Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

seit einigen Tagen geht mir immer wieder diese Textzeile aus Hannes Waders bekanntem Lied „Heute hier, morgen dort“ im Kopf herum: „Und was gestern noch galt, stimmt schon heut´ oder morgen nicht mehr.“ Die Corona-Pandemie überrollt die Welt und hat Folgen, die wir alle uns vor wenigen Wochen nicht hätten vorstellen können. Und vieles und viele scheinen verwirrt. Kein Wunder, wenn der Boden, auf dem wir sicher zu stehen glaubten, ins Wanken gerät. Und so gilt es, in der Unsicherheit Haltepunkte zu gewinnen, alte Fixpunkte (vielleicht wieder) zu entdecken und neue Stützen zu bauen.

Als alte Organisation, gegründet zu einer Zeit, als das Staatsoberhaupt Kaiser Wilhelm II. war, haben wir Geschichte erlebt, erlitten und mitgestaltet, die reich war an Katastrophen. Was über die Zeiten gleich blieb, war unsere Überzeugung, dass Krieg nicht sein darf, dass er ein Verbrechen an der Menschheit ist. Was sollte das Corona-Virus an dieser Grundüberzeugung ändern? Nichts!

Wir wissen, dass Geld für Kriegsvorbereitung und Militär stets der falsche Weg angesichts des Elends in der Welt ist und Probleme so nicht gelöst, sondern verschärft werden. Das gilt jetzt in ganz besonderem Maße. Auch wenn wir noch nicht wissen können, wie die Corona-Krise weitergeht: Die Kosten für ihre Bewältigung werden gigantisch sein. Angefangen von der Reparatur eines nur auf Profit ausgerichteten Gesundheitssystems und seinem Um- und Aufbau dazu, dass ordentlich bezahltes Personal sich unter guten Arbeitsbedingungen erfolgreich um unsere Gesundheit kümmern kann – bis dazu, dass wir die Menschen im globalen Süden nicht länger mit Almosen abspeisen und an ungerechten Strukturen festhalten, stellt sich doch vor allem diese Frage:

Wollen wir uns wirklich ein Militär leisten, das in diesem Jahr planmäßig über 45 Milliarden Euro kostet? Das mit fast 12,5 Prozent der zweitgrößte Ausgabenposten im Bundeshaushalt ist? Das können wir nicht wollen – und wir sollten einen großen Teil unserer Kraft in den nächsten Monaten dafür einsetzen, dass radikal umgesteuert wird. Wahrscheinlich wird im Herbst 2021 ein neuer Bundestag gewählt. Wir sollten als DFG-VK und mit anderen zusammen kluge Strategien dafür entwickeln, die Frage des Missverhältnisses zwischen dem, was wir als zivile Gesellschaft nötig brauchen, und der Geldverschwendung fürs Militär zu einer wahlentscheidenden zu machen. Mit „Sicherheit neu denken“, woran wir im Bündnis mitarbeiten, gibt es ein überzeugendes und ausgearbeitetes Konzept, das weite Bevölkerungsteile überzeugen könnte.

Ein weiterer Haltepunkt könnte für uns als PazifistInnen/AntimilitaristInnen in der DFG-VK sein: Das gemeinsame und solidarische Suchen nach „Antworten auf die Fragen der Zeit“.

Da sollten wir in den nächsten Wochen eine fundierte und überzeugende Einschätzung entwickeln, wie wir die Corona-Pandemie und die Folgen für die Gesellschaft und für unseren Verband einschätzen und bewerten.

Zweitens sollten wir unsere Diskussions- und Entscheidungsstrukturen arbeitsfähig halten und dort, wo es notwendig und sinnvoll ist, um- und ausbauen. Gut wäre beispielsweise, wenn die DFG-VK möglichst viele der Mitglieder per E-Mail erreichen und informieren könnte. Deshalb die Bitte, die eigene E-Mail-Adresse der Bundesgeschäftsstelle mitzuteilen: verwaltung@dfg-vk.de

Und drittens: Auch wenn es in nächster Zeit – und vielleicht monatelang – keine Versammlungen, Demonstrationen, Aktionen geben kann, sollte unsere Stimme hörbar bleiben.

Bleibt gesund!

 

Stefan Philipp
Chefredakteur der ZivilCourage

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