Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Literatur

Alice Grünfelder: Wird unser Mut langen? Ziviler Ungehorsam für den Frieden. Ein Essay.
BoD, Norderstedt 2019; 142 Seiten; 12 Euro

Ich gebe es zu: Ein Buch, das mich gleich auf den ersten Seiten förmlich „anspringt“ mit der Formulierung „verurteilte man Walter Liebknecht und Rosa Luxemburg“ (S. 11), das weckt vor allem meine Skepsis, denn da hat die Korrekturlesung völlig versagt. 

Und tatsächlich musste ich leider viele weitere sachliche Fehler entdecken. Eine kleine Auswahl:

Über eine Frau, die die Bezahlung einer Geldstrafe, zu der sie wegen einer gewaltfreien Blockade verurteilt worden war, verweigerte, heißt es: „... mit demselben Argument übrigens, wie schon Jahrhunderte zuvor [Henry David] Thoreau seine Steuerzahlungen verweigerte.“ (S. 98) Der hatte von 1817 bis 1862 gelebt, seine Steuerverweigerung war 1846...

Zu den Nötigungsprozessen vor dem Amtsgericht Schwäbisch Gmünd heißt es: „Den einheimischen Aktivisten und Sympathisanten waren die Verfahren erst recht ein Dorn im Auge, denn es waren dieselben Richter, die reihenweise die Anträge junger Männer aus Gmünd auf Kriegsdienstverweigerung ablehnten.“ (S. 100) Ganz sicher nicht: Das KDV-Grundrecht musste man ggf. vor dem Verwaltungsgericht durchsetzen, und ein solches gab (und gibt) es in Schwäbisch Gmünd nicht, die gewaltfreien Blockaden wurden hingegen vor dem Strafrichter verhandelt.

Aber gut, die Autorin nennt ihren Text auch einen (oder ein; beides ist möglich) Essay. Ein solcher behandelt laut Duden ein Thema „in knapper und anspruchsvoller Form“, wobei (laut Wikipedia) die „Kriterien wissenschaftlicher Methodik dabei vernachlässigt werden“ können. „Im Mittelpunkt“ stehe dabei „die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema.“ (ebd.)

Was nun aber ist eigentlich das Thema von Alice Grünfelder? 

Geboren im Juni 1964 wuchs sie in Schwäbisch Gmünd und Mutlangen auf, war also im „berühmten“ Sommer und Herbst 1983, als es die Prominenten-Blockade und die zahlreichen Aktionen zivilen Ungehorsams am Ort der geplanten Stationierung der US-Atomraketen Pershing-II gab, immerhin 19 Jahre alt.

Warum schreibt sie nun, mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später, ein Buch über die (damalige) Friedensbewegung und den Protest am Stationierungsort Mutlangen, der ihr Heimatort war und dessen Name durch diesen Protest weltweit bekannt wurde? Eine Antwort lautet: „Ich lebte mitten in dieser Stadt und habe nichts mitbekommen.“ (S. 29) Und: „Wie konnte es sein, dass sich am anderen Ende des Dorfes Weltbewegendes zutrug, das mich und meine Freunde kaltließ? Weil ich anderes im Kopf hatte und nur fliehen wollte aus dieser Ende. Enge im Kopf und Enge im Herzen, so jedenfalls war es mir während meiner Jugend vorgekommen. Die Raketen spielten bei diesen Überlegungen keine Rolle, es waren die Menschen, die mir zu schaffen machten. Und mein damaliges Interesse macht mir heute zu schaffen.“ (S. 56) 

Nun ist es sicher legitim und auch sinnvoll, sich im fortgeschrittenen Alter rückblickend mit Verbindungen der eigenen Biografie mit welthistorischen Ereignissen zu beschäftigen. Und dabei nach Entwicklungslinien zu fragen, die vielleicht auch heute noch eine politische Relevanz haben. Eine daraus entstandene essayistische Betrachtung ist notwendig subjektiv, geschichtswissenschaftliche Ansprüche können daran nicht angelegt werden.

Übertreibungen und fragwürdige Bewertungen wie beispielsweise die, dass Mutlangen „zum Symbol des zivilen Ungehorsams“ geworden sei, „weil sich hier die ungewöhnlichste und geduldigste Protestbewegung etablierte, die Deutschland je erlebte“, können dann vielleicht hingenommen werden. Auch die Auswahl der Quellen und Zeitzeugen, die die Autorin befragte, ist dann vor diesem Hintergrund zu sehen und zu bewerten.

Zuzustimmen ist der Autorin ingesamt in dieser Einschätzung: „Was ging damals vor sich, warum und wie? Wenn alte Mächte die Welt heute wieder voll im Würgegriff haben, ist es Zeit, sich daran zu erinnern, wie es einer Handvoll Menschen gelingen konnte, als David Goliath in die Flucht zu schlagen. Denn jenseits der Frage, ob nun die ,Nachrüstung‘ oder aber die Friedensbewegung zum Ende des Kalten Kriegs geführt hat, ist Mutlangen zum Symbol dafür geworden, politische Gegensätze und zivilen Ungehorsam als Teil einer demokratischen Konfliktkultur zu verstehen – und auch auszuhalten. Whyl, Mutlangen, die Menschenkette und die Friedensbewegung haben gewaltfreie Formen des Protest als Mittel der politischen Auseinandersetzung etabliert und legitimiert.“ (S. 117) Wenn man „Mutlangen“ und das Buch als kleinen Mosaikstein einer umfassenderen und komplexeren Wirklichkeit versteht, dann hat der Essay seinen Sinn.

Stefan Philipp

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