Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

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„Bertha von Suttner ist mir ein Vorbild.“

Festvortrag zum 125. Jubiläum der Deutschen Friedensgesellschaft beim DFG-VK-Bundeskongress

Von Margot Käßmann

 

Foto: Margot Käßmann, DFG-VK-Bundeskongress 2017, Berlin (© DFG-VK/ZivilCourage/Stefan Philipp)

Im Folgenden werde ich ein paar persönliche Erfahrungen benennen (...), danach auf das Friedensengagement der Kirchen zu sprechen kommen, um anschließend heutige Aufgaben des Pazifismus zu benennen.

Biografische Erfahrungen

Bisher hat keine meiner Predigten so viel Resonanz hervorgerufen wie die im ZDF-Fernsehgottesdienst aus der Frauenkirche in Dresden am Neujahrstag 2010. Dabei erregte nicht die ganze Predigt die Gemüter, sondern nur ein kurzer Abschnitt. „Nichts ist gut in Afghanistan…“, beginnt dieser. Die Predigt insgesamt haben sicher nur wenige im Fernsehgottesdienst gehört oder später nachgelesen. Allein an diesem Abschnitt, im Predigtmanuskript 15 Zeilen lang, nahmen viele Anstoß. Eine Zeitung startete mit diesem einen Satz offensiv eine Umfrage: „Was halten Sie von dem, was die Bischöfin der hannoverschen Landeskirche und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland da sagt?“ Es hagelte heftige und teilweise hämische Reaktionen: Ich würde die deutschen Soldaten in Afghanistan im Stich lassen, ich sei naiv, anmaßend, bis hin zu der Aufforderung des damaligen Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe, ich sollte mich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten.

Mich erreichte allerdings auch eine Welle von zustimmenden und ermutigenden Briefen und Mails, die mir geholfen hat, meine Position nicht als absurd anzusehen, sondern mich getragen zu wissen von vielen Menschen, die gleicher Überzeugung sind. Aber die Heftigkeit der kritischen Stimmen hat mich doch befremdet.

Wohlgemerkt: Die rechtliche Legitimität des deutschen Einsatzes stand nicht infrage; der Bundestag hatte ihn 2001 mit Mehrheit beschlossen. Aber wie kann jemand davon überrascht sein, dass meine Kirche trotzdem zum Frieden mahnt? Zunächst 1 250 Soldaten für sechs Monate, dann 4 500 und acht Jahre später die Frage, ob es mehr bewaffnete Streitkräfte sein sollen – das muss doch zu Fragen Anlass geben! Wer wird denn von einer Bischöfin, oder von einem anderen Christenmenschen, etwas anderes erwarten, als dass sie sich auf das Wort Jesu im Matthäusevangelium bezieht: „Selig sind, die Frieden stiften“? Was wäre denn gewesen, wenn ich gefordert hätte, wir sollten in der Tat schlicht mehr Soldaten schicken, mehr Waffen liefern? Gerade mit Blick auf die Vergangenheit ist mir wichtig, dass Kirchen deutlich für das „Frieden schaffen ohne Waffen“ plädieren.

Heute denke ich, die Debatte war Anfang 2010 deshalb so heftig, weil mit dem von einem deutschen Oberst im September 2009 ausgelösten Angriff auf Tanklastwagen, bei dem weit über 100 Zivilisten ums Leben kamen, plötzlich klar wurde, dass deutsche Soldaten in Afghanistan eben nicht nur Schulen bauen und Brunnen bohren, sondern kämpfen. Viel zu lange haben wir uns im Land um die Debatte gedrückt, ob deutsche Soldaten nach 1945 außerhalb von Nato-Staaten zu Kampfeinsätzen geschickt werden. Stattdessen wurde das schleichend selbstverständlich bis dahin, dass ein Verteidigungsminister über die Anschaffung von Drohnen nachdachte, ohne dass dies allzu große Verwunderung auslöste. In der Sendung „Monitor“ vom 27. September 2012 sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière: „Gezieltes Töten ist ein Fortschritt.“ Kann das sein, dass wir gezielt töten wollen? Ohne Beteiligung anderer keine menschlichen Gegner mehr, sondern Maschinen, die für uns töten! Ich bin grundsätzlich gegen Krieg, aber hier werden nicht einmal mehr die Minimalia des „gerechten Krieges“ beachtet, von der Suche nach einer prioritären Option für den gerechten Frieden ganz zu schweigen. (...)

Wer sich als Christin, als Christ für den Frieden einsetzt, dem wird schnell die Kirchengeschichte entgegengehalten. Wie war das mit den Kreuzzügen? Wurde da nicht fortdauernder Hass geschürt? Was ist mit Hexenverfolgung und Inquisition – ist das Christentum per se gewalthaltig? Wie viele Pogrome wurden kirchlich legitimiert! Ich persönlich bin überzeugt, dass die Kirche in die Irre gegangen ist, wann immer sie Gewalt legitimiert hat. Jesus Christus war kein Aufrührer mit der Waffe in der Hand. Er hat Frieden gepredigt, nicht Krieg, Feindesliebe, nicht Hass. Und so absurd die Aufforderung war, mit den Taliban in einem Zelt bei Kerzenlicht zu beten: In der Bergpredigt heißt es: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen …“ (Mt 5,44). Das ist christliche Maxime. (...)

Das Thema Krieg hat in meiner Kindheit eine große Rolle gespielt. Meine Eltern hatten hautnah erlebt, was Krieg bedeutet, der Verlust der Heimat in Hinterpommern hat die Familie mütterlicherseits geprägt. „Nie wieder Krieg!“, das war ein cantus firmus bei uns Zuhause, also die „Hauptmelodie“.

Der Vietnamkrieg hat mich deshalb schockiert. Die Bilder der von Napalmbomben gezeichneten Kinder standen in aller Welt vor Augen. Als der Krieg am 1. Mai 1975 offiziell beendet wurde, war ich mit einem Stipendium in den USA und hatte in den Diskussionen erlebt, dass viele Amerikaner es als Schande ansahen, einen Krieg „verloren“ zu haben. Umso mehr überzeugte mich Martin Luther King. Er hatte schon seit 1965 für Verhandlungen plädiert und wurde Sprecher der Anti-Kriegsbewegung. Er vertrat konsequent die Auffassung, dass sich Konflikte gewaltfrei lösen lassen, in Familien, Gesellschaften, zwischen Nationen. Die Menschen könnten Gewaltlosigkeit lernen, davon war er überzeugt. Er vertraute auf die Kraft der Liebe ganz im Sinne Jesu. So brachte er die alten biblischen Texte in seinen Ansprachen immer wieder ganz aktuell zum Klingen. Mich hat das begeistert und immer wieder ermutigt, diesen Standpunkt zu vertreten. Dass die Worte Jesu von der Feindesliebe eine ungeheure Wirkung entfalten können, erlebe ich auch heute. Sie werden belacht, sie regen Menschen auf, sie erzeugen Widerspruch – aber sie lassen nicht kalt.

Mich hat beeindruckt, dass Martin Luther King die Kraft hatte, bei seiner pazifistischen Grundüberzeugung zu bleiben und sie durchzuhalten, auch als beispielsweise in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama am 15. September 1963 eine Bombe in der Sonntagsschule einer baptistischen Kirche explodierte, vier kleine schwarze Mädchen tötete und 21 weitere Kinder verletzte. Der Ku-Klux-Klan zeigte sich stolz auf diese Tat – das erinnert an den IS, der sich stolz zu Attentaten bekennt, bei denen Kinder sterben. Muss da nicht Gewalt die Antwort sein – das ist die Frage damals wie heute. Martin Luther King hielt eine bewegende Traueransprache für die Kinder, aber er ließ sich nicht verführen, Gewalt zu befürworten.

Immer wieder bin ich mit der Frage konfrontiert worden, ob nicht angesichts dieses Terrorattentats oder jener humanitären Katastrophe Gewalt die allein mögliche Antwort sei. Ob nicht alles andere lächerlich und naiv oder beides sei. Ich halte es nicht für naiv, weil ich nicht sehe, dass ein militärischer Einsatz in den letzten Jahrzehnten wahrhaftig zum Frieden geführt hätte, zu echtem, tiefem Frieden. Sprechen erst einmal die Waffen, ist Waffenstillstand schwer zu erreichen, und gerade wir als Deutsche wissen, wie furchtbar lange es dauert, bis Frieden wird – im Land und in den Menschen. Mich tröstet, dass Martin Luther King – wie im übrigen alle anderen Pazifisten, sei es Gandhi, sei es Bertha von Suttner – ebensolche Fragen über sich ergehen lassen mussten.

Vorbild war und bleibt mir King auch, weil er sich nicht zurückdrängen ließ. „Weil ich Prediger aus Berufung bin…“, so begründet er sein Engagement gegen den Vietnamkrieg. In diesem Vortrag weist er die Anfragen zurück, wie er sich denn in diesen Krieg einmischen könne. Bürgerrechtler ja, aber was verstehe er von Vietnam, wurde gefragt. King zeigt sehr klar die Zusammenhänge: In Vietnam kämpften junge schwarze Soldaten für eine Freiheit, die sie zu Hause gar nicht hatten. Sie zerstörten die Häuser von Menschen, die von den USA ebenso unterdrückt wurden wie sie selbst. Und die Gelder, die in den Krieg flossen, sie wurden der Armutsbekämpfung im eigenen Land entzogen. Gerechtigkeit und Frieden, sie sind unmittelbar miteinander verknüpft. Das ist mir persönlich im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung klar geworden, für den ich mich jahrelang engagiert habe.

(...) Jetzt aber zum

Friedensengagement der Kirchen

Am 2. August 1914 spricht der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Doehring von den Stufen des Reichstags zu einer großen Volksmenge in einem improvisierten Gottesdienst: „Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten, wenn wir nicht – ich möchte fast sagen handgreiflich – die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserm Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“

Bei solcher Predigt graust es mir gut hundert Jahre später. Hier haben Menschen Ideologie und Zeitgeist mehr gehorcht als dem Gott, der die Ohnmacht am Kreuz kennt. Es ist erschreckend, wie der Kollege damals diese Kriegstreiberei mit der Botschaft Jesu hat in Verbindung bringen können. Auf allen Seiten waren die Kirchen Europas Teil eines national verblendeten Getöses. Doch es gab Ausnahmen. So sandte der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom im September 1914 von Uppsala aus einen Friedensaufruf an die Kirchenverantwortlichen Europas. Deren Reaktionen allerdings sind aus heutiger Sicht beschämend. Deutschen, französischen und britischen Kirchenleitern war die Verbundenheit zur Nation wichtiger als die christliche Friedensbotschaft.

Und, nebenbei bemerkt, da waren sie nicht die Einzigen, bei denen zuvor geäußerte Überzeugungen nach dem Beginn des Krieges 1914 keine große Rolle mehr spielten: Im November 1912 hatte die Sozialistische Internationale in Basel – genauer: sogar im Basler Münster mit Zustimmung und Unterstützung der dortigen Kirchengemeinde – einen internationalen Friedenskongress mit über 500 Delegierten aus 23 europäischen Ländern veranstaltet unter dem Motto: Krieg dem Kriege! Nach dem Sommer 1914 schlachteten sich dann die Sozialdemokraten und Sozialisten, die Gewerkschafter und Arbeiter aus den am Ersten Weltkrieg beteiligten Staaten gegenseitig ab. Gezwungenermaßen. Und leider gab es keine Generalstreiks und keine massenhaften Kriegsdienstverweigerungen.

Gott sei Dank haben die Kirchen und die Christen seitdem gelernt. Vor hundert Jahren war der deutsche Protestantismus dem Kaiser als Oberhaupt der Kirche auf´s Engste verbunden; Kirchenmitglieder wie Kirchenleitungen lehnten mehrheitlich die Weimarer Republik vehement ab und bejahten dann den Nationalsozialismus.

Inzwischen sind wir froh über die Trennung von Staat und Kirche und die jeweilige Freiheit, die das bringt. Der Protestantismus heute bejaht die Demokratie mit Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit. Die Evangelische Kirche spricht nicht mehr von „gerechtem Krieg“, sondern allein von „gerechtem Frieden“. Das ist keine Phrase, sondern das Ergebnis vieler durchlittener Erfahrungen.

Wir haben gelernt, dass es auch gilt, widerständig zu sein. Zum einen von jenen, die aus Glaubens- und Gewissensgründen Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet haben, als unsere Kirche mehrheitlich versagt hat und sich nicht schützend vor die verfolgten Juden, Sinti und Roma, Kommunisten und Homosexuellen stellte. Und von denen, die in der DDR die Türen weit aufgemacht haben für freie Rede, Auseinandersetzung und Kritik auch am Staat und so eine friedliche Revolution möglich gemacht haben. Diesen Erfahrungsschatz gilt es nun zu nutzen für eine glaubwürdige Haltung in unserer Zeit. Da sind die reformatorischen Kirchen in aktuellen Fragen gefordert.

Gerade im gegenwärtigen Ukraine-Konflikt ist es wichtig, die Stimme des Friedens hörbar zu machen – gegenüber Wladimir Putin, aber auch gegenüber allen, die jetzt Russland als Feind sehen wollen. Mehr als 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten und mehr als 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer herrscht in Europa mancherorts wieder Kriegsangst. Anders als 1914 aber rufen Europas Kirchen nicht mehr zum Krieg auf. Sie sehen es als ihre Aufgabe, gegen die zunehmenden Abgrenzungen und Anfeindungen die Friedensbotschaft Jesu zu setzen, einzutreten für Interessensausgleich und Verhandlungslösungen. Das aber müssen sie auch vernehmbar tun. Die Stimme der europäischen Kirchen inklusive der russisch-orthodoxen sollte viel stärker hörbar sein. Geschieht das nicht, bleibt die Frage: Was sind jene Dialoge wert, die wir über Jahrzehnte geführt haben? Was hat es gebracht, so miteinander zu ringen, wenn nun die Kraft fehlt, die vermeintlich erreichte Gemeinsamkeit auch erfahrbar zu machen über nationale und konfessionelle Grenzen hinweg? (...)

Doch im Zeitalter von Drohnen und Massenvernichtungswaffen kann niemand mehr Krieg als ein Werkzeug Gottes sehen. Der Kriegstaumel von Sunniten und Schiiten im Irak, die jeweils zum angeblich „heiligen Krieg“ aufrufen, erinnert erschreckend an den Dreißigjährigen Krieg in Europa wie an das „Gott mit uns“ auf den Koppelschlössern der Soldaten in beiden Weltkriegen. Wieder wird der Name Gottes missbraucht, um eigene Vorstellungen durchzusetzen. Die blutigen Schlachtfelder von Verdun liegen heute in den Ebenen des Zweistromlandes oder in Zentralafrika. Und immer leiden zuerst die Kinder und werden traumatisiert fürs Leben. Der Krieg zerstört nicht nur Städte und verwüstet Felder, er prägt die Kinder, Enkel und Urenkel der Täter und der Opfer.

Gewalt und Krieg können nicht mit Gott legitimiert werden, das haben die reformatorischen Kirchen schmerzhaft gelernt. Religion darf sich nicht missbrauchen lassen, um Öl in das Feuer ethnischer, religiöser, nationaler oder wirtschaftlicher Konflikte zu gießen. Zum Frieden zu rufen, ist ihre Aufgabe. Die Reformatoren wollten einen freien Glauben, in dem Menschen selbst lesen, frei denken, Fragen stellen dürfen und das eigene Gewissen schärfen können. Es braucht diesen gebildeten, selbstkritischen Glauben, um jeder Form von Fundamentalismus zu widerstehen und den Verlockungen von Hass und Gewalt. Das können wir weitergeben aus bitterer Erfahrung: Krieg kann nicht gerecht sein.

Ganz klar ist doch heute, dass zivile Mittel immer mindestens Vorrang haben müssen vor militärischen. Wer aber sieht, wie pazifistische Positionen in Frage gestellt sind, ja lächerlich gemacht werden, wie militärische Einsätze mit humanitären Zielen begründet werden, dass Deutschland zur drittgrößten Rüstungsexportnation aufgestiegen ist, dem wird bewusst: Es gilt, wach und wachsam zu bleiben. Gerade was die Rüstungsexporte betrifft, wird doch glasklar: Wir können und dürfen nicht die Kriege dieser Welt beklagen und gleichzeitig an ihnen verdienen!

Wir haben wenige Vorbilder, die so wachsam waren. Zu denken ist an Dietrich Bonhoeffer, der die ökumenische Bewegung als Friedensbewegung gesehen hat. An Friedrich Siegmund-Schultze, der immer wieder zum Frieden mahnte. Siegmund-Schultze war übrigens der Gründer der Zentralstelle KDV, in der die DFG-VK jahrzehntelang maßgeblich mitarbeitete und deren ich Präsidentin ich einige Jahre sein durfte. In die Reihe dieser Vorbilder gehört auch Martin Niemöller. Der Präsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau war ab 1957 Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft, ab 1958 auch der Internationale der Kriegsdienstgegner und nach der Fusion der beiden 1968 und dann 1974 mit dem Verband der Kriegsdienstverweigerer zunächst Präsident und dann ab 1976 Ehrenpräsident der DFG-VK. Als hochrangiger Kirchenvertreter hat er sich dabei immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, „zu politisch“ zu sein. 

Aufgaben des Pazifismus heute

Guido Grünewald hat gestern die 125- jährige Geschichte der DFG nachgezeichnet (Sein Vortrag ist auf Seite 12 ff. in diesem Heft veröffentlicht). Mir ist daran besonders wichtig, dass jedes Mitglied der DFG-VK mit der Unterschrift unter die Grundsatzerklärung ein persönliches Bekenntnis mit organisiertem gemeinsamem politischem Engagement verknüpft: „Der Krieg ist ein Verbrechen an der Menschheit. Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitzuarbeiten.“

Was aber heißt es heute, an der Beseitigung von Kriegsursachen mitzuarbeiten? Drei Beispiele will ich nennen, die für uns in Deutschland relevant sind:

Zum einen sind da die Atomwaffen. US-Präsident Donald Trump fragt: „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ Ralph Freund, stellvertretender Vorsitzender der Republicans Overseas, sagte kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Warum haben sie ein Atomwaffenpotenzial, wenn sie damit noch nicht mal drohen? – Diese Diktatoren müssen sie damit zum Bewusstsein rufen, dass es noch andere Kräfte gibt. Ich halte das für richtig. Ich glaube nicht, dass dann letztendlich die Atomwaffe gezogen wird, aber man muss zumindest diese Militäroption gegenüber Diktatoren ziehen.“

Und mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen sagte Alexander Graf Lambsdorff von der FDP am 2. November: „Die ganz wenigen (Atomwaffen), die wir hier haben, sind deswegen wichtig, damit wir als Deutschland in der Nato bei diesem wichtigen Thema mitreden können….“.

Angesichts solcher Aussagen muss uns gruseln nach Hiroshima und Nagasaki. Da ist ganz klar Widerspruch angesagt!

Zum anderen geht es um Bewusstseinsbildung in unserer Gesellschaft, aber auch international. Die Friedensbewegung ist klein geworden, obwohl doch die Probleme groß sind. Im vergangenen Jahr tobten 18 Kriege der höchsten Eskalationsstufe. Syrien, Jemen, Sudan, Nigeria und Afghanistan sind Orte massivster Gewalt. Und auch in Europa ist der Krieg wieder in greifbare Nähe gerückt. Von Berlin nach Donbass sind es rund 2.000 Kilometer, mein Routenplaner gibt dafür eine Fahrtzeit von 23 Stunden und 47 Minuten an! Dieser militärische Konflikt spielt sich gewissermaßen vor unserer Haustüre ab! Seit der Annexion der Krim durch Russland vor drei Jahren gibt es ständige Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und Russland, zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischem Militär, die inzwischen 10.000 Tote zur Folge haben. Die Beziehungen zwischen Russland und der NATO sind dadurch angespannt und verstärken sich durch Militärmanöver und Truppenstationierungen.

Dem „Kriegsglauben“ können wir nur etwas entgegensetzen, wenn wir international zusammenarbeiten als Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner. Gut, dass nach mir Semih Sapmaz von der War Resisters´ International spricht, in der die DFG-VK vernetzt ist.

Zivile Methoden der Konfliktbearbeitung brauchen mehr Gehör, Mediation kann gelernt werden. Dazu gehört auch, dass wir international das Recht auf Kriegsdienstverweigerung unterstützen.

Lassen Sie mich noch einmal Martin Luther King zitieren: „Zuerst muss betont werden, das gewaltloser Widerstand keine Methode für Feiglinge ist. Es wird Widerstand geleistet. Wenn jemand diese Methode anwendet, weil er Angst hat oder nur weil ihm die Werkzeuge zur Gewaltanwendung fehlen, so handelt er in Wirklichkeit nicht gewaltlos. Aus diesem Grunde hat Gandhi oft gesagt, man solle, wenn man nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt hat, lieber kämpfen. Er wusste, dass es immer noch eine andere Möglichkeit gibt: Weder eine Einzelperson noch eine Gruppe von Menschen braucht sich einem Unrecht zu unterwerfen oder Gewalt anzuwenden, um sich wieder Recht zu verschaffen; denn es gibt den Weg des gewaltlosen Widerstands. Das ist letzten Endes der Weg des Starken. Es ist keine Methode träger Passivität. Der Ausdruck „passiver Widerstand“ erweckt oft den falschen Eindruck, dass das eine Methode des Nichtstuns sei, bei der derjenige, der Widerstand leistet, ruhig und passiv das Böse hinnimmt. Aber nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Denn der Anhänger des gewaltlosen Widerstands ist nur insofern passiv, als er seinen Gegner nicht physisch angreift; sein Geist und seine Gefühle aber sind immer aktiv. Sie versuchen ständig den Gegner zu überzeugen, dass er im Unrecht ist. Die Methode ist körperlich passiv, aber geistig stark aktiv. Es ist keine Widerstandslosigkeit gegenüber dem Bösen, sondern aktiver gewaltloser Widerstand gegen das Böse.“

Und schließlich geht es um Aufrüstung. Statt jetzt aber Friedensmissionen, Freiwillige, Mediationsexpertinnen zu entsenden, drängen US-Präsident Donald Trump und sein Außenminister Rex Tillerson darauf, dass die Nato-Mitgliedsstaaten ihre Militärausgaben auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistungen erhöhen. Der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt in Deutschland derzeit bei 1,2 Prozent, das sind rund 36 Milliarden Euro. Erwartet werden demnach mehr als 70 Milliarden! Wollen wir das?

Die Frage ist inzwischen auch Thema der Koalitionsverhandlungen und wir sollten die Parteien stark machen, die eine Erhöhung der Militärausgaben nicht einfach abnicken.

Wie kann es sein, dass wir im Jahr 2017 nicht fähig sind, Konflikte friedlich zu lösen? Warum nur wird das Heil weiter im Militär gesucht, wenn wir doch alle, alle wissen, dass mehr Rüstung nicht mehr Frieden bringt, sondern Krieg wahrscheinlicher macht? Ganz zu schweigen davon, dass wir in den letzten Wochen realisieren, dass in der Bundeswehr wahrhaftig nicht alles nur zum Guten steht. Ja, die Mehrheit der Soldatinnen und Soldaten steht fraglos zu Verfassung und Grundgesetz. Aber einen Nährboden für rechtsextremes Gedankengut gibt es da offenbar auch…

Engagement gegen Aufrüstung muss einhergehen mit Engagement gegen Rüstungsexporte. Wir beklagen die Kriege und Bürgerkriege, wir sind schockiert über die Bilder aus Syrien – aber wir verdienen daran. Die deutschen Rüstungsexporte bleiben ein Skandal. Die evangelische und die katholische Kirche machen dies alljährlich zum Thema. Nur: Wir sollten das noch wesentlich deutlicher tun. Deutschland mit seiner eigenen Kriegsgeschichte muss sich in der Welt keinen Namen machen mit der Lieferung besonders wirksamer Waffen.

Zuletzt:

Vor drei Jahren durfte ich die Festrede auf Bertha von Suttner halten, die in Gotha an dem Tag bestattet wurde, als am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger und seine Frau in Sarajewo erschossen wurden. Sie war zutiefst überzeugt, Frieden lasse sich nicht durch Abschreckung, sondern allein durch internationale Vereinbarung, Verhinderung der Kriegsursachen, Abbau von Feindbildern, internationale Verständigung erreichen. Aber ja, ich weiß, eine Frau der Kirche war die „Friedensbertha“ nicht, aber ein Vorbild ist sie mir dennoch.

Alfred Nobel hat den Friedensnobelpreis auch auf ihr Drängen hin gestiftet. Und wenn er 2017 an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) geht, dann ist die DFG-VK gewissermaßen Mit-Preisträgerin. Sie arbeitet schon lange mit Ican zusammen, die ja letzten Endes ein Bündnis von verschiedenen Organisationen, Initiativen und Bündnissen ist. Dieser Preis ist eine Ermutigung, wie er die Wertschätzung jahrelanger Arbeit gegen Atomwaffen darstellt und damit eine kraftvolle Ermutigung für weiteres Engagement. Ich freue mich, wenn dieser Tag hier heute in Berlin für uns alle auch eine solche Ermutigung darstellt. Denn das Engagement aller Mitglieder der DFG-VK wird gebraucht, heute mindestens so sehr wie in den letzten 125 Jahren.

Wenn heute von mehr internationaler Verantwortung die Rede ist, kann es doch nicht um mehr militärische Verantwortung Deutschlands gehen, sondern allein um mehr Friedensverantwortung!

Der christliche Glaube ist meine Motivation, mich für den Frieden zu engagieren. Ich tue das gern gemeinsam mit Menschen, die andere Motive haben.

Es gibt nicht viele Vorbilder, wie gesagt. Bertha von Suttner ist eines. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges schrieb Stefan Zweig:

„Aber eben diese Frau, von der man meinte, sie habe nichts als ihre drei Worte der Welt zu sagen, … wußte ja …. um die fast vernichtende Tragik des Pazifismus, daß er nie zeitgemäß erscheint, im Frieden überflüssig, im Kriege wahnwitzig, im Frieden kraftlos ist und in der Kriegszeit hilflos. Dennoch hat sie es auf sich genommen, zeitlebens für die Welt ein Don Quichotte zu sein, der gegen Windmühlen ficht“.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Danke, Friedens-Bertha! Und Windmühlen oder nicht, wir lassen uns nicht entmutigen!

 

Margot Käßmann war Bischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und Vorsitzende des Rates der Evang. Kirche in Deutschland. Sie ist seit 2016 Mitglied der DFG-VK. Gemeinsam mit Konstantin Wecker hat sie das Buch herausgegeben „Entrüstet euch! Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt. Texte zum Frieden“ (Gütersloh 2015).

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