Atomwaffen abschaffen

Die siamesischen Zwillinge - Der Zusammenhang von Atomkraft und Atomwaffen

von Wolfgang Kirstein
http://www.zc-online.de
(für Zivilcourage 1-2011)


Nach allem, was man zum Zeitpunkt der Drucklegung dieses Hefts - 14. März - weiß, realisiert sich in Japan gerade das berühmt-berüchtigte „Restrisiko“ der Atomkraft.
Damit wird nun für alle Welt unübersehbar, dass diese Technik nicht beherrschbar ist, sondern tödlich - zivil und militärisch. Deshalb ist die einzig richtige Konsequenz: abschalten und abschaffen.


Am 26. April dieses Jahres jährt sich die Katastrophe von Tschernobyl, der bisher größte Unfall der „zivilen“ Atomkraftnutzung, zum 25. Mal. Die Anti-AKW-Bewegung bereitet deshalb für den 25. April bundesweit Aktionen an Atomkraftstandorten vor. Anti-AKW-Bewegung und Friedensbewegung sollten dies zum Anlass nehmen, nochmals klar zu machen, dass Atomkraftwerke und Atomwaffen demselben zivil-militärischen Projekt entsprungen und wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden sind.
Atomreaktoren und Atombomben wurden während des Zweiten Weltkriegs in den USA im bisher größten technisch-wissenschaftlichen Vorhaben, dem Manhattan-Projekt, nebeneinander entwickelt. Dieses Projekt wurde von Physikern in Gang gesetzt, die fürchteten, Nazi-Deutschland würde die Atombombe bauen. Der erste Reaktor überhaupt war ein mit Natur-Uran betriebener Graphit-Reaktor. An ihm wurden grundlegende Erkenntnisse zum Bau von Atomreaktoren gewonnen. Außerdem wurde in diesem Reaktor Plutonium produziert, um dessen Eigenschaften für den Bombenbau zu studieren. Großtechnische Dimensionen nahm das Projekt aber erst an, als es dem Army Corps of Engeneers (Ingenieurscorps der Armee) eingegliedert und einem General unterstellt wurde. Erst damit standen die notwendigen finanziellen und organisatorischen Kapazitäten für ein so großes Projekt zur Verfügung.

Auf dieser Grundlage wurden die Reaktoren zur Gewinnung des Plutoniums gebaut, aus dem sowohl die am 16. Juli 1945 in der Wüste New Mexicos als erste getestete Atombombe hergestellt wurde als auch die, die am 9. August 1945 Nagasaki zerstörte. Dass die Reaktoren auch Energie freisetzten, war eher lästig, weil deshalb eine aufwändige Kühlung nötig wurde. Nach dem Krieg wurden Reaktoren dieses Typs weltweit sowohl zur Energiegewinnung als auch zur Plutoniumproduktion eingesetzt, z.B. in Sellafield und Tschernobyl. Um das Plutonium abzutrennen, das durch Bestrahlung von Uran im Reaktor entsteht, wurden große chemische Anlagen gebaut, die wir heute als Wiederaufbereitungsanlagen kennen. Parallel zur Plutonium-Bombe wurde die Uran-Bombe entwickelt, die am 6. August 1945 auf Hiroshima abgeworfen wurde. Dazu wurde das aufwändige Gasdiffusionsverfahren zur Urananreicherung entwickelt, das auch heute noch genutzt wird.

Auch in Deutschland wurden Vorarbeiten für die Atombombe durchgeführt. Daran waren namhafte, im „Uranverein“ zusammengeschlossene Physiker ebenso beteiligt wie das Heereswaffenamt und Firmen wie Degussa, IG-Farben und Leybold. Es wurde versucht, einen mit Natur-Uran betriebenen Schwerwasserreaktor zu bauen, einen Typ, der auch heute noch genutzt wird. An der Hamburger Universität wurde die Zentrifugentechnik zur Urananreicherung entwickelt, die heute weltweit die führende Technik ist, in den USA und Russland ebenso genutzt wie in Pakistan und im Iran. In Deutschland wird sie von der Firma Urenco eingesetzt.

Am Ende des Krieges standen also in den USA sämtliche Techniken zur Verfügung, die heute für die Atomenergiegewinnung genutzt werden: Die Reaktortechnik, die Urananreicherung, die erst die heute üblichen Leichtwasserreaktoren ermöglichte, und die Wiederaufarbeitung. Das bedeutet aber auch: Wer die zivile Atomtechnik beherrscht, kann sich auch die Bombe beschaffen! Die Beispiele Israel, Indien und Pakistan belegen das.



„Atome für den Frieden“


1955 verkündet US-Präsident Eisenhower das Programm „Atoms for Peace“ zur weltweiten Verbreitung der friedlichen Nutzung der Kernenergie und zur Förderung der Exportgeschäfte der Atomindustrie der USA, das natürlich auch als Alibi diente: Die Atomtechnik war nun nicht mehr allein die Technik der Bombe. Zur Unterstützung dieser Politik wurde 1956 die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) als Unterorganisation der UNO gegründet. 1968 wurde ihr auch die Kontrolle der Einhaltung des Kernwaffensperrvertrags übertragen. Damit wird ihr der Spagat zwischen Förderung der zivilen und Verhinderung der Verbreitung der militärischen Nutzung der Atomenergie zugemutet. Das hat die Kernwaffenstaaten aber nie gestört und wird jetzt durch die USA für ihre Machtpolitik gegenüber dem Iran ausgenutzt, wodurch der Sperrvertrag weiter geschwächt wird.

In den 1950er Jahren begann auch die Bundesrepublik mit ihrem Atomprogramm, und der ehrgeizige Franz Josef Strauß wurde Atomminister. Damals wurden die drei wichtigsten Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet gegründet: Das Kernforschungszentrum Karlsruhe, die Kernforschungsanlage Jülich sowie die GKSS (Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt) in Geesthacht bei Hamburg, hinter der bemerkenswerterweise an prominenter Stelle Prof. Dr. Erich Bagge und Dr. Kurt Diebner standen, die sich nie von ihrer Mitarbeit am Atomwaffenprojekt des Heereswaffenamtes der Nazi-Wehrmacht distanziert haben. Dass hinter diesen Aktivitäten nicht nur das Streben nach Teilhabe am Geschäft mit Atomkraftwerken stand, wurde deutlich, als Strauß dann Verteidigungsminister wurde und die Beschaffung eines Jagdbombers, des berüchtigten „Starfighter G“ (für German), für den Atomwaffeneinsatz betrieb. Aus einer eigenen deutschen Atomwaffe wurde aber nichts. Das war den USA wohl doch zu unheimlich.

Bis heute geblieben ist aber die deutsche nukleare Teilhabe an den hier stationierten US-Atombomben mit einem eigenen Einsatzgeschwader der Bundesluftwaffe, und geblieben ist auch die Mitsprache über die Einsatzplanung. Bisher hat noch keine Bundesregierung ernsthaft versucht, damit Schluss zu machen. Geblieben ist auch, dass die Bundesrepublik über die Fähigkeit verfügt, sich schnell Atomwaffen zu beschaffen, verfügt sie doch über den Zugriff auf eine Urananreicherungsanlage, immense Vorräte an Plutonium und allemal über ausreichend Know-how.

Das Letzte aus der Büchse der Pandora der Atomtechnik heißt im US-Militärjargon DU - Depleted Uranium, abgereichertes Uran. Das ist das, was vom Natur-Uran übrig bleibt, wenn man daraus hochangereichertes Uran (HEU = Highly Enriched Uranium) für Atomwaffen oder niedrigangereichertes (LEU = Lowly Enriched Uranium) für Reaktoren gewinnt. Seit den 70er Jahren macht man in den USA daraus Munition, die wegen der hohen Masse des Urans eine große Durchschlagskraft hat. Sie wird benutzt zum Abschießen von Panzern und in bunker-busters, Bomben zum Knacken von Bunkern. Solche Munition wurde in Jugoslawien, im Irak und in Afghanistan eingesetzt. Ihre Überreste - häufig in Form von lungengängigem Staub - bedrohen dort bis heute die Gesundheit der Bevölkerung, denn Uran ist radioaktiv und ein giftiges Schwermetall.

Wenn zivile und militärische Nutzung der Kernenergie - Atomkraftwerke und Atomwaffen - als Produkte desselben militärisch-zivilen Projektes untrennbar miteinander verknüpft sind, kann die Konsequenz nur heißen: Beide gehören abgeschafft!

Wolfgang Kirstein ist aktiv im Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung e.V.

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