Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Titel

Herzlich, weiblich, konsensorientiert

Debattenkultur und Entscheidungsfindung in der War Reisters´  International

Von Kathi Müller

 

Die WRI - jedes Mitglied der DFG-VK kennt sie oder hat zumindest schon einmal von ihr gehört.

Als ich im Juli die Chance bekam an der Ratssitzung dieses großen pazifistischen und antimilitaristischen Netzwerks teilzunehmen, wurde mir bewusst, wie wenig ich aber über dessen konkrete Arbeit weiß. Wie ist das Netzwerk aufgebaut? Wer steckt eigentlich ganz genau dahinter? Sind Ämter innerhalb des Verbunds paritätisch besetzt? Wie trifft eine solch große Gruppe Entscheidungen? Und wie steht es um die Debattenkultur in der WRI? Im Hinterkopf die letzten frischen Eindrücke vom Bundesausschuss der DFG-VK in Büchel nur einige Wochen zuvor beschäftigte mich vor allem Letzteres. Wenn es uns innerhalb des eigenen Verbands oftmals schwer fällt, sachlich und respektvoll über kontroverse Themen zu diskutieren und entscheiden, wie verläuft wohl eine Versammlung, auf der Menschen aus aller Welt mit unterschiedlichen Ansichten und Arbeitsweisen zusammentreffen? So flog ich mit einem Koffer voller Fragen nach Kolumbien.

Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht, in Bogotá traf ich auf ein Gemisch verschiedener Sprachen und Kulturen. Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten, aus post conflict countries, aus dem globalen Norden und Süden. Frauen, Männer, junge und alte Menschen.

Die Stimmung gleich zu Beginn der ersten Sitzung: herzlich. Menschen, die sich durch ihre Arbeit bei der WRI eine Ewigkeit kennen, fielen sich nach Jahren der Nicht-Begegnung wieder in die Arme. Für Neulinge wie mich hatte das WRI-Team eine Einführung in die Strukturen des Netzwerks vorbereitet. Besser hätte die Woche nicht starten können.

Apropos WRI-Team: Das besteht zurzeit aus zwei jungen Männern und einer jungen Frau, die in London und Bogotá arbeiten. Neben ihrer Arbeit zu den Themen „Kriegsdienstverweigerung“ und „Militarisierung der Jugend“ haben sie gemeinsam monatelang die Konferenz in Kolumbien geplant.

Die Sitzungen begannen jeden Tag mindestens eine Stunde zu spät, dafür dauerten sie bis in die frühen Abendstunden. Für die deutsche Delegation gewöhnungsbedürftig. Von Satzungsänderungen über die Planung des 100-Jahre-Jubiläums der WRI im nächsten Jahr bis hin zur Aufnahme neuer Friedensgruppen wurde in drei Tagen vieles besprochen und entschieden. Im Konsens.

 

Besonders die Anwendung des Konsensprinzips, das durch einen Beschluss auf der diesjährigen Konferenz sogar noch gestärkt wurde, versetzte mich in Staunen. Selbst Fragen wie die Abschaffung des Amtes des*der Vorsitzenden der WRI wurden so nach langen Diskussionen im Konsens beschlossen.

Der gegenseitige respektvolle Umgang in Debatten und Gesprächen unter den WRI-Mitgliedern war beeindruckend. Lag es vielleicht daran, dass es beinahe genauso viele weibliche wie männliche Teilnehmer*innen gab?

In jedem Fall beeinflusste dies das Ergebnis der Wahlen des Rats und des Vorstands: Insgesamt drei Frauen und zwei Männer wurden für die nächsten vier Jahre in den Vorstand der WRI gewählt. Sieben der zwölf Sitze im neugewählten Rat der WRI werden von Frauen besetzt. Kaum zu glauben – besonders wenn man sich die Besetzung von Ämtern innerhalb unserer Organisation anschaut. Die Wahl so vieler bemerkenswerter Frauen in die Gremien der WRI zeigt, dass es an weiblichen Mitstreiter*innen in der Bewegung nicht fehlt.

Egal ob Frau oder Mann: Die WRI ist voller interessanter Menschen mit eindrucksvollen Geschichten, die ausgezeichnete Arbeit für eine friedlichere Welt ohne Krieg und Militarismus leisten. Es  ist lohnend, sich näher mit unseren befreundeten Organisationen aus der WRI und deren Arbeit zu befassen. Vielleicht sogar von ihnen zu lernen, um unseren Verband fit für die Zukunft zu machen.

 

Kathi Müller ist Mitglied im DFG-VK-BundessprecherInnenkreis.

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