Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

 

Licht und viel Schatten

Kritische Anmerkungen zum DFG-VK-Bundeskongress

Von Bernd Drücke

 

Das war der schlimmste DFG-VK-Bundeskongress, auf dem ich je war“, so das Urteil eines seit Jahrzehnten aktiven Mitglieds der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Nun, dieser Einschätzung möchte ich mich nicht unbedingt anschließen. Wo Schatten war, gab es nämlich auch Licht. Aber der Reihe nach.

Am 19. August hatte ich mich in der internen DFG-VK-Mitglieder-Mailingliste über die gegen den Politischen Geschäftsführer Monty Schädel gerichtete Kündigung mokiert. Das Kündigungsschreiben war von den damals drei im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) verantwortlichen Mitgliedern des BundessprecherInnenkreises (BSK) unterschrieben worden. In meiner Mail unter dem Titel „Die DFG-VK – ein Haifischbecken?“ schrieb ich dazu unter anderem:

„Wenn der derzeitige BGB-Vorstand nicht will, dass die DFG-VK weiteren Schaden nimmt, dann sollte er die Kündigung umgehend zurückziehen, das direkte Gespräch mit Monty suchen und die Ergebnisse des Bundeskongresses abwarten. (...) Als ich am 8. August (...) das Kündigungsschreiben und seine persönliche Stellungnahme gelesen habe, war ich entsetzt. Wie kann der BGB-Vorstand der ‚Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen‘ einem kranken Geschäftsführer, der sich seit Jahren um die DFG-VK verdient gemacht und gerade einen Herzinfarkt überlebt hat, eine Kündigung schicken? Der Ton des Schreibens, das Monty kurz vor seiner Herz-OP erreichte, wirkt auf mich kaltherzig, neoliberal, kapitalistisch und keineswegs so solidarisch, wie ich es von einer Friedens-
organisation, der ich seit vielen Jahren angehöre, erwarten kann.

Ist das der Stil, mit dem Menschen in der DFG-VK behandelt werden? Na dann, gute Nacht! (...) Wie soll auf der Basis dieser Kündigung ein vertrauensvolles, solidarisches Arbeiten möglich sein? Die Kündigung klingt nach Arschtritt gegen ein verdientes Mitglied der DFG-VK. Behandelt man so jemanden, der schwer krank ist? In einem kapitalistischen Unternehmen vielleicht. Aber in einer Friedensgesellschaft? Was hat ein solcher Stil mit Frieden zu tun?“

Auch nach einem langen Telefongespräch, das ich kurz danach mit dem für die Kündigung mitverantwortlichen Thomas Carl Schwoerer geführt hatte, wurde die aus meiner Sicht zynische Kündigung nicht sofort zurückgenommen. Ist der ehemalige Campus-Verleger, der öffentlich von den Regierenden fordert, mit dem IS zu verhandeln, also nicht einmal in der Lage, fair mit einem Mitarbeiter zu verhandeln, um einen von ihm selbst ohne Not vom Zaun gebrochenen internen Konflikt zu entschärfen? Die Chance zur Deeskalation wurde nicht genutzt, die Zeit verging. Und so erschien am 10. September unter dem Titel „Arbeitnehmerrecht beim Friedensverband. Krieg in den eigenen Reihen“ ein für das Ansehen der DFG-VK verheerender Artikel in der Taz (siehe ZC 4/2017, S. 36 – Anm. d. Red.), in dem es u.a. heißt: „Dabei geht es dem Vorstand der Friedensbewegten vermeintlich nur um Formales. Denn obwohl Schädel vom Bundeskongress, der per demokratischer Wahl den Politischen Geschäftsführer bestimmt, immer nur für die Amtszeit von jeweils zwei Jahren gewählt wird, hat er einen unbefristeten Arbeitsvertrag.“

Die wahrscheinlich auch aus persönlichen Gründen getroffene und nicht vom Bundeskongress legitimierte Amtsanmaßung wurde von den dafür Verantwortlichen erst nach Erscheinen des Taz-Artikels, wenige Wochen vor dem Buko, zurückgenommen. Der Grund für die Rücknahme war aber leider nicht die Einsicht der Verantwortlichen, sondern die Tatsache, dass die Kündigung gegen den Schwerkranken juristisch ohnehin keinen Bestand hat.

Auch weil ich Verbandspolitik nach Gutsherrenart ablehne und mir an einer sozial, nicht neoliberal agierenden DFG-VK liegt, fuhr ich im November als Delegierter der DFG-VK Münster zum Bundes-kongress nach Berlin.

Die erste Jubiläumsfeier: 70. Geburtstag der IdK

Wolfram Beyer hatte mich gebeten, schon einen Tag vor dem Bundeskongress anzureisen, um auf der Feier zum 70. Geburtstag der Berliner IdK (Internationale der KriegsdienstgegnerInnen) als Redakteur der Graswurzelrevolution (GWR) im Anti-Kriegs-Museum ein Grußwort zu sprechen. Das war für mich in gewisser Weise eine Zeitreise zu meinen antimilitaristischen Wurzeln.

Im April 1982 hatte mein älterer Bruder mir das Buch „Krieg dem Kriege“ von Ernst Friedrich in die Hand gedrückt. Damals war ich 16 Jahre alt. Dieses seit 1924 in vielen Sprachen und millionenfach verbreitete, erschütternde Anti-Kriegs-Buch des Anarchopazifisten hat mich politisiert. Umso erstaunlicher ist, dass ich das von Ernst Friedrich 1923 gegründete, von den Nazis 1933 zerstörte und von Friedrichs Enkel Tommy Spree 1982 wieder eröffnete Anti-Kriegs-Museum in Berlin am 9. November zum ersten Mal besucht habe.

Die IdK-Feier war eine würdevolle Veranstaltung, zu der unter anderem die Reden von Wolfram Beyer (IdK) und das Grußwort von Gernot Lennert (DFG-VK) beitrugen, vor allem aber der Gitarrist und Sänger Hans Marquardt, der mit seinen Interpretationen von Liedern des Wiener Anarchisten und Antimilitaristen Georg Kreisler für Begeisterung sorgte. Beeindruckend war auch die anschließende Anti-Kriegs-Vorführung von Tommy Spree im Luftschutzbunker des Museums.

Warum gehören diese Informationen in einen Beitrag zum DFG-VK-Bundeskongress? Nun, vielen ist es vielleicht nicht bewusst, aber DFG-VK, IdK, Anti-Kriegs-Museum, Archiv Aktiv, Bund für Soziale Verteidigung, Institut für Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung, DFG-IdK Hamburg und Graswurzelrevolution sind Geschwister. Sie sind zusammen mit weltweit weiteren 80 Organisationen Mitglieder der War Resisters‘ International (WRI). Der größte Teil der 1947 gegründeten IdK fusionierte 1968 mit der DFG zur DFG-IdK, die 1974 mit dem Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) zur DFG-VK verschmolz. Der (West-)Berliner Landesverband der IdK beteiligte sich damals nicht an den Fusionen, so dass es heute die IdK als eigenständigen Verband gibt, mit Mitgliedern auch außerhalb Berlins.

Denkmal für den unbekannten Deserteur

Am Morgen des 10. Dezember bat mich der ehemalige GWR-Praktikant, Ex-Redakteur der GWR-Jugendzeitschrift utopia und mittlerweile DFG-VK-Geschäftsführer Michael Schulze von Glaßer, am Nachmittag eine Rede zur Kriminalisierung von AntimilitaristInnen auf dem Zietenplatz zu halten. Die Kundgebung unter dem Motto „Die Waffen nieder!“ und die Aufstellung des symbolischen Denkmals des unbekannten Deserteurs an dem Ort, wo die Deutsche Friedens-gesellschaft vor 125 Jahren gegründet wurde, trotzte dem Regen und war ein gelungener Auftakt des dreitägigen Bundeskongresses der DFG-VK.

Einige Stunden später waren bereits zahlreiche Delegierte aus der ganzen Republik in der Jugendherberge Ostkreuz eingetrudelt. Der Diavortrag „Frieden ist machbar! 125 Jahre DFG – Strategien, Aktionen, Erfolge“ von Guido Grünewald am Freitagabend bot nicht nur den erfreulich vielen jungen DFG-VK-AktivistInnen schlaglichtartig einen interessanten Einstieg in die Geschichte der von Bertha von Suttner mitgegründeten Organisation. Die anschließende Podiumsdiskussion u.a. mit den derzeit von Repression betroffenen Antimilitaristen Hermann Theisen und Thomas Haschke war ebenfalls durchweg gelungen und endete mit der begrüßenswerten Wiederbelebung des Carl-von-Ossietzky-Solidaritätsfonds der DFG-VK.

„Ich brauche kein Wort zum Sonntag!“

Der am Samstagmorgen absolvierte Auftritt der prominenten Margot Käßmann war im Vorfeld umstritten, weil die evangelische Pfarrerin kurz zuvor der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ ein Interview gegeben und damit diesem Sprachrohr der Neuen Rechten eine öffentliche Aufwertung und womöglich auch eine Auflagensteigerung beschert hatte. Kirchen gucke ich mir aus historisch-soziologischem Interesse an, aber ich bin nicht mit 18 ausgetreten, um mir dann 33 Jahre später auf dem Bundeskongress „Das Wort zum Sonntag“ anzuhören. Natürlich ist es erfreulich, dass die Theologin sich in der Öffentlichkeit kritisch zum Afghanistankrieg geäußert und mit Konstantin Wecker das pazifistische Buch „Entrüstet Euch!“ herausgegeben hat. Ihre Rede habe ich aber ausgelassen, zu Gunsten spannender Gespräche mit FreundInnen und GenossInnen. Leider habe ich so u.a. auch den Kinderchor „Friedrichshainer Spatzen“ verpasst, der zuvor auftrat und ähnlich gut ankam wie Kathrin Voglers Vortrag „Wo stehen wir jetzt?“

Kathrin Vogler kenne ich seit drei Jahrzehnten, zusammen mit Wilhelm Achelpöhler haben wir Anfang 2009 die Friedensinitiative Pulverturm gegründet und gemeinsam u.a. ein bundesweit Aufsehen erregendes Gelöbnix im Mai 2009 in Rheine organisiert. Dass die einstige DFG-VK-Bundessprecherin seit Oktober 2009 für die Linken im Bundestag sitzt, bedauere ich. Sie fehlt, insbesondere auch der Friedens-
initiative Pulverturm und der DFG-VK. In der Debatte zum BSK-Rechenschaftsbericht hat sie sich am Samstagnachmittag relativ spontan, aber doch überlegt zu Wort gemeldet. Sehr persönlich schilderte sie ihre DFG-VK-Erfahrungen und ging damit indirekt auch auf den problematischen Umgang des BSK mit dem erkrankten Monty Schädel ein. Dieses Statement war vielleicht das wichtigste dieses Bukos. Bewegend und würdevoll. Die soziale Kompetenz und Empathie, die Kathrin Vogler, aber auch ZivilCourage-Redakteur Stefan Philipp, die Mainzer DFG-VK und einige andere auf dem Bundeskongress und im Vorfeld gezeigt haben, hätte ich mir auch von den Mitgliedern des BundessprecherInnenkreises gewünscht.

Ein Highlight am Samstagabend war der Auftritt der Musik- und Aktionsgruppe „Lebenslaute“, die mit ihren Interpretationen von klassischen Stücken und Songs wie „Wer, wenn nicht wir“ für Begeisterung sorgte. Den daran anschließenden Gig des Hip-Hoppers Holger Burner habe ich mir zu Gunsten von persönlichen Gesprächen entgehen lassen. 

Gruselige Bündnisse mit „Montagsmicheln“

Die Wahlen des Geschäftsführers, des ZivilCourage-Redakteurs, der KassenrevisorInnen und VertreterInnen der DFG-VK in Organisationen und Bündnissen zogen sich ähnlich lange hin wie die Diskussion um die Frage, wie mit der rechtsoffenen „Kampagne Stopp Airbase Ramstein“ umzugehen ist.

Das Ergebnis der „Ramstein“-Diskussion ist weder Fisch noch Fleisch und lässt befürchten, dass sich einige DFG-VKler, wie schon beim unsäglichen „Friedenswinter“ 2014/15, in gruselige Bündnisse mit NationalistInnen, VerschwörungstheoretikerInnen und „Querfront“-Montagsmicheln begeben. Die Abwahl Monty Schädels ist auch in diesem Zusammenhang problematisch. Denn er hat 2015 als Politischer Geschäftsführer klare Kante gegen Rechts gezeigt, als sich DFG-VK-Gruppen im „Friedenswinter“ mit NationalistInnen zusammentaten. Da nun der „Friedenswinter“ mit der „Kampagne Stopp Airbase Ramstein“ eine Fortsetzung findet, zeigt sich, wie sehr die klare Stimme Monty Schädels der DFG-VK fehlt. Als Geschäftsführer hatte er 2015 (fast zu spät) erkannt, dass das Bündnis mit Rechten für die Friedensbewegung ein Desaster ist und es aufgekündigt. Dass er nun sogar bei der BSK-Wahl durchfiel, ist ein politisches Armutszeugnis der DFG-VK und lässt für die Zukunft wenig Gutes erwarten.

Die Diskussion der Abschlussresolution verlief am Ende der Konferenz so überhastet, dass die eigentlich selbstverständliche Solidaritätserklärung mit DeserteurInnen und KriegsdienstverweigererInnen vergessen wurde. Und das, obwohl auf dem Buko u.a. auch der ukrainische Kriegs-dienstverweigerer Ruslan Kotsaba seine Situation erläutert hat und die Unterstützung aller Menschen, die den Kriegsdienst verweigern, ein Kernthema der DFG-VK ist.

Fazit: Unerfüllte Erwartungen

100 Delegierte und einige Gäste nahmen täglich am sehr gut organisierten Bundeskongress teil. Die vielen jungen AktivistInnen, die nicht zuletzt auch Michi Schulze von Glaßer mit seinem Engagement neu in die DFG-VK geholt hat, lassen darauf hoffen, dass der Verband auch in den nächsten 125 Jahren eine Zukunft hat. Dieser Bundeskongress erfüllte aber nicht das, was man von einer „Friedensgesellschaft“ erwarten darf. Er war unter anderem davon überschattet, dass dem langjährigen politischen DFG-VK-Geschäftsführer Monty Schädel im Sommer 2017, wenige Monate nach seinem schweren Herzinfarkt und kurz vor seiner Herz-OP, eiskalt von drei Mitgliedern des BundessprecherInnenkreises der DFG-VK gekündigt wurde. Der Buko verurteilte die unsinnige Kündigung zwar als „Fehler“, bestätigte aber die Verantwortlichen trotz dieses verbandsschädigenden Verhaltens in ihren Äm-tern. Schade angesichts etlicher guter Beiträge beim Buko und des wertvollen Engagements vieler DFG-VKler.

Bernd Drücke ist Redakteur der Zeitschrift Graswurzelrevolution. Beim Bundeskongress war er als Delegierter der DFG-VK-Gruppe Münster.

 

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