Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Antimilitarismus

Moralische Traumatisierung

Posttraumatische Belastungsstörung bei Soldaten

Von Ralf Cüppers

 

Die DFG-VK fordert den Verzicht auf Werbung für den Soldatenberuf und den Verzicht auf die Rekrutierung neuer Soldat*innen als Schritt zur Abrüstung.

Wir sollten auch fordern: eine medizinische Versorgung und Entschädigung traumatisierter Soldat*innen und den Schutz vor der Retraumatisierung, indem wir sie nicht erneut in den Krieg schicken.

Auch Täter werden im Krieg traumatisiert. Auch wenn in unserem Protest gegen den Krieg immer die Opfer der Kriegführung der Bundeswehr mit Drohnen und elektronischer Kampfführung im Bewusstsein bleiben sollten: Es wäre falsch, anzunehmen, dass die Soldat*innen, die den Krieg vom sicheren Standort in Deutschland aus führen, dieses unbeschadet tun können. Es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass die psychische Belastung von Bildauswertern, die am Krieg der Bundeswehr beteiligt sind, noch größere Auswirkungen hat als bei den Soldat*innen, die vor Ort im Einsatz sind.

Ein Bundeswehrpsychiater erklärte dies damit, dass die Soldat*innen vor Ort wenigstens das Gefühl haben, sie könnten selbst etwas tun, während die vor dem Bildschirm dem, was sie sehen, ausgeliefert sind, ohne eingreifen zu können. Kein untergebener Soldat weiß, welche Konsequenzen seine Auswertungsergebnisse haben werden, wenn sie sie pflichtgemäß melden. Aber auch Soldat*innen, die Krieg direkt ausgesetzt sind und erleben, wie ihre Kamerad*innen verletzt oder getötet werden oder selber verletzt werden, sind traumatisiert.

Vor 15 Jahren waren es gerade einmal 100, vor zehn Jahren schon 466 Soldat*innen, die pro Jahr in Bundeswehrkrankenhäusern wegen einer posttraumatischer Belastungsstörung behandelt werden mussten. Seit 2012 sind es immer über 1 000 Behandlungen gewesen und das bei stetig steigendem Bedarf.

Die medizinischen Versorgungsstrukturen der Bundeswehr sind auf die zunehmende Zahl der durch ihren Kriegseinsatz psychisch erkrankten Soldaten kaum vorbereitet. Nach einem Pressebericht unter Berufung auf das Bundesverteidigungsministerium sind nur drei Viertel der vorgesehenen Stellen in den psychiatrischen Abteilungen der Bundeswehrkrankenhäuser besetzt. Zudem würden nur 48 der eingeplanten 160 Betten auch tatsächlich zur Verfügung stehen. Die Zahl der Behandlungen von Soldat*innen durch zivile Psychiater und Psychotherapeuten hat sich mehr als verfünffacht, von 1 564 im Jahr 2011 auf 7 836 im vergangenen Jahr.

Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung? Einer PTBS gehen definitionsgemäß ein oder mehrere belastende Ereignisse von außergewöhnlichem Umfang oder katastrophalem Ausmaß voran. Dabei muss die Bedrohung nicht unbedingt direkt die eigene Person betreffen, sondern sie kann auch nur bei anderen beobachtet und erlebt worden sein (z.B. als Zeuge eines schweren Unfalls oder einer Gewalttat).

Sie entsteht als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Besonders anfällig machende Faktoren wie bestimmte, z.B. zwanghafte oder krankhaft abhängige Persönlichkeitszüge oder neurotische Krankheiten in der Vorgeschichte können die Schwelle für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen Verlauf erschweren, aber die letztgenannten Faktoren sind weder notwendig noch ausreichend, um das Auftreten der Störung zu erklären. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), Träumen oder Albträumen, die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler Stumpfheit auftreten.

Ferner finden sich Reizbarkeit, Aggression und Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen, Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten. Meist tritt ein Zustand von vegetativer Übererregtheit mit gesteigerter Wachsamkeit, einer übermäßigen Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen auf. Angst und Depression sind häufig mit den genannten Symptomen und Merkmalen verbunden, und Suizidgedanken sind nicht selten.

Der Beginn folgt dem Trauma mit einer  Phase des unbemerkten Vorhandenseins, die wenige Wochen bis Monate dauern kann. Der Verlauf ist wechselhaft, in der Mehrzahl der Fälle kann jedoch eine Heilung erwartet werden. In wenigen Fällen nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf und geht dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung über.

Mehr als die Hälfte der Menschen in der Allgemeinbevölkerung erleben mindestens einmal im Leben eine lebensbedrohliche Situation, ein belastendes Ereignis von außergewöhnlichem Umfang oder katastrophalem Ausmaß. Drei Viertel davon sehen sich selbst danach als „Überlebende“ (im Unterschied zum „Opfer“), die dadurch kaum psychische Beeinträchtigung erleiden. Das vierte Viertel, etwa 14 von 56 Prozent, entwickeln die Symptomatik einer PTBS, wovon wiederum drei Viertel sich selbst behandeln, es mit sich allein ausmachen oder nur die soziale Unterstützung von Freunden und Angehörigen bekommen. Nur ein Viertel, 3,5 Prozent, sucht überhaupt professionelle Behandlung auf, und nur diese werden in Statistiken gezählt.

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages bestätigt diese Zahlen: eine Lebenszeitprävalenz von zwei bis sieben Prozent, das ist der Anteil in der Allgemeinbevölkerung, die einmal im Leben eine PTBS erleiden und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Nach Alexander Friedmann (Alexander Friedmann, Peter Hofmann, Brigitte Lueger-Schuster, Maria Steinbauer, David Vyssoki (Hrsg.): Psychotrauma. Die Posttraumatische Belastungsstörung. Verlag Springer, Wien 2004) erkranken jedoch Soldaten im Einsatz zu 38,8 Prozent an PTBS.

Wir empfehlen den Film „Ausgedient“ zu diesem Thema. Dieser Film ist als Dokumentarfilm in der Bundeswehr selbst entstanden. Hier kommen zu diesem Thema betroffene Bundeswehrangehörige zu Wort. Der Film wurde mit Unterstützung der Bundeswehr und finanziert aus öffentlichen Mitteln als Auftragsproduktion für das öffentlich-rechtliche Fernsehen produziert.

Die Autoren haben den Film an die Bundeszentrale für politische Bildung gegeben, und von dort haben wir ihn kostenfrei bekommen und dürfen ihn auch aufführen. Jeder der will, kann sich den Film unter http://www.bpb.de/mediathek/217271/ausgedient ansehen und auch herunterladen.

Einer der Protagonisten ist derjenige Bundeswehrsoldat, der als erster in einem Auslandseinsatz, nämlich im Kosovo 1999, geschossen und getötet hat. Er beschreibt ein eindeutiges Kriegsverbrechen, die Ermordung eines kleinen Mädchens. Mit der für dissoziale Persönlichkeiten typischen Argumentationsweise, für das abnormale Verhalten plausible Rationalisierungen anzubieten und die Schuld auf andere, hier also auf das Opfer, zu verlagern, sagt er vor laufender Kamera sinngemäß, das kleine Mädchen sei ihm in das Zielfernrohr hineingerannt, als er auf Dauerfeuer gestellt hatte. Der Filmautor zeigt zu diesem Geständnis Bilder eines Spazierganges dieses Soldaten mit seiner Frau und einem kleinen Mädchen, seiner Tochter.

Moralische Traumatisierung. Soldat*innen berichteten in Studien zur moralischen Traumatisierung vielfältige Ereignisse. Sie beschreiben sich sowohl in einer Rolle als Opfer feindseliger Handlungen als auch als Täter, beispielsweise bei der Anwendung von Waffengewalt. Das Risiko, an einer PTBS zu erkranken, erhöht sich für Täter signifikant.

So kann es zu einer Nicht-Übereinstimmung mit Wert- und Normvorstellungen kommen, die eine moralische Verletzung (moral injury) hinterlassen. Unterschieden wird zwischen Verletzungen, die durch eigenes Handeln hervorgerufen werden, sowie solchen, die durch moralische Autoritäten wie zum Beispiel Vorgesetzte zu verantworten sind. Nicht verarbeitete moralische Verletzungen führen zu Schuldgefühlen oder Scham, aber auch zu autodestruktivem Verhalten wie Suchtverhalten oder Suizidalität. Besonders intensiv tritt dies bei den Soldat*innen auf, die an der Tötung von Menschen beteiligt waren oder dabei zugesehen haben, ohne es zu verhindern. Autodestruktives Verhalten tritt hier häufig auf und wird im Film „Ausgedient“ beispielhaft gezeigt. Psychische Erkrankungen bei Soldaten nach Auslandseinsätzen gehen häufig mit moralischen Verletzungen und dauerhaften Veränderungen von Wertorientierungen einher.

Im November 2015 gab der Generalarzt Bernd Matthiesen als „Beauftragter für Posttraumatische Belastungsstörungen“ der Bundeswehr bekannt, dass nur 2,9 Prozent der deutschen Soldat*innen, die in der Regel vier bis sechs Monate im Einsatz sind, nach (damals) aktuellen Studien an PTBS erkrankten. Das wären weniger als in der Allgemeinbevölkerung. Der Generalarzt berief sich auf eine „PTBS-Dunkelzifferstudie“ von Prof. Dr. Wittchen, die die Bundeswehr selbst in Auftrag gegeben hatte. Soldat*innen mit und ohne Auslandseinsatzerfahrung waren interviewt und miteinander verglichen worden.

Wittchen benennt den Anteil der Soldat*innen ohne jede lebensbedrohliche Situation mit nur 15 Prozent. In der Allgemeinbevölkerung sind es etwa 45 Prozent. Er verkennt dabei, dass es sich bei Soldat*innen mehrheitlich um (mit dem Faktor bis über 50) Mehrfachbelastete handelt, sein errechneter Mittelwert liegt 20 Belastungen. In der Zivilbevölkerung kommen Menschen, die 20 bis 50 lebensbedrohliche Situationen erleben, kaum vor.

Wenn nach Wittchen von Soldat*innen im Auslandseinsatz die Hälfte der belastenden Ereignisse traumatisch verarbeitet werden, von der Allgemeinbevölkerung nur ein Viertel, was durch die Schwere der jeweiligen Einzelbelastung leicht nachvollziehbar ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, traumatisiert zu werden, je Ereignis verdoppelt. Da die Anzahl der Mehrfachtraumatisierungen in der Allgemeinbevölkerung sicher weit niedriger liegt als der Mittelwert 20, muss die Zahl um diesen Faktor multipliziert werden. Deshalb ist die Aussage Wittchens, dass der Anteil der mit mindestens einem belastenden Ereignis Traumatisierten etwa genauso hoch sei wie in der Allgemeinbevölkerung geradezu verfälschend bagatellisierend.

Nicht nachvollziehbar in seiner Studie ist die Einteilung der psychisch kranken Soldat*innen in nur zwei Prozent PTBS und 24,6 Prozent andere „pychische Störungen“ wie z.B. „Angststörungen“ etc. Diese müssten aber bei einem Menschen mit vorausgegangener Traumatisierung als PTBS eingeordnet werden, wenn man die Kriterien des Weltgesundheitsorganisation anwendet. Dass Wittchens Studie ein schlechter Witz ist, ist schon daran erkennbar, dass er die Punktprävalenz der Soldat*innen im Auslandseinsatz mit der Lebenszeitprävalenz in der Allgemeinbevölkerung vergleicht, obwohl er selbst feststellt, dass Soldat*innen im Auslandseinsatz im Mittel 20 solch lebensgefährlicher Belastungen ausgesetzt waren.

Wie hoch der Anteil der traumatisierten Soldaten in Auslandseinsatz ist, das ergeben eigene Berechnungen.  2018 waren 3 337 Soldaten im Ausland, davon 1 211 in Afghanistan, 1 043 in Mali, 406 in Syrien/Irak, 391 im Mittelmehr, 123 im Libanon, 75 im Kosovo, der Rest am Horn von Afrika, im Sudan und Südsudan, in Libyen, der Westsahara. (Quelle: www.statista.com, www.bundeswehr.de)

Ein Auslandseinsatz eines Soldaten dauert drei bis sechs Monate, aber: „Es kommen viele vorzeitig nach Hause“. (Quelle:www.bundeswehr.de übereinstimmend mit Aussagen in Soldatenforen) 2018 waren nach Angaben der Bundesregierung 7 836 Soldaten in PTBS-Behandlung allein bei zivilen Ärzten.

Wenn ein durchschnittlich dreimonatiger Einsatz (untere Grenze) und eine zweijährige Behandlungsdauer (hoch gerechnet) zugrunde gelegt werden, jeder Auslandseinsatzplatz vierfach jährlich besetzt wird und die Hälfte der 2018 Behandelten noch aus Vorjahren kommt, ist das Ergebnis die Minimalzahl: (7 836 : 2) : (3 337 × 4) = 30 Prozent!

Damit ist die Aussage Friedmanns von 2004 (s.o.), Soldaten erkrankten im Einsatz zu 38,8 Prozent an PTBS, in der Größenordnung bestätigt. Es gibt ja auch keinen Hinweis, dass Fried-mann falsch gerechnet hat, und keinen Grund für die Annahme, dass der Anteil Traumatisierter sich in 15 Jahren Kriegführung wesentlich nach unten verändern sollte.

Die Abschaffung der Bundeswehr ist schon allein aus gesundheitlichen Gründen notwendig:

Jeder Dritte, der zur Bundeswehr geht, kommt psychisch kaputt aus dem Einsatz wieder!

Wollen wir uns in Deutschland wirklich ein Heer von psychisch Kranken leisten?

 

Dr. med. Ralf Cüppers ist ärztlicher Psychotherapeut und aktiv in der DFG-VK-Gruppe Flensburg.

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