Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

„non scholae, sed vitae discimus“ habe ich vor bald 40 Jahren im Latein-Unterricht zu übersetzen gelernt mit: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ (Wobei das Zitat im Original umgekehrt war und eine Kritik des Philosophen Seneca an den römischen Philosophenschulen bedeutete.) Ja, hätte ich das mal berücksichtigt und im Chemie-Unterricht besser aufgepasst.

Dann hätte ich wahrscheinlich den Artikel „Klimakiller Militär und Krieg“ von Ralf Cüppers auf Seite 26 noch besser und auf Anhieb verstanden. Als er ihn zur Veröffentlichung anbot, musste ich doch lange überlegen, ob man einen solchen Text mit viel „Fachchinesisch“ und chemischen Formeln abdrucken kann. Und dachte dann: In Zeiten von „fake news“, in denen es zunehmend weniger auf Fakten ankommt, sondern wo mit „gefühlter Wirklichkeit“ Politik gemacht wird, da ist es schon höchst sinnvoll, wenigstens einmal sich genauer anzuschauen, was Klima, Militär und Krieg miteinander zu tun haben. „Einmal“ bedeutet: Solche Texte werden die Ausnahme bleiben. Und wer´s gar nicht lesen will, für den gibt es die Kurzfassung in Form dieses Plakats:

Die Botschaft ist eingängig und klar: Ein Diesel-Pkw bläst pro Stunde Fahrt acht Kilogramm des Treibhausgases Kohlendioxid in die Luft, ein Bundeswehr-Tornado pro Flugstunde das Fünfzehntausendfache. Schon dieses Beispiel zeigt: Es ist zwar gut, wenn wir unseren persönlichen Lebensstil in Richtung Nachhaltigkeit und auch Verzicht ändern (auch weil wir dadurch Lebensqualität gewinnen können), die eigentlichen Stellschrauben zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe sind ganz andere.

Und vielleicht wird das ja mein „ceterum censeo“ in den künftigen Editorials: die Aufforderung, das Klimathema mit unserem originären Thema, dem Widerstand gegen das Verbrechen Krieg, zu verbinden – im Denken und im Handeln.

Und für die Nicht-Lateiner: „Ceterum censeo“ steht für die Einleitung einer wiederholt vorgebrachten Überzeugung. Es geht zurück auf Marcus Porcius Cato (234 - 149 v. Chr.), der jede seiner Reden im Senat in Rom unabhängig vom sonstigen Inhalt beendet haben soll mit dem Satz: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.“ Übersetzt heißt das: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“ Cato (der Ältere) war also ein übler Kriegshetzer, der sich nicht wirklich zur Nachahmung eignet.

Allerdings haben wir ja die Möglichkeit, uns immer wieder neu und auch umzuentscheiden, alte „Merksätze“ zu verändern oder ihnen eine neue Bedeutung zu geben. Aus dem alten „si vis pacem, para bellum“ („Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor.“) hat der Friedensforscher Dieter Senghaas („Den Frieden denken“) logisch und vorbildhaft den Satz gemacht: „Si vis pacem, para pacem“. Und noch einige Jahre vor Senghaas war es Gustav Heinemann, der in seiner Antrittsrede als Bundespräsident am 1. Juli 1969 gesagt hatte: „Der Frieden ist der Ernstfall“. 

 

Stefan Philipp
Chefredakteur der ZivilCourage

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