Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Titel

Pacemakers Nuclearban-Tour durch 4 Länder

830 Kilometer in vier Tagen auf dem Fahrrad für eine atomwaffenfreie Welt

Von Ernst Rattinger

 

A lle Jahre wieder um den   6. August herum – der Pace makers-Radmarathon: 150   RennradlerInnen mit Begleitfahrzeugen, 340 Kilometer an einem Tag von Bretten über Mannheim, Kaiserslautern, Ramstein zurück nach Bretten und immer ein Motto: Für eine friedliche und gerechte Welt ohne Atomwaffen! Routine, alles wie immer, könnte man meinen. Zum Teil stimmt das auch, denn der eintägige Radmarathon soll auch dieses Jahr am 3. August veranstaltet werden.

Allerdings, mehrtägige Pacemakers-Touren hat es auch bisher schon zwischendurch gegeben, zuletzt 2017 die Reformations-Tour nach Wittenberg anlässlich des Reformationsjubiläums. Die Planungen für die Extratour 2019 begannen schon im Vorjahr, und thematisch wollte man sich orientieren an der Forderung des UN-Atomwaffenverbotsvertrags vom 7. Juli 2017.

 

Wir erinnern uns: Ican,die internationale Kampagne für die Abschaffung der Atomwaffen (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons), ist für die hartnäckige Lobbyarbeit für diesen Vertrag mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

Der Name für die Extratour 2019 war schnell gefunden: Pacemakers Nuclearban-Tour. Und nicht weniger schnell standen die Rahmendaten fest: 75 RadfahrerInnen, rund 830 Kilometer an den Tagen der Europawahl vom 23. bis 26. Mai von Karlsruhe über Straßburg, das Elsass, Saarbrücken, Metz, Verdun, Luxemburg, Trier, Büchel, Mainz, Lorsch zurück nach Karlsruhe, also durch drei Länder. Am Ende sollten es sogar vier Länder werden, das ahnte aber zu Beginn der Planungen noch niemand.

Gleich zu Beginn der Planungsphase die erste Enttäuschung: So gut wie keine Antwort von Friedensorganisationen in Frankreich, auch nicht von Ican France! Und nach mehreren Wochen des Wartens antwortet von vier angeschriebenen Präfekturen nur die von Metz: Begleitung durch Gendarmerie oder Polizei gibt es nicht, wir können fahren, wohin wir wollen, aber die Straßenverkehrsordnung (Ampeln, Kreisverkehre) ist strikt einzuhalten, basta. Mehrere Kontaktaufnahmen mit den Stellen in Frankreich blieben erfolglos, was also tun?

Ein ganzer Teil der Routenplanung war Makulatur, also grundlegend umplanen.

Der Verzicht auf die Fahrt nach Straßburg war zu verschmerzen, denn in den Tagen der Europawahl war keiner der EU-Parlamentarier, die uns hätten begrüßen können, in Straßburg vor Ort. So blieb von der Fahrt durch das Elsass nur ein ganz kurzes Stück nahe der Grenze zu Rheinland-Pfalz, und die große Schleife durch Lothringen über Metz und Verdun wurde komplett gestrichen.

Doch am Ende wurde es noch eine höchst erfreuliche Veranstaltung, unsere Nuclearban-Tour. Die Unterstützung mehrerer Menschen war der Schlüssel zum Erfolg. Nur zwei von ihnen sollen hier namentlich genannt werden: Markus Pflüger aus Trier und Raymond Becker aus Luxemburg, dessen Kontakte zu Friedensgruppen in Luxemburg und Belgien sehr wertvoll waren. Belgien? Ja, Belgien sollte das vierte Land der Rundreise werden.

 

Doch wie bei jeder großen Radsportveranstaltung: Zuerst der Prolog. Der fand am Vorabend in Karlsruhe statt bei einem Empfang der Stadt zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes und anschließender Kundgebung am Bundesverfassungsgericht mit Oberkirchenrätin Karen Hinrichs, Claudia Duppel vom Dachverband Entwicklungspolitik und dem taz-Korrespondenten Andreas Zumach aus Genf, der ein grundgesetzlich verankertes Atomwaffenverbot forderte.

Am nächsten Morgen ging es dann richtig los am Parkplatz des Sportstudios Pfitzenmeier nach dem Startsignal der baden-württembergischen Finanzstaatssekretärin Gisela Splett. Doch sehr weit fahren mussten die Radsportler anfangs nicht. Rastatt, der Ort, in dem vor Jahren der Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“ zum ersten Mal bei einer Kundgebung skandiert wurde, war schnell erreicht. Bürgermeister Arne Pfirrmann begrüßte die Gruppe und unterstrich in seiner Ansprache die Bedeutung der Forderung nach atomarer Abrüstung.

Dann begann das erste Abenteuer, die Fahrt ohne Polizeibegleitung durch das „krumme Elsass“, wie diese Ecke auch genannt wird. Nach einem längeren Verpflegungshalt an einer Festung der ehemaligen Maginot-Linie, dem französischen Pendant zum Westwall, ging es dann ohne Probleme wieder in die Pfalz nach Pirmasens zum Rathaus, wo der Beigeordnete Denis Clauer anerkennende Worte für den Einsatz der Radsportler fand. Im Innenhof des Saarbrücker Rathauses gab es dann gegen Abend einen großen Empfang mit Musik, vielen FriedensfreundInnen, der Oberbürgermeisterin Charlotte Britz und dem Europaabgeordneten Jo Leinen.

Vor dem Reisesegen von Diakon Horst-Peter Rauguth gab es am nächsten Morgen eine bewegende Gedenkfeier mit Horst Bernard von der VVN an der Gestapo-Gedenkstätte Neue Bremm, direkt neben unserem Hotel ganz nahe an der Grenze zu Frankreich, wo viele Menschen gefoltert und ermordet wurden.

Sehr herzlich war dann später am Vormittag der Empfang im Sitzungssaal des Landratsamts Saarlouis durch den Beigeordneten Klaus Engel und Waltraud Andruet von Pax Christi. In schneller Talabfahrt ging es dann Richtung Mosel nach Remich, der ersten Stadt in Luxemburg. Drei luxemburgische Polizisten mit Motorrad nahmen uns in Empfang, was uns erst zu Beginn der Veranstaltungswoche von der Polizeidirektion in Luxemburg zugesagt worden war – und das auch nur, weil sich eine Woche vor der Tour die Polizei in Arlon (Belgien) hatte bearbeiten lassen und uns zwei Motorradfahrer zugesagt hatte. Da wollten die Luxemburger wohl nicht kleinlich sein und schickten drei. Bei meinen Verhandlungen mit der Polizei in Luxemburg hatte ich ohnehin den Eindruck, dass der zuständige Beamte selbst fahrradbegeistert ist, er aber an Vorgaben gebunden war. In unserer letzten Telefonkonferenz vor der Tour kommentierte den Erfolg einer aus dem Orga-Team: „Radsportland Belgien eben ...“

Nach ein par Kilometern auf Luxemburger Straßen gab es in der Kleinstadt Roeser in der Mittagszeit einen Empfang wie am Ende einer Tour-Etappe: winkende und jubelnde Kinder mit Fähnchen am Straßenrand und viel Hallo! Die SchülerInnen hatten gerade Mittagspause und waren von Bürgermeister Tom Jungen eingeladen worden. Roeser ist nicht irgendeine Stadt, sondern die erste Stadt in Luxemburg, die den Ican-Städteappell zur Unterzeichnung des UN-Atomwaffenverbotsvertrags unterschrieben hat.

Und weiter über das Buckelland Südluxemburgs Richtung Radsportland Belgien, fliegender Wechsel der Polizeibegleitung und im Nu ist die schöne Stadt Arlon erreicht, Hauptstadt der belgischen Provinz Luxembourg. Jetzt sind wir in Belgien, und der Empfang ist belgisch – von allem viel (außer Fritten und Alkohol), beinahe zu viel für die begrenzte Zeit des Aufenthalts, aber wenigstens haben wir eine persönliche Begegnung mit Bruno Bodeux von der regionalen Friedensgruppe, mit dem wir bisher nur per Mail in Kontakt waren. Ob sich der Kontakt für größere Unternehmen ausbauen lässt?

Manche halten das Treffen nach dem Abendessen in der Jugendherberge Luxemburg für den eigentlichen Höhepunkt der Nuclearban-Tour 2019. Es war eine Kombination von ein paar Kurzvorträgen zu friedenspolitischen Themen, u. a. von Tom Jungen, Marion Küpker, die aus Büchel gekommen war, und unserem Kontaktmann Raymond Becker, und einer offenen Gesprächsrunde. Es war gerade für altgediente Pacemaker sehr schön, einmal zu hören, welche Bedeutung das Engagement bei den Rundfahrten für einige der RadsportlerInnen doch hat - und das über Jahre hinweg.

Das Weltbürgerfrühstück in Trier war am Spätvormittag des dritten Tages das erste Ziel mit lokaler Prominenz - Oberbürgermeister Wolfram Leibe und Markus Pflüger von der AG Frieden sowie der Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

 

Und was wäre eine Nuclearban-Tour in Westdeutschland ohne einen Abstecher nach Büchel? Von Jahr zu Jahr wird der Zaun um das Atombombenreservat immer perfekter, was aber zum Beispiel MusikerInnen der „Lebenslaute“ nicht hindert, immer perfekter dagegen anzusingen. So auch am 25. Mai, als die Fahrradtour das Haupttor des Militärgeländes erreichte. Elke Koller von der örtlichen Initiative, welche 2017 die Bundesregierung wegen der Duldung der US-Atombomben vor dem Verfassungsgericht verklagt hatte, war gekommen, um die Pacemakers zu begrüßen; und natürlich Marion Küpker, die schon am Vorabend in Luxemburg kurz referiert hatte. Übrigens: Beide erhalten am 1. September den Aachener Friedenspreis.

Am Abschlusstag war dann noch ein Radsportler mehr im Peloton, der Lorscher Bürgermeister Christian Schönung. Zunächst ging es durch das Mittelrheintal nach Mainz, wo Heidi Kassai von Ican und Gernot Lennert von der DFG-VK die Begrüßung der Gruppe übernommen hatten. In Lorsch hatte Bürgermeister Schönung ein vorzügliches Mittagessen vorbereiten lassen. In ihren Reden setzten sich der Bürgermeister sowie Landrat Christian Engelhardt mit den Gefahren der Atomrüstung auseinander.

Am Spätnachmittag des vierten Reisetages war der Ausgangspunkt wieder erreicht, der Parkplatz des Sportstudios Pfitzenmeier in Karlsruhe. 75 glückliche Radsportler und ein überglücklicher Cheforganisator Roland Blach, der dieses Fazit zog: Kein verletzter Fahrer, nur ein Beinaheunfall. Eine großartige Gemeinschaft und die Kraft eines genialen Teams, so wird das scheinbar Unmögliche möglich.

Eine genaue Analyse der Nuclearban-Tour soll noch im Juli erfolgen, insbesondere wegen der dürftigen Resonanz bei befreundeten Organisationen und der massiven Probleme in der Vorbereitungsphase; aber etliche Stimmen aus dem Fahrerfeld wie aus dem Organisationsteam lassen vermuten:

Da haben einige Lust auf mehr ...

 

Ernst Rattinger ist aktiv im DFG-VK-Landesverband Baden-Württemberg, vertritt diesen im DFG-VK- und ist seit Langem bei Vorbereitung und Durchführung des jährlichen Pacemakers-Radmarathons engagiert.

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