Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 4/2020

Antimilitarismus

Verbindung von Politik, Aktion und Freizeit

Friedens-Fahrradtour NRW unter Corona-Bedingungen

Von Joachim Schramm

 

 

 

 

Am 9. August kurz vor 10 Uhr erreichte die Friedensfahrradtour Nordrhein-Westfalen 2020 ihr Ziel: den Atomwaffenstützpunkt Büchel. Dort trafen wir auf christliche Friedensaktivisten, die mit einer Fastenaktion gegen die Atomwaffen protestierten. Mit einem Gottesdienst beendeten sie kurz nach unserer Ankunft das Fasten, und mit einer Schweigeminute kurz nach 11 Uhr gedachten wir gemeinsam der Opfer des Atombombenabwurfs auf Nagasaki vor 75 Jahren und erneuerten unsere Forderung nach Abzug der Atombomben aus Büchel.

Hinter uns lagen über 350 Radkilometer bei teilweise Temperaturen über 30 Grad Celsius. Gestartet waren wir eine Woche zuvor in Aachen, der Stadt im Dreiländereck zwischen den Niederlanden, Belgien und Deutschland, nur jeweils maximal 100 Kilometer entfernt von den Atomwaffenstützpunkten in allen drei Ländern.

Lange Zeit waren wir im Zweifel gewesen, ob wir die Tour trotz Corona durchführen könnten. Doch dann klärte sich die Situation so, dass politische Veranstaltungen wieder erlaubt waren und auch Übernachtungsmöglichkeiten wie Jugendherbergen und Campingplätze wieder zur Verfügung standen. Trotzdem beschränkten wir die Zahl der Teilnehmer*innen auf 20 und nahmen vorrangig Menschen mit, die schon Erfahrungen mit unserer Tour hatten. Auch ein Corona-Konzept wurde erarbeitet.

Neben der Beschäftigung mit den Atomwaffen, die im 75. Jahr nach Hiroshima und Nagasaki ja auf der Hand lag, setzten wir uns mit weiteren Militarisierungsthemen auseinander. In Nörvenich demonstrierten wir vor dem Eurofighter-Stützpunkt, von dem aus auch immer wieder Maschinen ins Baltikum verlegt werden, um dort an den konfrontativen Flügen entlang der russischen Grenze teilzunehmen. Auch als Ausweichstützpunkt für die Atombomber aus Büchel steht Nörvenich zur Verfügung, inklusive der Bunker für die Atombomben. In Koblenz, dem Sitz des Bundeswehr-Beschaffungsamtes führten wir unser neu entwickeltes Aktions-Theater „Black Friday – alles muss raus“ auf, in dem eine Rüstungsproduzentin ihre Produkte anpreist zu Lasten wichtiger gesellschaftlicher Bedarfe wie Bildung, Gesundheit oder Klimaschutz.

Doch nicht nur um die klassischen Militärbereiche ging es auf der diesjährigen Friedensfahrradtour. In Euskirchen demonstrierten wir vor dem Zentrum für Cybersicherheit der Bundeswehr. Der Cyber- und Informationsraum ist ein neuer Bereich der Kriegsführung, der für Militärs immer wichtiger wird. Hier ist die Bundeswehr natürlich mit dabei. In Köln-Wahn fuhren wir beim Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) vorbei. Seit Trump im letzten Jahr den Weltraum zum neuen Bereich der Kriegsführung ausrief und Macron dies auch für die Europäer in Anspruch nahm, ist die geplante Bewaffnung des Weltraums eine weitere Bedrohung für uns alle. Das DLR kombiniert zivile und militärische Grundlagenforschung und hat mit der Bundeswehr, die gleich nebenan mit der Luftwaffe präsent ist, diverse Kooperationsabkommen geschlossen. Das Aufklärungssystem SAR Lupe oder auch Galileo, das europäische Gegenstück zu GPS, sind Projekte, an denen Deutschland führend beteiligt ist.

Die Aufklärung über diese Zusammenhänge passte offenbar nicht jedem ins Konzept. In Euskirchen wurden wir zum ersten Mal bei allen bisherigen Touren körperlich angegangen: Während meiner Rede flogen plötzlich aus einem Versteck hinter einer Garage eine Tomate und eine Milchpackung. Die gut vertretene Polizei musste offenbar erst entscheiden, ob der Schutz der Kaserne oder unsere Unversehrtheit höher zu bewerten sei. Bis sie sich in Richtung Täter bewegte, war dieser längst verschwunden.

Interessant war auch wieder unser Abstecher in den Hambacher Wald, wo uns ein langjähriger Aktivist noch einmal die Hintergründe der Umweltzerstörung durch den Braunkohle-Tagebau vor Augen führte. Die in den Baumhäusern lebenden Aktivisten berichteten über ihre Beweggründe und ihren Alltag dort. Frieden und Klimaschutz gehören zu Sicherung unserer Zukunft zusammen, das wollten wir durch unseren Besuch noch einmal deutlich machen.

An vielen Orten wurde unsere Tour wieder durch lokale DFG-VK- und andere Friedensgruppen unterstützt. Es gab Kuchenbüfetts und belegte Brötchen am Rande der Kundgebungen oder in den Mittagspausen, in Köln wurden wir zu einem richtigen Abendessen eingeladen. Toll war auch die Gastfreundschaft der Antifaschistin, die uns in Weilerwist in ihren Garten einlud und uns mit Kaffee und Kuchen bewirtete. Unterwegs erschwerte uns Corona den Kontakt mit den Menschen. Flyer verteilen ist ja nicht angesagt, und so sprachen nur unsere Fahnen und Schilder an den Fahrrädern für uns. Medienmäßig ragte der Beitrag der WDR-Lokalzeit heraus, die unsere Hiroshma-Performance vor dem Kölner Dom zu einem kurzen TV-Beitrag nutzte.

Nach der Fahrt durch die Ebene zwischen Aachen und Köln, einem Abstecher in die Höhen der Eifel und den Besuchen in den Großstädten Köln und Bonn ging es zum Ende der Tour entlang an Rhein und Mosel, an Burgen und Weinbergen vorbei in Richtung Büchel. Angesichts der zunehmenden Hitze sagten wir eine Kundgebung in Cochem ab und legten lieber eine Badepause in der Mosel ein.

Politische Aktionen und Freizeit, beides spielt eine Rolle bei den Friedensfahrradtouren – im nächsten Jahr hoffentlich auch wieder mit mehr und neuen Teilnehmer*innen!

Fotos und Medienberichte sind abrufbar im Internet unter https://nrw.dfg-vk.de/aktionen/friedensfahrradtour-nrw

 

Joachim Schramm ist Geschäftsführer des DFG-VK-Landesverbands Nordrhein-Westfalen.

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