Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

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Zypern: Geteilte und militarisierte Insel

Antimilitaristische Arbeit vor schwierigem politischen und historischen Hintergrund

Von Gernot Lennert

 

Auch bei einem touristischen Aufenthalt ist der Zypernkonflikt kaum zu übersehen. Beim Postkartenversand kommt zum Porto noch eine 2-Cent-Briefmarke für Flüchtlingshilfe hinzu – für die Vertriebenen aus der Zeit der türkischen Invasion von 1974. Die Kommission für vermisste Personen exhumiert und identifiziert noch heute alljährlich Tote aus der Zeit der Massaker, z.B. 96 Exhumierungen 2016, wobei das Schicksal Hunderter noch ungeklärt ist.

Besonders gut sichtbar ist die Green Line, die Demarkationslinie zwischen den beiden Teilen Zyperns, in der Altstadt von Nikosia, wo sich griechisch-zyprisches und türkisch-zyprisches Militär, getrennt von Barrieren aus Fässern, Zäunen, Mauerresten und Stacheldraht und mehr oder weniger Metern UN-Pufferzone, dicht gegenüberstehen. Allgegenwärtig und unübersehbar sind die Nationalismen.

Bezeichnend ist, dass in der Republik Zypern viel häufiger die griechische als die zyprische Fahne zu sehen ist, die griechische Flagge oft neu mit leuchtenden Farben, daneben die zyprische als zerschlissener Lumpen. Vor griechisch-orthodoxen Kirchen wehen oft nur die Fahne Griechenlands und die gelbe Kirchenfahne mit dem oströmischen Doppeladler. Die Flagge der nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik Nordzypern sah ich ausschließlich in Kombination mit der türkischen Fahne. In beiden Teilen werden jeweils die Nationalfeiertage Griechenlands und der Türkei begangen. Die Nationalhymne der Republik Zypern ist identisch mit der Griechenlands. Eine äußerst befremdliche Selbstverleugnung zweier politischer Einheiten, die beide von anderen verlangen, als jeweils eigener Staat ernst genommen zu werden.

Ein freundlicher Fan des ausdrücklich „hellenischen“ Fußballclubs Apoel versicherte in einem Straßencafé während der Übertragung eines Spiels gegen eine deutsche Mannschaft, dass sie mit Deutschen keine Probleme hätten – „aber mit den Kerlen da drüben!“ (zur nahegelegenen Green Line deutend). Rein symbolisch und affektiv keine guten Voraussetzungen für ein wiedervereinigtes Zypern. Auch innerhalb der Volksgruppen gibt es Gegensätze. Der Apoel-Fan verkündete auch, sie selbst seien rechts, die Anhänger des anderen großen Fußballvereins seien Kommunisten. Dass im Oktober eine Frau wegen Abtreibung in Untersuchungshaft kam, beleuchtet, wie konservativ Zypern auch in anderer Hinsicht sein kann.

Zypern zwischen Europa, Asien und Afrika

In der Frühgeschichte trafen sich in Zypern Einflüsse aus dem Orient und Griechenland. Nach dem Zerfall des Alexanderreichs kam die hellenisierte Insel an die Ptolemäer. Ab 58 v. Chr. gehörte Zypern zum Römischen Reich und später zum griechisch geprägten Oströmischen Reich. Während des Dritten Kreuzzugs eroberte der englische König Richard Löwenherz 1191 die griechisch-orthodoxe Insel, die 1192 an die Kreuzfahrerdynastie der Lusignan kam und als Königreich Zypern zum größten Kreuzfahrerstaat der Region wurde.

Auf Immigration in dieser Zeit gehen die maronitischen, armenischen und „lateinischen“ (römisch-katholisch) Minderheiten in Zypern zurück. 1489 erbte die Republik Venedig die Insel, 1581 folgte die osmanische Eroberung. 1878 besetzte Großbritannien Zypern, das bis zum Ersten Weltkrieg unter osmanischer Oberhoheit verblieb, dann von Großbritannien annektiert und zur Kronkolonie gemacht wurde.

Der griechische Nationalismus strebt nach Ένωσις (Énosis, Vereinigung) des griechischen Staats mit allen griechischsprachigen Gebieten, auch mit Zypern. Die Türkei propagierte die Teilung (Taksim) der Insel, um wenigstens einen Teil zu erhalten. Nicht zuletzt aufgrund der Indoktrination durch die beiden Bildungssysteme setzten sich in Zypern griechischer und türkischer Nationalismus durch.

1955 bis 1959 führte die Untergrundorganisation Eoka eine Guerrilla- und Terrorismuskampagne gegen die Kolonialmacht. Was heute in Museen und mit Denkmälern als antikolonialer Befreiungskampf gefeiert wird, war jedoch kein gesamt-zyprischer Kampf für ein unabhängiges Zypern, sondern ein griechisch-nationalistischer Kampf für Énosis und gegen die türkisch-zyprische Bevölkerung. Großbritannien bezweifelte noch in den 1950ern, dass kleine Inseln lebensfähige Staaten sein könnten. Trotzdem wurde Zypern 1960 unabhängig. Diesem Beispiel folgten seitdem zahlreiche weitere kleine britische Inselkolonien.

Die ungewollte Republik Zypern sollte auf Machtteilung zwischen den beiden Volksgruppen basieren. Großbritannien, Griechenland und die Türkei wurden Garantiemächte mit Interventionsrecht. Drei Prozent des Territoriums blieben britisch und wurden zu den Sovereign Base Areas (SBA, Souveräne Stützpunktgebiete) Akrotiri und Dhekelia.

Schon 1963 zerbrach die gemeinsame Regierung. Massaker und Bürgerkrieg führten zur bis heute andauernden Stationierung von UN-Truppen. Mit dem Rückzug der türkisch-zyprischen Bevölkerung in separate Enklaven begann die territoriale Spaltung.

Griechisch-zyprische Ultranationalisten bekämpften als Eoka-B die Regierung Makarios. Als die griechisch-zyprische Nationalgarde 1974 im Auftrag der griechischen Militärjunta putschte, um die Énosis durchzusetzen, intervenierte die Türkei und besetzte 38 Prozent des Territoriums der Insel. Der Putsch wurde niedergeschlagen, Makarios kehrte zurück. De facto ist Zypern seitdem geteilt, aufgrund der Massenvertreibungen sind auch die Siedlungsgebiete getrennt. International gilt die griechisch-zyprisch geprägte Republik Zypern als zyprischer Staat. Die im türkisch besetzten Norden 1983 ausgerufene Türkische Republik Nordzypern wird nur von der Türkei anerkannt.

Seit 2003 ist die Demarkationslinie wieder für alle überquerbar. Dem Annan-Plan, der die Wiedervereinigung vorsah, wurde 2004 im Referendum im türkischen Norden zugestimmt, jedoch nicht im griechischen Süden. Die Republik Zypern wurde dennoch Mitglied der EU.

Kriegsdienstverweigerung

In beiden Teilen Zyperns werden Männer zum Kriegsdienst gezwungen. Dem widersetzt sich die 2008 gegründete Kriegsdienstverweigerer-Initiative (Vicdani Ret İnisiyatifi) mit vorwiegend türkisch-zypriotischen Aktiven. Es gibt zur Zeit sechs Verweigerer, die früher den Grundmilitärdienst abgeleistet haben, aber heute Reserveübungen verweigern.

International bekannt wurde Murat Kanatlı, Mitgründer der Initiative, als er 2014 wegen Verweigerung einer Reserveübung 10 Tage ins Gefängnis kam. Heute vertritt er im Stadtrat von Türkisch-Nikosia die Yeni Kıbrıs Partisi (New Cyprus Party), eine ansonsten außerparlamentarische sozialistische nicht-nationalistische Kleinstpartei. Nuri Sılay, ebenfalls Gründungsmitglied der Kriegsdienstverweigerungsini-
tiative, verweigert den Kriegsdienst im Militär der Türkischen Republik Nordzypern. Da ihm dort, seitdem er seine Kriegsdienstverweigerung erklärte, Zwangsrekrutierung und Gefängnis drohen, lebt er im griechisch-zyprischen Teil der Insel und hat einen Pass der Republik Zypern.

Ein Vorschlag zur gesetzlichen Regelung der Kriegsdienstverweigerung und des Zivildienstes ist vom Petitionsausschuss des Parlaments der Türkischen Republik Nord-Zypern entgegengenommen worden.

Die zyprischen Antimilitarist*innen sind international gut vernetzt. 2014 fand in Zypern ein Treffen von Kriegsdienstverweigerungsgruppen aus dem östlichen Mittelmeerraum statt, Anfang November 2017 die Mitgliederversammlung des European Bureau of Conscientious Objection (Europäisches Kriegsdienstverweigerungsbüro). Günstig dafür ist ein von beiden Seiten zugängliches Gebiet in der UN-Pufferzone in Nikosia, wo neben dem Hauptquartier der UN-Truppen auch ein Begegnungszentrum und das Goethe-Institut angesiedelt sind.

Lösung des Zypern-Konflikts?

2015 wurden, wieder unter Ägide der UN, als aussichtsreich geltende Verhandlungen für eine Lösung des Zypern-Problems aufgenommen, die letztendlich im Juli 2017 scheiterten – zumindest bis zur Präsidentenwahl in der Republik Zypern Anfang 2018. Im Oktober verhärtete sich die Position der türkischen Seite. Die Türkische Republik Nord-Zypern führte Einfuhrzölle auf Hilfsgüter ein, die von UN-Konvois auf die Karpas-Halbinsel im Nordosten gebracht werden, um die 1974 dort unter türkischer Herrschaft verbliebene griechische und maronitische Bevölkerung zu versorgen. Gleichfalls im Oktober drohten sowohl der Außenminister Türkisch-Nordzyperns als auch der stellvertretende Ministerpräsident der Türkei mit einer Annexion Nord-Zyperns durch die Türkei. Die Türkei hat inzwischen so viele Menschen aus Anatolien in Nord-Zypern angesiedelt, dass die zypern-türkische Bevölkerung zur Minderheit im eigenen Gebiet geworden ist. Wie in der Türkei schreiten Islamisierung und Jagd auf „Gülenisten“ voran.

Auch die SBA werden in Frage gestellt. Da wegen des Brexit mit Großbritannien ohnehin neu verhandelt werden müsse, könne man bei dieser Gelegenheit auch die SBA wegverhandeln. Manche wünschen den britischen Abzug, andere wollen nur die britische Souveränität beenden und für die Basen einen kündbaren Stützpunktvertrag abschließen.

Jede Zypern-Vereinbarung muss in Referenda in beiden Volksgruppen Zyperns gebilligt werden, was angesichts des Ultranationalismus schwer werden könnte. Immerhin wird dem extremen Nationalismus auch widersprochen: Die postkommunistische Alel, eine der beiden großen Parteien in der Republik Zypern, protestierte 2017 gegen die Errichtung eines Denkmals in Limassol für den Eoka-Führer Grivas. Akel argumentiert, dass genau dieser Rechtsextremist Wegbereiter für den Putsch von 1974 und die daraus resultierende türkische Invasion und Besatzung war.

Der möglicherweise wichtigste Streitpunkt von vielen in den Zypern-Verhandlungen: Die Republik Zypern will der Türkei kein Interventionsrecht einräumen, die Türkei insistiert genau darauf. Ob und wie es weitergeht, wird sich nach dem Präsidentschaftswahlen 2018 zeigen.

 

Gernot Lennert ist Geschäftsführer des hessischen DFG-VK-Landesverbands.

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