Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 3/20

Antimilitarismus

Wolfram Wette: Kriegsrhetorik in Zeiten von Corona

von Wolfram Wette

„Nous sommes en guerre!“ tönte es von jenseits des Rheins. Nein, nicht 1870, nicht 1914, auch nicht 1940, sondern jetzt, am 16. März 2020.[1] Damit auch jeder begriff, dass es kein Versprecher war, benutzte Emmanuel Macron seine martialische Formulierung gleich sechsmal in einer einzigen Rede. Diesseits des Rheins fragten wir uns: Haben wir vielleicht den Schuss nicht gehört? Oder hatte es den Schuss gar nicht gegeben? Benutzte der französische Staatspräsident die Kriegsrhetorik nur, um die Bevölkerung seines Landes aufzurütteln, um sie vor einer unberechenbaren Gefahr zu warnen?

Macron nachahmend, erklärte sich auf der anderen Seite des Atlantik der Führer der Supermacht USA selbst zum „Kriegspräsidenten“ und rief die Amerikaner zum Kampf „gegen einen unsichtbaren Feind“ auf, der jetzt „an jeder Front“ angegriffen werden solle. Trump, der die Gefahr zuvor nicht erkannt und sie klein geredet hatte, peilte nun als Kriegsherr nichts Geringeres als den „totalen Sieg“ an: „Ich weiß, dass in dieser Zeit der Not jeder Amerikaner seine patriotische Pflicht erfüllen und uns dabei helfen wird, einen totalen Sieg zu erringen.“ Wenn es gelänge, die Zahl der amerikanischen Toten auf 100.000 zu begrenzen, „dann haben wir alle zusammen einen guten Job gemacht“, sagte er[2]. Bei anderer Gelegenheit ernannte er erst die Krankenschwestern zu „Kriegerinnen“, die „in den Krieg ziehen“ müssen, und dann die ganze Bevölkerung seines Landes zu Kriegern.

Anders als bei uns ist eine solche Rhetorik in den USA nicht anstößig, was historisch bedingt ist. Aus Sicht der US-Amerikaner war der Zweite Weltkrieg, besonders der Kampf gegen Hitler-Deutschland, ein gerechter Krieg, an den man sich mit Stolz auf die eigenen Leistungen erinnert. Im Übrigen fand im 20. Jahrhundert keine der militärischen Auseinandersetzungen, die von den USA geführt wurden, auf eigenem Territorium statt. Es gibt daher in der amerikanischen Zivilbevölkerung keine nachhaltig wirkenden Kriegstraumata. Schon Präsident George W. Bush suchte und fand die Anerkennung der meisten seiner Landsleute mit der im Irak-Krieg inszenierten Selbstdefinition als „War-President“[3]. Trump dürfte sich daran erinnert haben.

Im Fahrwasser seiner Kollegen in Frankreich und in den USA schlüpfte auch der italienische Präsident Giuseppe Conte verbal in die Soldatenuniform. Zur Lage in Europa sagte er: „Wir sind alle an der Front. Wenn nur ein Vorposten nachgibt, nur ein Schützengraben zusammenbricht, dann breitet sich der Feind im Inneren aus.“[4] In London verglich der britische Premierminister Boris Johnson am 18. März 2020 die Corona-Bedrohung mit einem Feind auf dem Schlachtfeld. Er sagte in seinem Kabinett: „Wir sind in einen Krieg gegen diese Krankheit verwickelt, den wir gewinnen müssen.“[5]

In Deutschland erregte insbesondere die Kriegsrhetorik von Macron etliche Aufmerksamkeit, fand aber keine Nachahmung. Die Politiker diesseits und jenseits des Rheins scheinen sich der Tatsache bewusst gewesen zu sein, dass das Wort „Krieg“ in Frankreich und in Deutschland – historisch bedingt - ganz unterschiedliche Reflexe auslösen würde. Die Deutschen hätten wohl mit Unverständnis, aber auch mit Entsetzen und Panik reagiert. Denn hier ist „Krieg“ auch noch drei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg absolut negativ kodiert. Im historischen Bewusstsein der Deutschen ist präsent: Im Krieg gegen Frankreich war der erste deutsche Nationalstaat entstanden, in kriegerischen Eroberungen hatte er seine Berufung gesehen und im Krieg war er 1945 untergegangen. Militärische Niederlagen erlebten die Deutschen 1918 und 1945. Dann hatten sie vom Krieg endgültig die Nase voll. Hatte er doch nicht nur den Feindmächten, sondern auch den Deutschen selbst nichts als Unglück gebracht.

Die „deutschen Kriege“ waren Angriffskriege gewesen, aller Verteidigungs-Propaganda zum Trotz. Wenn dagegen die Franzosen zu den Waffen gerufen wurden, geschah dies tatsächlich zur Verteidigung des Landes. Marcons Ausruf „Nous sommes en guerre“ (contre le coronavirus) war geeignet, die im historischen Bewusstsein der Franzosen präsenten Erinnerungen an 1870, 1914 und 1940 zu aktivieren. Die Kriegsrhetorik hatte hier also die Funktion eines Weckrufes zur Mobilisierung, zum Zusammenrücken, zur gemeinschaftlichen Abwehr einer von außen kommenden Gefahr.

Weltweit ist aufmerksam registriert worden, dass die deutsche Bundesregierung nicht auf den rhetorischen Kriegszug aufgesprungen ist. Die Verlautbarungen der Kanzlerin Angela Merkel waren nüchtern, rational, sachorientiert, unaufgeregt, fast spröde. Es gab Verhaltensmaßregeln, aber keinen Befehlston, es gab sondern werbende Appelle an die Einsicht der Menschen, ihr Verantwortungsgefühl und ihre Selbstdisziplin. Exemplarisch für den Verzicht auf jedes Pathos stand die Formulierung der Regierungschefin: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst!“[6] Es war die Rhetorik einer zivilen Gesellschaft.

In Deutschland hat übrigens niemand die Regierenden für den Verzicht auf die Metapher Krieg getadelt. Er scheint eher honoriert worden zu sein. Heinrich Wefing, Redakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, deutete die Unterschiede in der französischen und der deutschen Reaktion auf die Corona-Krise unter anderem als „Unterschied zwischen französischer Machtglorie und bundesrepublikanischem Effizienzversprechen“. Dafür fand er das sprechende, keineswegs beleidigend gemeinte Bild: „Ärmelschoner statt Epauletten.“[7]

Für deutsche Ohren irritierend war an der Kriegsrhetorik der Anderen die gedankliche Vermengung von Naturereignis und Krieg. Auf den ersten Blick mochte es Parallelen geben: Die Pandemie wurde als eine große Bedrohung für alle wahrgenommen, es gab viele Opfer – Infizierte und Tote -, keine wirksame Gegenwehr, und allerorten Mangel, in diesem Falle an Schutzausrüstung für das medizinische Personal. Aber es fehlte der Feind, der Bösewicht, der Schuss, das ganze herkömmliche Kriegsszenario. So wirkte die Kriegsrhetorik von jenseits der Grenzen seltsam irreal, und man fragte sich: Sieht so das verkappte Eingeständnis von Ohnmacht und Hilflosigkeit aus? Schließlich konnte nicht einmal der mit Atomwaffen bestückte Flugzeugträger etwas gegen den unsichtbaren Feind ausrichten!

In der deutschen Geschichte hat die Vermengung von Naturkatastrophe, Schicksal und Krieg eine verheerende Rolle gespielt. Von den Predigern des preußisch-deutschen Militarismus lernten die Deutschen im 19. und im 20. Jahrhundert, dass der Krieg – wie in gewollter Verallgemeinerung formuliert wurde - „ein Glied in Gottes Weltordnung“ sei.[8] Andere sagten, „der Krieg“ sei „Schicksal“ oder eine „Naturnotwendigkeit“ oder eine „historische Notwendigkeit“. Durch interessengeleitete Vernebelungen dieser Art machte sich damals in der deutschen Bevölkerung ein verhängnisvoller Fatalismus breit, der offenen Widerstand gegen die Kriegspolitik der Regierungen des eigenen Landes ebenso massiv erschwerte wie das Wirken einer kriegsgegnerischen Friedensbewegung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand ein allmähliches Umdenken statt. Jetzt lernten die Deutschen, dass Kriege keine metaphysischen Ursachen haben, sondern dass jede einzelne kriegerische Auseinandersetzung Menschenwerk war und ist. Damit geht auch die – in diesem Kontext zentrale - Erkenntnis einher: Frieden ist machbar.

Die Kriegsrhetorik in Zeichen von Corona ist ein Etikettenschwindel. Zugleich stellt sie ein großes Missverständnis dar. Denn wir haben es mit einem Naturereignis zu tun, ähnlich einem Tsunami, einem Vulkanausbruch, einem Erdbeben, dem Einschlag einem Meteoriten, ähnlich der Pest oder der Cholera. Wir erleben hautnah eine Eruption der Natur, die wir nicht verhindern, höchstens in ihren Folgen eindämmen können. Die Viren sind Teile der Natur, nicht der technisierten menschlichen Welt. Sie sind „die heimlichen Herrscher der Welt“.[9]

Die Versuche der US-Regierung, den Ursprung des Corona19-Virus in einem Laboratorium in Wuhan zu verorten, stellt insoweit einen Teil des amerikanisch-chinesischen Konfliktaustrags dar. Es ist der Versuch, Natur in menschliches Verschulden umzudeuten und den Verdacht der biologischen Kriegführung zu streuen. Die europäischen Kriegsschulddebatten des 20. Jahrhundert lassen grüßen.

Bill Gates, einer der Architekten der digitalen Welt, sieht sich derzeit der Aggressivität von Verschwörungsgläubigen ausgesetzt. Dabei hat er es früher als Andere verstanden, die weltweite Gefahrenlage adäquat zu analysieren. In seiner – wohl erst nachträglich berühmt gewordenen – Vancouver-Rede von 2015 und anderen Gelegenheiten prognostizierte er, das nächste Massensterben werde nicht die Folge eines Atomkrieges sein, sondern einer Viren-Pandemie.[10] Wir müssten uns für die nächste Viren-Epidemie „wappnen wie für einen Krieg“, müssten Epidemie-Übungen statt Militär-Übungen betreiben. Aber die Staaten steckten immer noch in einem Sicherheitsdenken fest, das von militärischen Bedrohungen ausgeht“. Stattdessen müsse die Weltgesellschaft „epidemiologische Einsatzgruppen aufstellen, die jederzeit überall reagieren können. Mobile Kliniken statt Atom-U-Boote. Impfstoff-Repositorien statt Raketensysteme“.

Für die Anhänger Trumps, die mit Kriegs- und Gewaltrhetorik sozialisiert worden sind, mögen das schmerzliche Erkenntnisse sein: Das ganze martialische Gerede kann uns so wenig vor dem Corona-Krise schützen wie der machtvolle amerikanische Militärapparat und die National Rifle Association. Damit ist auch bei uns, im postheroischen Deutschland, ein großes Umdenken eingeläutet, entlang der Erkenntnis: Die Hauptgefahr sind nicht militärische Bedrohungen, sondern die Viren, die Mikroben. Das erfordert den Vorrang der Gesundheitssicherheit: Impfstoffe statt Raketensysteme!

Ob die Corona-Krise den Anstoß geben wird, diesen Einsichten auch Handlungen folgen zu lassen, steht freilich in den Sternen. Denn so eindeutig ist die Sache nicht, werden Skeptiker sagen. Haben die Menschen nicht auch bei einigen der sogenannten Naturkatastrophen ihre Hand im Spiel? Was ist mit dem Raubbau an der Natur? Mit dem Aussterben vieler Tierarten? Mit dem Klimawandel? Sicher ist nur das Eine: Mit Militär und Krieg ist keine Abhilfe zu schaffen. Daher ist Kriegsrhetorik in Zeiten von Corona ein Anachronismus, ein Zeichen mangelnder Lernfähigkeit, ein Ausdruck politischer Hilflosigkeit und ein Indiz für inkompetentes Regieren. Hat eigentlich schon jemand ermittelt, weshalb - soweit erkennbar - kein einziger Wirtschaftsführer in die anachronistische Kriegsrhetorik eingestiegen ist?

[1] Macrons Rede ist nachzuhören in: www.youtube.com/watch?v=5wYyJckGrdcsiehe auch: www.lemonde.fr/politique/article/2020/03/17/nous-somm..

[2] Nachricht von t-online am 3.4.2020: www.t-online.de/nachrichten/auslandt-online >nachrichten>ausland

[3] US-Präsident George W. Bush am 7.2.2004. Siehe: https://harpers.org/2010/05/george-w-bush-war-president/?%3E

[4] Zit. nach ebda.: www.t-online.de/nachrichten/auslandt-online >nachrichten>ausland

[5] dpa-Bericht vom 19.3.2020 „Steuert Großbritannien in ein Corona-Desaster?“ Siehe: https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_87551102/gefaehrliches-zoegern-steuert-grossbritannien-in-ein-corona-desaster-.html#utm_source=websuche&utm_medium=t-online-ergebnisse&utm_campaign=link1

[6] Merkel am 18.3.2020. Siehe: www.tagesschau.de/inland/merkel-rede-109.html

[7] Heinrich Wefing: Wer schützt in der Not? Der Staat. In: DIE ZEIT Nr. 13, 19.3.2020, S. 3.

[8] So der preußische Generalfeldmarschall Hellmuth von Moltke.

[9] Christina Berndt: Die heimlichen Herrscher der Welt. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 101, 2./3.5.2020, S, 30 u. 31.

[10] Die folgenden Gates-Zitate sind entnommen dem Artikel von Andrian Kreye: Seine Welt. Bill Gates kämpft seit Jahren gegen Pandemien. Dafür stiftet er viel Geld. Oder er lässt Menschen in Schutzkleidung Schokolinsen sortieren. Was können wir von ihm lernen? In: Süddeutsche Zeitung Nr. 74, 28./29.3.2020, S. 14.

Wolfram Wette ist promovierter Historiker, pensionierter Professor für Neueste Geschichte, Friedensforscher und DFG-VK-Mitglied.

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