Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Pazifismus

Erinnerung an Adolf Heilberg (* 14.1.1858 † 17.12.1936)

Ein vergessener Wegbereiter und Aktivist der Deutschen Friedensgesellschaft

Von Gudio Grünewald

 

Adolf Heilberg war u.a. Mit glied im Vorstand der schle sischen  Anwaltskammer und  des Deutschen Anwaltvereins, der ihm 1928 die Ehrenmitgliedschaft verlieh, lange Jahre einflussreicher liberaler Kommunalpolitiker in Breslau, erhielt 1911 von der juristischen Fakultät der Universität Breslau die Ehrendoktorwürde und 1913 vom preußischen Staat den Ehrentitel „Geheimer Justizrat“. Dennoch ist der Name Adolf Heilberg heute weitgehend vergessen. Es waren vor allem die Nationalsozialisten, die die Erinnerung an ihn nachhaltig auslöschten. Heilberg war ihnen in vierfacher Eigenschaft verhasst: als Jude, aktiver Pazifist, demokratischer Politiker sowie als herausragender Rechtsanwalt, der für Rechtstaatlichkeit stand und stritt.

Der pensionierte Bauingenieur und Historiker Roland B. Müller, der zur Geschichte Breslaus forscht, hat die Erinnerung an diesen herausragenden Mann wiederbelebt. Auf seine Initiative hin und mit Unterstützung von Heilbergs Urenkelin Helen Breslauer (Toronto) wurde am 30. Mai an der Mauer des Alten Jüdischen Friedhofs in Breslau, dem heute polnischen Wrocław, eine Gedenktafel enthüllt. Bei der vom Städtischen Museum Breslau und dem Forum Anwaltsgeschichte ausgerichteten Gedenkfeier wurden die zahlreichen Facetten von Heilbergs Leben und Wirken in Ansprachen und Grußworten aufgezeigt und gewürdigt.

Ich musste leider aus gesundheitlichen Gründen meine Teilnahme absagen, habe aber ein Grußwort geschickt, das Adolf Heilbergs Wirken in der und für die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) im Überblick skizziert und würdigt. Dafür war einige Forschungsarbeit in alten pazifistischen Periodika erforderlich, denn auch mir waren außer dem Namen nur wenige Informationen zum Pazifisten Adolf Heilberg bekannt, und die einschlägigen Publikationen enthalten ebenfalls nur spärliche Angaben.

 

Heilberg war„ein Genie der Arbeit“, wie sein Anwaltskollege und Freund Georg Tarnowski 1936 in einem Nachruf schrieb. In Breslau genoss er trotz zunehmenden Antisemitismus´ hohes Ansehen, übte gesellschaftliche Ehrenämter aus und beeinflusste als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung 1888 bis 1933 die Entwicklung der Stadt. 1892 bis 1917 hatte er den Vorsitz der liberalen Freisinnigen Volkspartei in Breslau und Schlesien inne. Mit der Parteigründung im November 1918 wurde er Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der er auch nach der Umfirmierung zur Deutschen Staatspartei (September 1930) bis 1933 angehörte. Ungeachtet seiner offen bekundeten antimonarchistischen und pazifistischen Einstellung wurde Heilberg 1915 erstmals zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung bestimmt und bis 1922 wiedergewählt, auch seit die SPD ab 1919 die größte Fraktion stellte. Als Gründungsmitglied des Volksrats, der Breslauer Variante der Arbeiter- und Soldatenräte, war er maßgeblich am gewaltlosen Übergang von der Monarchie zur Republik beteiligt. Heilbergs 70. und 75. Geburtstag im Januar 1928 bzw. 1933 wurden von der Stadt und seinen Anwaltskollegen ausgiebig gewürdigt.

Heilbergs Brotberuf, eine gutgehende Kanzlei mit den Schwerpunkten Bergrecht und Zivilrecht, hätte ausgereicht, um einen Menschen mit normaler Arbeitskraft auszulasten. 1913 holte er den 21. Deutschen Anwaltstag nach Breslau. Sein Münchner Kollege Max Friedlaender schrieb in seinen Memoiren: „Heilberg war schon damals der bekannteste Anwalt von Breslau, wahrscheinlich von Schlesien: ein Mann mit einem Prophetenkopf, langen Haaren und breitem Vollbart, von einer riesenhaften Arbeitskraft… Er war einer der klarsten Köpfe, die mir je begegnet sind, immer imstande in schwierigen Situationen den richtigen Gedanken und auch das richtige vermittelnde Wort zu finden.“ (Lebenserinnerungen S. 59) Dieses Urteil teilten im Kern viele Kollegen, darunter zahlreiche, die sich ab März 1933 rasch von jüdischen Juristen distanzierten.

Zur DFG stieß Heilbergwahrscheinlich im Frühjahr 1893, nachdem Alfred Hermann Fried Presseberichte über seine ersten pazifistischen Vorträge in Breslau und Umgebung erhalten hatte. Der Aufruf vom Oktober 1893, mit der die lange Gründungsphase der DFG (Gründungstag ist der 9. November 1892) endlich abgeschlossen war, nennt Heilberg als Vorstandsmitglied und eine von drei Anlaufadressen für Beitrittswillige.

Heilberg gehörte dem Hauptvorstand bis 1919 an, als er sich nach dem tragischen Tod seiner Frau für längere Zeit zurückzog. Heilberg war einer der wenigen aktiven Vorstandsmitglieder: Er veröffentlichte 1898 anlässlich der Tagung der Deutschen Lehrerversammlung in Breslau die Broschüre „Die Erziehung zum Frieden, eine Aufgabe für die deutsche Lehrerschaft“ und hielt auf dem III. (Wiesbaden 1910) sowie dem V. Deutschen Pazifistenkongress (Berlin 1912) öffentliche Vorträge zu „Diplomatie und Weltfrieden“ bzw. „Internationales Leben und internationale Spannung in ihrem Gegensatz“. Lokal gründete er im Januar 1894 die Gruppe Breslau, deren Vorsitzender er mit kurzen Unterbrechungen während der 1920er Jahre bis 1930 blieb.

Heilberg war ein aktiver Vorsitzender; er organisierte und hielt selbst zahlreiche Vorträge, auch im Humboldtverein für Volksbildung, und initiierte mit Vorträgen in anderen Orten die Gründung weiterer DFG-Gruppen in Schlesien. 1897 zählte die Gruppe Breslau 240 Mitglieder und übertraf nach zwischenzeitlichem Schwund diese Zahl Mitte der 1920er Jahre offenbar noch einmal.

 

Die Motive für Heilbergs pazifistisches Engagement waren sowohl ethischer(„Die Unsittlichkeit und Unmenschlichkeit des Krieges, dann aber auch die Beschränkung des freien Willens und des Rechts der Persönlichkeit“, schreibt er in seinen Lebenserinnerungen) wie auch verstandesmäßiger Natur („Vernichtung aller menschlichen, wirtschaftlichen, moralischen Werte“ durch den Krieg). Für Heilberg war klar, dass die Friedensbewegung international tätig sein musste und dass ihr vorrangiges Ziel in der Stärkung internationaler Organisationen sowie zwischenstaatlicher Bindungen bestand. 1907 wurde er in den Rat des Internationalen Friedensbüros gewählt, in dem er bis 1929 Mitglied war (danach Ehrenmitglied). Heilberg nahm seit 1906 (Mailand) an zahlreichen Weltfriedenskongressen (letztmals 1928 in Warschau) teil; er setzte sich für eine effizientere Kongressarbeit und für eine Reorganisation des nach dem Krieg schwächelnden Friedensbüros ein.

 

Ziel des internationalen Pazifismus – so hielt Heilberg 1915 inmitten des Ersten Weltkriegs fest – sei „die Beseitigung des Krieges als des Mittels zur Erledigung von Streitigkeiten zivilisierter Völker“. Ein besonderes Übel sah er in der vor dem Krieg praktizierten Geheimdiplomatie. In seinem Hauptvortrag auf der gemeinsamen Tagung von DFG und Zentralstelle Völkerrecht im Dezember 1917 in Erfurt konstatierte Heilberg einen „inneren geistigen Zusammenhang zwischen den Begriffen Frieden und Freiheit“, der die Forderung nach Demokratisierung rechtfertige. Dabei dürfe es aber nicht um „absolute Gleichmacherei, Gleichstellung“ gehen, sondern um „Gleichberechtigung“. Für die Friedensbewegung müsse jedoch das Bemühen um die Beseitigung des Krieges im Vordergrund stehen.

Unter anderem deshalb bekämpfte Heilberg den „neuen Kurs“ in der DFG, der – maßgeblich vorangetrieben von der Frontgeneration des Westdeutschen Landesverbandes – ab Mitte der 1920er Jahre schrittweise die Führung in der Friedensgesellschaft übernahm und in der „inneren Pazifizierung“ Deutschlands die Voraussetzung für eine friedliche Außenpolitik sah. Heilberg hielt mit anderen Pazifisten aus der Deutschen Demokratischen Partei daran fest, dass der Ausbau des Völkerbundes und die Stärkung internationaler Rechtsinstitutionen vorrangige pazifistische Aufgaben seien. Die Festle-gung der DFG auf die Kriegsdienstverweigerung lehnte er ab, da er zwar die allgemeine Wehrpflicht für einen kulturellen Rückschritt hielt, jedoch der Ansicht war, jeder Staatsbürger müsse bestehenden Gesetzen – auch gegen sein Gewissen – gehorchen, sollten nicht Chaos und Anarchie die Folge sein. Nach der Übernahme des DFG-Vorstands durch „die Westdeutschen“ 1929 zog sich Heilberg enttäuscht aus der überregionalen pazifistischen Arbeit zurück, blieb aber Mitglied der Friedensgesellschaft.

Adolf Heilberg ist im Dezember 1936, vertrieben aus Breslau und aller Ämter enthoben, in Berlin bei einem Zusammenstoß mit einem Radfahrer gestorben. Er war ein wahrhaft großer Mensch von edler Gesinnung, der bis zum Lebensende an den Maximen „Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe und Güte“ für das Zusammenleben der Menschen wie der Völker festhielt.

 

Guido Grünewald ist Internationaler Sprecher der DFG-VK, war viele Jahre Mitglied im damaligen DFG-VK-Bundesvorstand und ist Verfasser zahlreicher friedenshistorischer Publikationen sowie zur Verbandsgeschichte der DFG-VK und ihrer Vorläuferorganisationen. Promoviert hat er 1982 mit einer Arbeit über die Geschichte der IdK (Die Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK); Köln 1982).

Quelle Grafik: Eine Federzeichnung von Adolf Heilberg, angefertigt durch den Maler Arnold Busch (Quelle: mit freundlicher Erlaubnis von Helen Breslauer, Toronto, Urenkelin von Adolf Heilberg)

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