Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich dieses Editorial zu schreiben beginnen wollte, hörte ich im Zusammenhang mit dem Beginn der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen im Radio, dass auf dem Düsseldorfer Flughafen während der Ferienzeit mit fast vier Millionen Passagieren gerechnet würde. Nun muss nicht jeder dieser Fluggäste aus NRW kommen, und nicht alle dieser vier Millionen fliegen wohl in den Urlaub. Eine kurze überschlägige Rechnung ergibt aber, dass mehr als jeder zehnte Mensch aus NRW über den Flughafen Düsseldorf in den Urlaub fliegt.

Na und, was hat das mit Krieg und Frieden, Pazifismus und Militär zu tun? Leider viel. Der Flugverkehr ist – neben vielen anderen – durch die Emissionen eine Ursache der drohenden Klimakatastrophe. Wenn wir nicht massiv umsteuern, steht die Existenz der Menschheit in Frage. Nicht morgen und nicht schlagartig. Absehbar aber werden die Lebensbedingungen der nachfolgenden Generationen zunehmend schlechter. Programmatisch hat die DFG-VK das schon länger erkannt, so heißt es im 2013 verabschiedeten Programm, dass „Umweltzerstörung und Verschwendung von Rohstoffen neue Kriegsgefahren“ erzeugen und menschliches Leben gefährden. Und: „Mit Krieg wird nicht zur Lösung der drängenden globalen Probleme wie Armut, Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und Klimawandel beigetragen, sondern diese Probleme werden nur noch verstärkt.“ Also: Der menschengemachte Klimawandel ist eine Kriegsursache. Und an der Beseitigung aller Kriegsursachen wollen wir mitarbeiten, so haben wir es in unserer Grundsatzerklärung formuliert. Die ökologische Frage ist deshalb keine nachrangige, sondern eine zentrale auch für PazifistInnen und AntimilitaristInnen. Der Aufforderung von David Scheuing, Fridays for Futuredie Hand zu reichen!, stimme ich deshalb zu.

Nicht morgen und nicht schlagartig, sagte ich zu den Folgen der Klimakatastrophe. Für eine andere Gefahr gilt dies leider nicht: Ein Atomkrieg könnte ebenfalls jedes menschliche Leben auf der Erde beenden. Und ein solcher Krieg könnte schon morgen per Knopfdruck und „aus Versehen“ ausgelöst werden. Deshalb ist das Engagement für eine atomwaffenfreie Welt weiterhin überlebenswichtig.

Für die DFG-VK ist das seit Langem ein wichtiges Arbeitsfeld, die Proteste und gewaltfreien Aktionen z.B. in Büchel waren immer wieder auch ein Thema in der ZivilCourage. Neu ist aber das organisierte Engagement von jungen Menschen. Die DFG-VK hat eine Jugenddelegation zu einer Konferenz der Vereinten Nationen in New York geschickt, die die Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages im nächsten Jahr vorbereitet hat. Die Berichte dieser jungen Menschen bilden den Großteil der Titelgeschichte in diesem Heft. Aus ihnen wird der Enthusiasmus und der Ernst deutlich, mit dem sich die TeilnehmerInnen vorbereitet und dann bei dem Treffen am UN-Sitz gearbeitet haben.

Ob man solche Konferenzdiplomatie als „Widerstand“ bezeichnen kann, wie es Kathi Müller, Leiterin der Jugenddelegation und Mitglied im DFG-VK-BundessprecherInenkreis, tut, daran habe ich meine Zweifel. Mir fällt dazu gleich der Satz von Ulrike Meinhof ein, mit dem sie 1968 einen Afro-Amerikander der Black-Power-Bewegung auf der Vietnamkonferenz in Berlin zitierte: „Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht.“ Aber vielleicht ist dieses unterschiedliche Verständnis ein Zeichen dafür, wie notwendig eine kritische, dabei aber solidarische Auseinandersetzung zwischen Jungen und Alten in der DFG-VK ist.

 

Stefan Philipp
Chefredakteur der ZivilCourage

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