Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Titel

The times they are a-changin´?!

Anmerkungen zur Entwicklung der War Resisters´ International

Von Kai-Uwe Dosch

 

Als langjähriger Vertreter der DFG-VK im Rat der WRI nehme ich meinen Bericht von der WRI-Konferenz in Kolumbien zum Anlass, um eher die großen Linien der Entwicklung zu beschreiben und zu bewerten.

 

Der Schwerpunkt dieser Konferenz war auch der Tagungsort, nämlich Kolumbien. Wegen einiger Schwierigkeiten im Vorfeld freuten wir uns umso mehr über die erst zweite WRI-Tagung in Lateinamerika.

Es ist ein gutes Zeichen, dass wir weit(er) vorangekommen sind bei unserer Regionalisierung, zumal die letzte Konferenz erstmals in (Süd-)Afrika stattgefunden hatte. Auf beiden Kontinenten haben sich regionale WRI-Netzwerke gegründet, das afrikanische gewaltfreie Netzwerk Panpen und das hispano-amerikanische antimilitaristische Netzwerk Ramalc. Dies legt seine Schwerpunkte auf den Widerstand gegen legale oder illegale Rekrutierung, gegen verschiedene Formen innerstaatlicher Gewalt und teils gegen Diktatur. Als besonders erfreulich hervorzuheben sind die Ansätze einer Zusammenarbeit zwischen beiden Netzwerken.

Dem entspricht, dass die Zahl der Affiliates (WRI-Mitgliedsgruppen) – allgemein und besonders in diesen Regionen – weiter steigt. In Kolumbien haben sich sechs neue Gruppen angeschlossen.

Solche neuen Gruppen erweitern die Themen der WRI: Es geht ihnen um Sezessionskonflikte, um Körperbewusstsein oder um Menschenrechtsverteidigung. Auf der Konferenz ging es auch um Subsistenz-Landwirtschaft in Post-Konflikt-Situationen (z.B. in Kolumbien), Extraktivismus bzw. wirtschaftliche Ausbeutung in indigenen Regionen (z.B. in Chile), Militarisierung von Grenzen (z.B. in Mexiko).

Während auf der einen Seite „neue“ Fragen dazukommen, fallen auf der anderen Seite „alte“ Fragen weg. Ein auf jeden Fall erwartetes Konferenzthema war zum Beispiel gar keines, nämlich der Konflikt in Venezuela! Es wurde zwar auch über die militärischen bzw. militarisierten Konflikte gesprochen, von denen Teilnehmer*innen betroffen waren. Aber die drei wohl übelsten gegenwärtigen Kriege in Afghanistan, Jemen und Syrien wurden meines Wissens kaum benannt.

Den Veränderungen bei den Themen entsprechen auch die Veränderungen bei der Art der Mitgliedsgruppen bzw. den Mitgliedern. Die WRI unterscheidet zwischen zwei Arten von Gruppen: Sektionen und Assoziierte (mit vollen oder aber begrenzten Rechten und Pflichten). Und die Zahl der Assoziierten ist stärker gestiegen als die Zahl der Sektionen. Von den sechs Neuaufnahmen sind vier als Assoziierte und nur zwei als Sektionen aufgenommen worden.

Dieses Verhältnis von „ordentlichen“ und „außerordentlichen“ Mitgliedsgruppen erklärt auch das Paradoxon, dass an der thematischen Conference zwar viele, an der organisatorischen Assembly (Versammlung mit Delegierten aus den Mitgliedsorganisationen) aber sogar weniger Vertreter*innen teilgenommen haben als an früheren. Nach meiner Schätzung waren in jetzt in Bogotá nur etwa so viele Mitglieder anwesend wie beim Council (Rat mit je einer Stimme pro Sektion und 12 von der Assembly gewählten Individuen) in London 2017.

Beim Council nach der Assembly in Bogotá war sogar etwa die Hälfte der gewählten Mitglieder abwesend. Entsprechend wurde etwa die Hälfte der 12 individuell gewählten Mitglieder des Rats neu gewählt und sogar vier von fünf Mitgliedern des Vorstands (Executive Committee).

 

Insgesamt sehe ich einige Anzeichen für die Gefahr einer Zerfaserung der WRI. Dies betrifft sowohl die kaum zusammenhängenden Themen als auch die niedrige Präsenz und hohe Fluktuation der Vertreter*innen.

Es ist zwar gut, wenn die Mitglieder der WRI „an der Beseitigung aller Kriegsursachen mitarbeiten“, sei es gesellschaftliche Gewalt oder politischer Militarismus. Aber es wäre noch besser, wenn sie sich nicht nur auf diesen Teil der WRI-Erklärung beziehen würden, sondern auch auf jenen, der den Kern und die Klammer der War Resisters´ International, d.h. der Internationale der Kriegsgegner*innen bildet: „Keine Art von Krieg unterstützen.“

 

Kai-Uwe Dosch war langjähriger Vertreter der DFG-VK im Rat der WRI.

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