neue Köpfe wachsen. Und der Kopf in der Mitte, das Wahhabiten-Regime in Saudi-Arabien, wird bleiben.

 

Sind deine Thesen durch die Essay-Form des Buchs – die wenigen Quellenangaben – nicht sehr angreifbar, weil spekulativ?

 

47 Anmerkungen und neun Seiten Literaturverzeichnis sind für ein Buch dieses Umfangs nicht wenig. Seine Überzeugungskraft hängt allerdings in erster Linie von der Stärke seiner Argumente ab. Ich würde mich freuen, wenn sich möglichst viele Leser_innen dieses Interviews anhand der Lektüre des Buches ihre eigene Meinung darüber bilden würden.

 

Vielen Dank für das Interview!

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