Stoppt den Waffenhandel

Wettrüsten auf See

(Bericht www.german-foreign-policy.com) - Berlin soll seine Aufrüstung auf die Kriegsmarine konzentrieren und sich damit auch für die Konkurrenz gegenüber der Volksrepublik China wappnen. Dies fordert ein Außenpolitik-Experte in der führenden außenpolitischen Zeitschrift der Bundesrepublik. Demnach müsse Deutschland, da sein Wohlstand in hohem Maß vom Seehandel abhänge, sich vor allem dem militärischen Schutz seiner Handelsschifffahrt widmen. Das gelte ganz besonders für den Indischen Ozean, wo ein "Wettrüsten" zwischen China und Indien zu erwarten sei. Die Marinerüstung Chinas, der an die Volksrepublik grenzenden Staaten Südostasiens und Indiens wird seit geraumer Zeit von deutschen Experten aufmerksam beobachtet - nicht zuletzt mit Blick auf mögliche Konfrontationen zwischen Beijing und Washington. China habe starke Interessen im Westpazifik, weil dort "Asiens strategische Seehandelswege" verliefen und zudem "reiche Vorkommen an Öl, Gas und Mineralien" zu finden seien, heißt es unter deutschen Marine-Experten. Entsprechend gereizt reagiere Beijing in jüngster Zeit auf die US-amerikanische Marinedominanz in der Region. Während Washington seine Marine-Aktivitäten und seine Bündnisse im Westpazifik stärkt, richten sich die Absichten deutscher Strategen auf den Indischen Ozean, den westlichen Teil des chinesischen Interessengebiets.


Freie Seehandelswege

Berlin soll seine Rüstungsprojekte auf die Stärkung der Kriegsmarine konzentrieren. Dies fordert der Bonner Außenpolitik-Experte Thomas Speckmann in der Zeitschrift Internationale Politik. Die Fachzeitschrift widmet sich mit einem aktuellen thematischen Schwerpunkt der Frage, wie die Bundeswehr der Zukunft gestaltet sein soll. Speckmann erinnert daran, dass nicht nur "80 Prozent des Welthandels auf dem Seeweg erfolgen" - eine für Exportnationen wie Deutschland ungemein wichtige Tatsache -, sondern dass die Bundesrepublik über die drittgrößte Handelsflotte und sogar über die größte Containerschiffsflotte weltweit verfügt. Während aber etwa China und Indien "ihre Versorgung mit Rohöl aus dem Nahen und Mittleren Osten nach und nach mit der eigenen Flotte" sicherten, setze Deutschland "weiterhin auf die Garantie freier Handelswege durch die US Navy" - und leiste sich eine deutliche Schwächung seiner Kriegsmarine. So seien sechs der zehn deutschen U-Boote seit Juni 2010 außer Dienst gestellt; lediglich zwei neue Einheiten seien als Ersatz vorgesehen und zur Zeit im Bau. Ähnlich verhalte es sich bei anderen Kriegsschiffsgattungen. Die Entwicklung müsse dringend umgekehrt werden.[1]


Zentrale Wasserbrücke

Besonderen Aufrüstungsbedarf sieht Speckmann hinsichtlich der Seewege durch den Indischen Ozean, über die ein Großteil des ungebrochen boomenden deutschen Ostasienhandels abgewickelt wird.[2] Im Indischen Ozean, "an der zentralen Wasserbrücke zwischen Europa, Asien und Afrika", sei "nicht nur die Gefahr der Piraterie zu bannen"; tatsächlich befinden sich deutsche Kriegsschiffe seit geraumer Zeit zur Piratenbekämpfung im Westen des Indischen Ozeans - am Horn von Afrika. Vor allem aber, heißt es in dem Beitrag in der Internationalen Politik, errichteten dort "die Rivalen China und Indien mächtige Flotten". Deutsche Schiffe würden in naher Zukunft ein Meer kreuzen, das sich "inmitten eines maritimen Wettrüstens" befinde. Hier gelte es gegenzuhalten.


Seeblockaden

Während Speckmann daher den Bau von mehr Kriegsschiffen fordert, beobachten Marine-Experten die Aufrüstung der asiatischen Kriegsflotten in jüngster Zeit mit verstärkter Aufmerksamkeit. Über den Hintergrund heißt es in der Fachzeitschrift MarineForum, es zeichne sich immer deutlicher die Rivalität zwischen China und den Vereinigten Staaten ab. Die Volksrepublik habe starke Interessen im Westpazifik - dort verliefen "Asiens strategische Seehandelswege", außerdem gebe es unter dem Meeresgrund "reiche Vorkommen an Öl, Gas und Mineralien". Auf die Präsenz von Kriegsschiffen fremder Staaten, insbesondere der USA, in den betreffenden Gebieten reagiere Beijing zunehmend gereizt. Dabei gehe es nicht nur um den Besitz von Inseln vor allem im Südchinesischen Meer, die neben China auch andere Länder (etwa Vietnam, die Philippinen oder Japan) beanspruchten. Hohe Bedeutung habe zudem die Kontrolle von Meerengen, die für den Seehandel wichtig seien.[3] "Auch in Krisen- oder gar Konfliktzeiten soll China nicht Gefahr laufen, durch Blockaden der südostasiatischen Meerengen oder der Passagen zwischen den japanischen Inseln vom Seeverkehr abgeschnitten zu werden", heißt es über den Hintergrund der Einflussbemühungen Beijings. Dies gelte nicht nur für den Westpazifik, sondern auch für den Indischen Ozean, über den große Teile von Chinas Rohstoffimporten abgewickelt werden.


Das ultimative Großkampfschiff

Exemplarisch untersucht hat das MarineForum die Aufrüstung sowie die chinesisch-amerikanische Konkurrenz anhand der U-Boot-Flotten. Häufig werde davon gesprochen, dass China sich künftig mit eigenen Flugzeugträgerkampfgruppen wappnen könne, heißt es in dem Fachblatt. Dabei werde völlig übersehen, dass mittlerweile eigentlich U-Boote die "vorherrschende Seekriegswaffe" seien. "Heute ist das U-Boot", heißt es in dem Blatt, "das ultimative Großkampfschiff, versehen mit der Fähigkeit, jedes Kriegsschiff zu zerstören, das in seine Reichweite einfährt, und gleichzeitig imstande, Landziele anzugreifen, ohne den eigenen Standort preiszugeben."[4] Insofern sei es nicht übermäßig wahrscheinlich, dass China "massiv in den Bau von Flugzeugträgern" investiere: "Die Zunahme sowohl der Anzahl als auch der Leistung der Unterseeboote im Pazifikraum würde solche Träger in höchste Gefahr setzen, versenkt zu werden". In der Tat investiere die Volksrepublik schon längst "intensiv in die Entwicklung des Unterseebootes als Machtprojektionsmittel" und baue auf lange Sicht eine starke U-Boot-Flotte auf.


U-Boot-Hochrüstung

Den Anstieg der Spannungen in den Meeren rings um China lässt laut MarineForum erkennen, dass nicht nur die Volksrepublik sich hochmoderne neue U-Boote beschafft. Auch Vietnam will U-Boote kaufen. Ferner ist auch Australien um die Aufrüstung mit neuen U-Booten bemüht. Dasselbe treffe, heißt es im MarineForum, auch auf Singapur und Japan zu. "Insgesamt werden bis zum Jahr 2020 circa 80 bis 100 neue Unterseeboote im Pazifikraum in Dienst gestellt", heißt es weiter; viele seien mit Marschflugkörpern und hochmodernen, lichtwellenleitergesteuerten Torpedos ausgestattet. Der Hochrüstung schließe sich auch Indien an, das "offensichtlich (…) nicht hinter China zurückfallen" wolle: "Es hat auch U-Boote aus Frankreich und Deutschland bestellt." Zusätzlich unterhalte noch die US Navy "rund 50 atomar betriebene Unterseeboote im Pazifikraum".[5] Erheblichen Eindruck hat es laut MarineForum in der US Navy gemacht, dass vor geraumer Zeit ein chinesisches U-Boot sich geräuschlos an eine US-amerikanische Flugzeugträgerkampfgruppe anschleichen und plötzlich in ihrer Mitte auftauchen konnte. Der Vorgang symbolisiere, heißt es, die große Bedeutung, die der umfassenden U-Boot-Aufrüstung zukomme; er lasse zugleich die künftige Konfliktlinie zwischen den USA und China deutlich erkennen.


Der deutsche Beitrag

Dass sich inzwischen Spannungen vor allem im Südchinesischen Meer, perspektivisch aber auch im Indischen Ozean deutlich abzeichnen, bestätigt die aktuelle Ausgabe des MarineForums. Dort heißt es über die Auseinandersetzungen: "Washington vertieft die Sicherheitspartnerschaft mit den Staaten des Südchinesischen Meeres, vom alten Verbündeten Manila bis zum neuen Partner Hanoi." Auch "auf internationalen Tagungen unterstützen die USA den Zusammenhalt der Anrainerstaaten." Washington bestehe darauf, bei der Lösung der Territorialstreitigkeiten in der Region einbezogen zu werden. "Und auf Guam - der südlichsten Insel der Marianengruppe und noch immer souveränes US-Territorium - wird die Militärpräsenz ausgebaut." US-Außenministerin Clinton wird mit den Worten zitiert: "Wir stehen zu unserer Präsenz im Pazifik. Wir sind eine pazifische Macht."[6] Während sich Washington vor allem im Westpazifik mit eigenen Kriegsschiffen und einem Ausbau seiner Bündnisse mit aller Macht festzusetzen sucht, nehmen deutsche Strategen das Meer in ihren Blick, das den westlichen Teil der unmittelbaren chinesischen Interessensphäre darstellt - nämlich den Indischen Ozean. Werden die Planungen realisiert, dann stünde die deutsche Kriegsmarine im Rahmen einer möglichen Konfrontation zwischen dem transatlantischen Bündnis und China ganz im Westen der mutmaßlich involvierten Konfliktregionen bereit.

[1], [2] Thomas Speckmann: Alle Mann an Bord. Warum die Zukunft der Bundeswehr auf dem Wasser liegt; Internationale Politik November/Dezember 2011
[3] Klaus Mommsen: Raufbold oder Partner? China instrumentalisiert seine "Volksbefreiungsmarine"; MarineForum 10/2011
[4], [5] Maxim Worcester: Die Rolle des Unterseeboots im Kampf um die Vorherrschaft im Pazifik; MarineForum 9/2011
[6] Sidney E. Dean: Chinas rivalisierende Partner. Noch ist es nur Streit um Rohstoffe; MarineForum 11/2011

Quelle:

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