Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

leider ist unsere Arbeit für den Frieden ein „mühsames Geschäft“, Erfolge sind selten, Krieg und Gewalt sind vielerorts der Normalzustand. Um so erfreulicher ist es, wenn eine kleine Kampagne schnell erfolgreich ist. So, wie es die „Lego-Kampagne“ war.

Lego, der weltweit größte Spielzeughersteller wollte Anfang August einen neuen Bausatz auf den Markt bringen, das Modell des von der US-Armee in aktuellen Kriegen genutzten „Kipprotorflugzeugs“ V-22 Osprey. Und das, obwohl Lego sich in seinen Leitwerten seit langem festgelegt hat, auf den Nachbau von aktuell genutzten Waffen und Militärmaterial zu verzichten.

Einige wenige Aktive der DFG-VK bereiteten mit der Studie „Bricks or Bombs?“ eine Kampagne vor, um Lego zur Beendigung seiner Zusammenarbeit mit Rüstungsfirmen zu bewegen und künftig keine weiteren Militärmodelle zu produzieren. Im Vorfeld des Osprey-Verkaufs sollten vor einigen Lego-Stores mit Infoständen auf das Kriegsspielzeug hingewiesen werden, das Ganze unterstützt mit Pressearbeit und Veröffentlichungen in den sozialen Medien.

Und dann? 30 Stunden nach Kampagnen-Start und Straßenaktionen vor den Lego-Läden in Berlin in Hamburg zog Lego das Osprey-Set zurück, ließ es weltweit aus den Stores zurückholen, wohin es für den Verkaufsstart in wenigen Tagen ausgeliefert worden war, und erklärte die „Aufrechterhaltung der Markenwerte“ für wichtiger als den Warenvenkauf und damit den ökonomischen Erfolg.

Leider ist es in unserer Arbeit häufig so, dass zwar an vielen Orten geplant, vorbereitet und aktionsmäßig umgesetzt wird. Die gründliche Auswertung und das systematische Lernen für die nächsten Aktionen kommt aber häufig viel zu kurz. Auch das war dieses Mal anders. Michael Schulze von Glaßer, der politische Geschäftsführer des DFG-VK-Bundesverbandes, auf dessen Idee die Lego-Kampagne zurückging, hat ausführlich beschrieben, wie die Kampagne angelegt war, was beabsichtigt war, wie sie durchgeführt wurde, was daraus zu lernen ist. Leicht gekürzt ist sein Text dieses Mal die ZivilCourage-Titelgeschichte.

Für mich zeigt die Lego-Kampagne zwei Dinge: Ohne Profis, also bezahlte Menschen, hätte die DFG-VK diese Kampagne wohl nicht durchführen können. Man kann zurecht immer skeptisch sein, was hauptamtliche Arbeit in einer letztlich kleinen Organisation wie der DFG-VK angeht. Sie bindet Finanzen, also vor allem Mitgliedsbeiträge, schafft Ungleichgewicht, die Profis haben „mehr Zeit und Wissen“ als die unbezahlten Aktiven und auch mehr Einfluss auf die Verbandspolitik. Deshalb sind die demokratische Rückbindung und die Transparenz von Entscheidungen und Abläufen umso wichtiger.

Und, Michael Schulze von Glaßer, hat das auch erklärt: Ohne die coronabedingten Veränderungen und Freiräume hätte es sein umfassendes Auswertungspapier vermutlich nicht gegeben, dann hätte er Energie für die Vorbereitung anderer Aktionen aufgewendet, hätte Zeit für Besprechungen, Sitzungen und Reisen ver(sch?)wendet.

Die Corona-Pandemie könnte also auch ein Anlass dafür sein, unsere Friedensarbeit kritisch zu reflektieren und zu überlegen, wo wir zu viel zu schnell aktivistisch sind und dabei das gründliche Überlegen und strategische Planen vernachlässigen.

 

Erkenntnisreiche Lektüre und „Bleibt gesund“ wünscht

 

 

Stefan Philipp
Chefredakteur der ZivilCourage

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