Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 3/20

"History"

„Krieg ist etwas, was nicht mehr sein darf.“
Vor 100 Jahren ermordet: Hans Paasche – Vom preußischen Offizier zum Pazifisten

Von Helmut Donat

Am 21. Mai 1920 wurde Hans Paasche auf seinem Gut „Waldfrieden“ in der Neumark von rechtsradikal gesinnten Reichswehrsoldaten ermordet. Nach seinem Tode ließen seine Gegner keine Gelegenheit aus, ihn als „Narr“ und „Geisteskranken“ zu verleumden. Denn Hans Paasche gehörte zu den wenigen Militärs, die bereits während des Ersten Weltkriegs dem Irrweg preußisch-deutschen Machtwahns ein Ende bereiten wollten. Dennoch oder gerade deshalb ist er von den Deutschen vergessen worden – zu Unrecht.

Mit 25 Jahren war Paasche – damals Erster Offizier auf dem Kreuzer „SMS [Seiner Majestät Schiff] Bussard“ – bereits „Herr über Provinzen“ und „selbstständiger Feldherr“ in Deutsch-Ostafrika, wo er 1905 Aufstände der eingeborenen Bevölkerung niederwerfen musste. Dabei kamen ihm erste Zweifel an der deutschen Offiziersehre. Die Mentalität vieler Kameraden – „der Neger müsste Prügel haben“ – ekelte ihn an.

Er wurde Zeuge von Vergeltungsaktionen und der brutalen Kriegsführung des deutschen Kolonialismus, Gräueltaten, wie die sofortige Ermordung von Gefangenen, weil deutsche Truppen aus dem Hinterhalt beschossen worden waren; die Verurteilung von Eingeborenen zum Tod durch den Strang, obwohl sie vor dem Kriegsgericht ihre Unschuld beteuerten und die Richter die Sprache der Angeklagten – Kisuaheli – nur schlecht verstanden. Als Hans Paasche erlebte, wie Offiziere, die zu „ihren Orden“ und zu „ihrem Gefecht“ kommen wollten, „bevor die Geschichte zu Ende geht“, Zusammenstöße mit den Eingeborenen provozierten, wurde ihm klar: „Ich verachte alles Waffentragen. Ich war anders als die Scharfmacher.“

Mit der Jagd auf Menschen wollte Paasche fortan nichts zu tun haben. Stattdessen schlich er sich als Großwild- und Steppenjäger in Elefantenherden ein, spürte Nashörner, Löwen, Büffel, Krokodile und Flusspferde auf, um sie – mit damals unvollkommenen Hilfsmitteln und wie niemand vor ihm – aus nächster Nähe zu fotografieren. Seine Aufnahmen und Erlebnisse in Ostafrika veröffentlichte er 1907 in dem Buch „Im Morgenlicht“, das ihn mit einem Schlag bekannt machte.

Fortan folgte Paasche der Einsicht: „Krieg ist etwas, was nicht mehr sein darf.“ Und er zog persönliche Konsequenzen. Obwohl gerade erst, 1907, wegen seiner Tapferkeit und seines Mutes im afrikanischen Buschkrieg zum Kapitänleutnant befördert, reichte er 1908 seinen Abschied aus der kaiserlichen Marine ein.

Unerwünschte pazifistische Gesinnung. Hans Paasche, ein Sohn aus „gutem Hause“, der sich freimütig zu pazifistischen und sozialdemokratischen Auffassungen bekannte, fing an, gegen soziale Ungerechtigkeiten zu kämpfen und der vor allem in Deutschland weit verbreiteten Irrlehre, der Krieg sei der Vater aller Dinge, entgegenzutreten. Das sahen und hörten die Agitatoren des Wehr- und Flottenvereins nicht gern; schon gar nicht von einem Mann, der den Titel „Kapitänleutnant a.D.“ führte. Die ersten Verleumdungen gegen Hans Paasche, von der nationalistischen Presse bereitwillig aufgenommen, ließen nicht lange auf sich warten. Ein Jahr lang wurde er von den Ehrengerichten verfolgt (1912/13). Sein „Vergehen“: In einer öffentlichen Versammlung hatte er der Forderung eines kriegshetzerischen Redners – „Deutschland brauche mal wieder einen frischen, fröhlichen Krieg“ – widersprochen.

Die Untersuchung blieb zwar ohne Folgen für Paasche, bestätigte ihm sogar seine Unschuld, doch war ihm klargeworden, dass seine pazifistische Gesinnung unerwünscht war. Und später berichtete er über seinen Versuch, im Deutschland der Vorkriegszeit pazifistische Grundsätze verbreiten zu helfen: „Was ich gegen den Krieg unternehmen wollte, scheiterte an dem wohl-organisierten Widerstand der Militaristen und an der Teilnahmslosigkeit der Massen.“

Deutschlands erster Grüner. In der von ihm mitbegründeten lebensreformerischen Zeitschrift „Der Vortrupp“ veröffentlichte Paasche 1912/13 die „Briefe des Afrikaners Lukanga Mukara“ – sein populärstes Werk: kulturkritische Berichte über eine fiktive Deutschlandreise, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Mit seinem „Lukanga Mukara“ transportierte Paasche eine politische Aussage. Er ließ einen gebildeten und naturverbundenen Afrikaner zu Wort kommen, um den Deutschen im Zeitalter des Kolonialismus vor Augen zu führen, dass sie kein Recht haben, sich als auserwählte Rasse zu betrachten und ihre Lebensformen nach Afrika oder anderswohin zu exportieren.

Es wäre nicht gar so falsch, wollte man Paasche „Deutschlands ersten Grünen“ nennen. Er schrieb gegen die „Federmode“ an, die ganze Vogelarten ausrottete, und forderte eine drastische Verminderung der Fangquoten für Robben. Gegen die zum Gesellschaftssport erhobenen Jagden in den Savannen und Steppen Afrikas wandte er sich ebenso wie gegen den Großstadtlärm, dem das Nervensystem der Kinder schutzlos ausgeliefert sei. Ebenso setzte er sich für Frauenstimmrecht, Bodenreform, Tier- und Landschaftsschutz ein.

Als Mitbegründer des „Abstinenten-Bundes deutscher Offiziere“ und Mitglied des „Guttempler-Ordens“ bekämpfte Paasche den weit verbreiteten Alkoholismus. Bereits während seiner Ausbildung zum Marineoffizier hatte er einmal, nach deftigen Trinksprüchen auf Kaiser Wilhelm II., seinem Vorgesetzten mit einem Glas Wasser zugeprostet. Sein Engagement gegen Wachstumsfetischismus und für „natürliche Lebensweise“ machten ihn zu einem Vorbild der „Jugendbewegten“ in der Wandervogelbewegung.

Im Ersten Weltkrieg ein schwieriger Untergebener. Als der Erste Weltkrieg begann, misstrauten ihm die Militärbehörden. Man übertrug ihm den Posten eines Wächters auf dem Leuchtturm „Roter Sand“ weit draußen vor der Wesermündung. Später erhielt er ein Kommando als Kompanie-Führer in der II. Torpedo-Division in Wilhelmshaven.

Seine Vorgesetzten sollten sich nicht getäuscht haben, der Pazifist blieb auch während des Krieges ein „schwieriger Untergebener“. Im Unterschied zu anderen Marinerichtern lehnte er das ihm übertragene Richteramt ab und weigerte sich, einen Matrosen, der sich gegen den Krieg ausgesprochen hatte, zu verurteilen. Paasche bekam Schwierigkeiten. Die Matrosen aber sollten die mutige Haltung „ihres Vorgesetzten“ nicht vergessen. Schließlich entließ man Paasche endgültig aus der kaiserlichen Marine, und er zog sich erneut auf sein Gut „Waldfrieden“ zurück.

Kampf gegen den Krieg – Anklage wegen Hochverrats. Von nun an tat er alles, um dem Krieg ein Ende zu machen. Er ging in den politischen Untergrund, entwarf Flugblätter zwecks Lahmlegung der Rüstungsindustrie, verbreitete kriegsgegnerische Aufrufe und von der Zensur verbotene Bücher und Schriften, die nachwiesen, dass die politische und militärische Führung des Kaiserreichs den Weltkrieg gewollt und entfesselt hatte. Dieses „landesverräterische Treiben“, von dem Paasche wusste, dass es die Todesstrafe bedeuten könnte, führte er in einer Offenheit durch, die einen seiner Charakterzüge hervortreten lässt: für eine einmal als richtig erkannte Sache bis zur letzten persönlichen Konsequenz zu gehen.

Im Oktober 1917 wurde Hans Paasche wegen Aufforderung zum Hochverrat verhaftet und angeklagt. Doch zum Prozess kam es nicht. Stattdessen erklärte man ihn für „geisteskrank“ und sperrte ihn in eine Nervenheilanstalt in Berlin, aus der ihn am 9. November 1918 revolutionäre Matrosen befreiten.

Paasche, in den Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte gewählt, setzte sich sofort dafür ein, die Schuldigen am Weltkrieg, die mitverantwortlichen Parteiführer und Militärs verhaften zu lassen und vor Gericht zu stellen. Er hatte alles vorbereitet. Autos mit bewaffneten Matrosen standen bereit, doch die sozialdemokratische Führungsspitze lehnte ab und kollaborierte lieber mit den Militärs.

Die neue Republik schont preußischen Militarismus. Paasche bemerkte rasch, dass die Revolution – zum Schaden der politischen Entwicklung nach 1918 – nicht bereit war, den preußischen Militarismus auf die Anklagebank zu bringen. Seine wiederholten Forderungen an das deutsche Volk, sich von jedweder Politik der Gewalt abzukehren, wurden nicht ernstgenommen. Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau wollte er nur noch „seinen Acker bestellen und seine vier Kinder erziehen“. Doch seine Feinde ließen ihm keine Ruhe. Eine Denunziation, er halte auf seinem Gut ein Waffenlager für einen kommunistischen Aufstand versteckt, reichte als Vorwand für eine Hausdurchsuchung. Fünfzig bis sechzig Mann umstellten Paasches Gut. Man ließ ihm keine Chance und erschoss ihn „auf der Flucht“. Ein Haftbefehl war nicht ausgestellt worden, Waffen wurden nicht gefunden. Der Mord an Hans Paasche blieb ungesühnt.

Realistisch schätzte Hauptmann a.D. Willy Meyer in der „Berliner Volkszeitung“ die Folgen, welche die Vertuschung des Verbrechens für den Bestand der Demokratie haben musste ein: „Die Autokratie mag sich durch die bloße Gewalt erhalten können. Die Demokratie aber wird untergehen, wenn ihre Fundamente: Recht und Gerechtigkeit ins Wanken geraten. Die empörende Klassenjustiz, die jetzt viel schlimmer ist als in der kaiserlichen Zeit, höhlt die Grundlage des neuen Staates aus und beschleunigt den Zusammenbruch der Republik mit den nur geduldeten Republikanern.“

Helmut Donat ist Historiker und Verleger.

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