Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Leitartikel

"Der Feind steht rechts!"

Von Wolfram Wette

 

 

Mit Hohn, Hass und politischen Morden überzogen die Rechtsradikalen die erste deutsche Demokratie. Sie betrachteten Demokraten, Juden und Pazifisten als „innere Feinde“ und bekämpften sie im – von ihnen so genannten – „Nachkrieg“. Die Rechtsterroristen der Anfangsjahre der Weimarer Republik machten Politik mit den Methoden, die sie aus dem Krieg mitbrachten: der Waffengewalt. Die meisten Täter waren Freikorps-Angehörige, die sich von den demokratiefeindlichen Kräften im Lande getragen fühlten. Ihnen fielen auch herausragende politische Persönlichkeiten zum Opfer, die als links und kriegsgegnerisch galten: Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner und der pazifistische Offizier Hans Paasche. Sie galten als „innere Feinde“, weil sie sich gegen den Krieg, den militaristischen Machtstaat, für einen Verständigungsfrieden exponiert und nach dem Krieg für eine Aussöhnung ausgesprochen hatten. Finanzminister Matthias Erzberger und Außenminister Walther Rathenau wurden ermordet, weil sie den Rechten als „Erfüllungspolitiker“ galten.

Unter dem Eindruck von Mord und Verhöhnung der jungen Republik durch die radikalen Rechten prägte Ex-Ministerpräsident Scheidemann (SPD) in seiner Reichstagsrede vom 7. Oktober 1919 erstmals den Kampfruf „Der Feind steht rechts!“

Im Juni 1922, nach der Ermordung Rathenaus auf offener Straße, griff Reichskanzler Wirth, ein linker Zentrumspolitiker, das Diktum erneut auf und machte es zur gemeinsamen Losung der Demokraten. An die rechte Seite des Reichstages gewandt, rief er in den Saal: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“ Das Protokoll verzeichnet stürmischen Beifall in der Mitte und links. Die Szene ereignete sich vor knapp 100 Jahren und klingt in unseren Ohren doch wie ein Warnruf aus unseren Tagen.

Wenig später schrieb Hitler die mörderische Traditionslinie gegen Kriegsgegner und Antimilitaristen fort. Im Tone aggressiver Verachtung erklärte er, pazifistische Vorstellungen seien „lasterhaft“ und naturwidrige „Humanitätsduseleien“. Die Humanität sei „Ausdruck einer Mischung von Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen“. Und damit ja keine Unklarheiten blieben: „Es muss der Deserteur wissen, dass seine Desertion gerade das mit sich bringt, was er fliehen will. An der Front kann man sterben, als Deserteur muss man sterben.“ Welche mörderischen Taten diesen Worten folgten, ist hinreichend bekannt.

In der AfD erwog man Schüsse gegen Flüchtlinge an der Landesgrenze. Die deutsche Gewaltgeschichte wird kleingeredet. Die neuen deutschen Rechtsradikalen, vorweg die im Nadelstreifen, wollen endlich wieder stolz sein auf die deutschen Soldaten. Das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden in Europa wird als „Schandmal“ denunziert. Aus der Giftküche des völkischen Denkens heraus wird der Hass gegen Minderheiten aller Art geschürt – gegen Ausländer, Juden, Pazifisten und viele andere. Wer nicht in ihrem Sinne agiert, wird zum Feind erklärt und gehört „gejagt“. Es sind dieselbe inhumane Weltsicht und derselbe rechte Terrorismus, die schon die Weimarer Demokratie destabilisierten. Schon damals bereiteten Worte der Ausgrenzung die mörderischen Taten vor. Die Friedliebenden waren und sind im Visier der Rechtsradikalen. Das wissen wir aus unserer eigenen Geschichte. Der Feind steht erneut rechts. Gegen ihn ist – anders als in Weimar in den Jahren vor 1933 – eine breite Front aller Demokraten zu bilden, die alle einschließt, die sich gegen rechts wenden. Andernfalls geraten wir in Gefahr, ein braunes Wunder zu erleben.

 

Wolfram Wette ist promovierter Historiker, pensionierter Professor für Neueste Geschichte, Friedensforscher und DFG-VK-Mitglied.

 

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