Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 4/2020

Literatur

Ullrich Hahn: Vom Lassen der Gewalt. Thesen, Texte, Theorien zum Gewaltfreien Handeln heute. Hrsg. von Annette Nauerth und Thomas Nauerth; edition pace; Norderstedt 2020; 340 Seiten; 14,80 Euro (für Kindle: 7,99 Euro)

 

 

 

Es ist vielleicht die Zeit für Rückschauen und Bilanzen. Der Autor Ullrich Hahn, Jahrgang 1950, bietet solches mit seinem Buch im 71. Lebensjahr. Er gehört hierzulande zu den Menschen, die die Kultur der Gewaltfreiheit und des pazifistischen Antimilitarismus repräsentieren, im Rampenlicht oder auch mehr hinter den Kulissen. Zu ihnen zählten und zählen Wolfgang Zucht, Helga Weber, Wolfgang Sternstein, Ekkehard Krippendorff, Wolfram Beyer, Ulrike Laubenthal, Johann Bauer, Lou Marin, Heinz Rothenpieler, Uli und Sonnhild Thiel, Josef Geue, Andreas Buro, Wolfgang Hertle, Reiner Steinweg, Egon Spiegel, Nikolaus Koch, Renate Wanie, Theodor Ebert – und gewiss ist diese Liste noch unvollständig, man möge mir nicht genannte Namen verzeihen.

 

Ullrich Hahn, mehrfacher Familienvater, vermittelt nach außen eher den Eindruck eines asketischen, bedächtigen Menschen, der seine Kraft sowohl aus spiritueller Kontemplation und religiöser Meditation wie auch aus seiner reflektierten Art, Dinge zu durchdenken, bezieht. Immer wieder nennt er den christlichen Mystiker Meister Eckhart, auf den er sich bezieht, aus dessen „Predigten und Traktaten“ der Anarchist Gustav Landauer Stücke ins Deutsche übertrug.

Für mich gehört Ullrich Hahn zu den seltenen Menschen, die sich durch ihr gewaltfreies Auftreten auf natürliche Weise Respekt bei ihrem Gegenüber verschaffen können. Hier tritt niemand an, der belehren und unterrichten will. Im Gegenteil. Das stattliche Buch ist mit der Auswahl seiner Beiträge so etwas wie die Quintessenz eines Denkens und Handelns zu Idee und Praxis der Gewaltfreiheit und gewaltfreier Politik in allen ihren Aspekten: politischen, ethischen, theologischen genauso wie philosophischen, rechtlichen und organisatorischen.

Die Zusammenstellung erfolgte aus einem Zeitraum von gut 20 Jahren von 1998 bis 2019. Es sind kürzere wie längere Vorträge, Referate, Thesenpapiere mit Impulsen, eine Predigt, Reflexionen, grundsätzliche Erörterungen darunter. Eine abwechslungsreiche Mischung, die an jeder Stelle ein Einsteigen ins Buch ermöglicht, je nach leitendem Interesse. Das macht es lesefreundlich.

Etwas ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte: Die Herausgeber Annette und Thomas Nauerth wollten dem Autor, der vor Kurzem 70 Jahre alt wurde, eine Überraschung bereiten und besorgten von sich aus in der von ihnen und Peter Bürger betreuten „edition pace“ die gelungene Auswahl der Texte. Das Ergebnis reiht sich ein in manch andere vorgelegte autobiografische Bilanzen, etwa von Andreas Buro, Wolfgang Sternstein, Theodor Ebert oder auch von dem im vergangenen Jahr verstorbenen „KDV-Pastor“ Ulrich Finckh. Es ist gut, solche Zeugnisse zu haben, denn wie der Kulturanarchist Gustav Landauer einmal treffend sagte: Auch die Vergangenheit ist Zukunft.

 

Als Einstieg bietet sich an, die hinführende Einleitung des Autors (Seiten 13-20) und das würdigende Nachwort (S. 323-338) von Egon Spiegel, katholischer Theologe und Friedensforscher an der Universität Vechta, zu lesen.

Der Totalverweigerer Spiegel war in gemeinsamen Studienzeiten in Freiburg im Arbeitskreis Frieden der ESG (Evang. Studierendengemeinde) und dann in der Gewaltfreien Aktion Freiburg Gesinnungsfreund und Weggefährte Ullrich Hahns. Aus beiden Quellen kann man sich über Person und Lebensweg des im norddeutschen Oldenburg geborenen Hahn orientieren, der dann seit seinem zweiten Lebensjahr im badischen Villingen, am Rand des südlichen Schwarzwaldes, aufwuchs und dort noch immer lebt.

In der Nähe gibt es neben der Versöhnungsbund-Regionalgruppe Schwarzwald-Baar-Heuberg das Lebenshaus
Schwäbische Alb – Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie
, das sich durch Michael Schmid und andere Aktive längst zu einem regionalen Friedensbewegung-Fokus mit eigenem Rundbrief und Newsletter entwickelt hat. Ein anderes Lebens- und Wohnprojekt in der Umgebung ist das Lebenshaus Trossingen – Ökumenische Gemeinschaft für soziale Integration, in dem Menschen mit psychischen und sozialen Schwierigkeiten aufgenommen werden, und der ihm angeschlossene alternative Wirtschaftsbetrieb des „Nudelhauses“. Auch der 2004 leider früh verstorbene Wirtschaftsfachmann Willi Haller (Buch: Die heilsame Alternative: jesuanische Ethik in Wirtschaft und Politik; Wuppertal 1989), der ein ökonomischer, ökumenischer und sozialer Visionär und Praktiker war, dem im Buch ein Nachruf von Ull-rich Hahn gewidmet ist (S. 44-46), gehörte zu diesem lockeren Verbund in der südlichen baden-württembergischen Provinz. Gewaltfreiheit entsteht und gedeiht am besten in und aus lokalen und regionalen Strukturen und Zusammenhängen anderen Lebens als dem bestehenden.

 

Seit 1996 gehört Ullrich Hahn dem Vorstand des 1914 gegründeten Internationalen Versöhnungsbundes, deutscher Zweig (VB), an, erst 14 Jahre lang als dessen Vorsitzender und seither als Präsident. Das hat ihn natürlich geprägt, und es hat ebenso den deutschen Versöhnungsbund geprägt, den er so seit vielen Jahren verantwortlich mitgestaltet.

Zum VB kam er schon 1973 über seine Kriegsdienstverweigerung. Als junger Mann hatte er sich freiwillig zum Bundesgrenzschutz (heute: Bundespolizei) gemeldet und paramilitärischen Grenzdienst im nordbayerischen Coburg an der innerdeutschen Grenze geleistet. Er kündigte vor Ablauf seiner Zeit den Vertrag. Danach verweigerte er als Reservist.

Kriegsdienstverweigerung ist ein Zeugnis des Primats des Gewissens vor staatlichen Forderungen. Ullrich Hahn hat als Rechtsanwalt und VB-Mitglied dann selbst auch Kriegsdienstverweigerer beraten und durch die Gewissensinquisition begleitet und dieses Engagement auch auf sog. Totalverweigerer von Kriegs- und Zivildienst ausgedehnt. Er gehörte dem bis 2014 bestehenden Menschenrechtsverein Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer als Fördermitglied an und nahm gelegentlich als VB-Delegierter auch an deren Versammlungen teil. Im Abschnitt „Ethik“ findet sich eine Stellungnahme Hahns anlässlich einer Mitgliederversammlung 2004 der Zentralstelle KDV zu „Bundeswehr, Wehrpflicht, soziales Pflichtjahr“ (S. 167-70).

Im VB, im Buch ein ganzes Kapitel (S. 308-322), berühren sich Irenik (Friedenslehre), Friedenstheologie, der Gedanke von Völkerrecht und Völkerverständigung, Theorie und Praxis gewaltfreier Aktion und christliche Versöhnungspraxis aufs Engste und durchdringen einander.

Jeder moderne Krieg ist komplex betrachtet ein totaler zivil-militärischer „Fünfkrieg“ (Nikolaus Koch), der sich nährt aus militärischen, politischen, wirtschaftlichen, ideologischen und psychologischen Komponenten, die ihn stützen und absichern. Der Krieg lugt beständig unter dem Frieden hervor, er ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, er findet in den Köpfen statt, als Wirtschaftskrieg, als ideologisch gerechtfertigter „Antiterrorkrieg“, als politische Drohung und Abschreckung mit Hochrüstung und atomaren Massenvernichtungswaffen. Das sind die totalitären Sümpfe, die es trocken zu legen gilt. Dem Krieg seine strukturellen Standbeine nehmen, wie es Johan Galtung nennen würde.

Der Versöhnungsbund ist zusammen mit der DFG-VK, der IPPNW u. a. mit eine der bedeutendsten Teilgruppierungen der Friedensbewegung in der BRD. Sie bilden ihr Rückgrat zusammen mit der Kooperation für den Frieden und dem Bundesausschuss Friedensratschlag, die beide bundesweite Diskussions- und Aktionsforen darstellen. Begleitet und unterstützt von Publikationsorganen wie dem VB-Rundbrief, der ZivilCourage, dem Friedensforum, dem Friedensjournal und der Graswurzelrevolution bildet dies ein stattliches Info-/Aktions-Netzwerk, in dem sich tausende Menschen aktiv zu verschiedenen Themen und in Projekten betätigen. Niemand behaupte, es gäbe keine Friedensbewegung! Der hämische Ruf bürgerlicher Medien, wo diese denn bleibe, wenn’s wieder mal irgendwo militärisch kracht und schießt, verkennt diese vorhandenen Strukturen und Aktivitäten. Die Friedensbewegung ist da, trifft und koordiniert sich und existiert auf verschiedene Arten, von konzertierten Lebenslauten, die zu ungehorsamen Aktionen am Atombombenstandort Büchel aufspielen, bis zu ständigen Beobachtungsposten an Standorten von Rüstungsexporteuren wie den Waffenhändlern des Todes von Heckler & Koch. Ihr entgeht nichts.

Wer von der Gewalt lässt, setzt andere Prioritäten, entwickelt andere Perspektiven und nimmt sich andere Ziele vor. Sie lauten: Recht und Gerechtigkeit, gewaltfreie zivile Konfliktbearbeitung, ziviler Friedensdienst, Friedens- und Konfliktforschung, Analyse struktureller, imperialer Gewalt, Kooperation mit Natur, Kreatur und Umwelt, Bewahrung der Schöpfung.

Auf all diesen Feldern bewegt sich Ullrich Hahns Leben, Denken und Handeln. Wer von der Gewalt lässt, hat alternative Visionen von Zusammenleben und Frieden als die Abschrecker, Droher, Verteidigungspolitiker, Angstmacher, Sicherheitsfanatiker und Waffenrüster und -händler überall auf der Welt. Frieden ist nicht nur Ziel, er ist vor allem ein Weg (Gandhi), auf dem das Ziel erkennbar werden und bleiben muss. Das geht nicht ohne Gewaltverzicht und internationale Verständigung in einer Diktion und einem Klima „gewaltfreier Kommunikation“. Wer auf Gewalt verzichtet, muss andere Mittel haben oder entwickeln, Konflikte zu lösen. Diesem Komplex sind in Hahns Buch vor allem die Abschnitte über Gewaltfreiheit, Ethik, Recht und Politik gewidmet, insgesamt gut die Hälfte des Inhalts. Sie bilden eine Art Systematik, die man in vielen anderen Publikationen kaum so komprimiert und zugespitzt reflektiert findet. Durch sie wird deutlich, was das Manko derer ist, die das herrschende Paradigma von Gewalt, Bewaffnung und Kriegführen rechtfertigen und an ihm festhalten. Sie haben deshalb keine Idee und wirkliche Vorstellung von Frieden als Prozess, den es ohne soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte nicht gibt.

In den letzten Jahren machte sich Ullrich Hahn noch einmal an das intensivere Studium der Philosophie der Aufklärung und der Denkschrift „Vom ewigen Frieden“ Immanuel Kants. Dazu las er dessen Schriften zur Kritik von Vernunft und Urteilskraft – schwere philosophische Brocken. Leider findet sich im Band explizit kein Dokument zum Ergebnis seiner Studien, sieht man davon ab, was ohnehin Eingang in sein Denken gefunden hat und sich in seinen Texten spiegelt.

 

Man kann Ullrich Hahn getrost als „Anarcho-Pazifisten“ bezeichnen. Er denkt und argumentiert von unten in die Horizontale. Er übt Kritik an Staat und Militär. Der gewaltlose Anarchismus eines Leo Tolstoi, Mahatma Gandhi, Henry David Thoreau, Gustav Landauer hat ihn beeinflusst und geprägt.

Im Buch findet sich im Abschnitt „Politik“ ein 1998 in Tübingen gehaltener Vortrag zu „Anarchie“ (S. 245-249), in welchem er eine Definition gibt, auf Historie, Gegenwart und Wirkung eingeht. Angewandte Ausführungen dazu finden sich in den kurzen Impulsbeiträgen „Thesen zur unmittelbaren Demokratie“ (S. 250-252) und „Thesen zum verantwortlichen Wahlverzicht“ (S. 286-288).

Mit verantwortlichem Tun und Reden beantwortet Ullrich Hahn die Frage, ob man heute Anarchist (Anarchistin) sein kann: man kann! – und vielleicht muss man es sogar angesichts des Weltzustands. Was wir heute brauchen, sind Verkleinerung kontra Mega-Maschine und Übersicht (dezentrale Regionalität) kontra globale Geflechte von Imperialität und Monopolen. Für beides steht beispielhaft Ullrich Hahns Wort und Tat.

Der ganze Abschnitt mit Beiträgen über „Recht“ ist hier sehr hilfreich, in dem Menschen- und Völkerrecht, Fragen von Folter, Strafe, internationaler Polizei, Terrorismus angesprochen und erörtert werden und dagegen die Stärke des gewaltfreien, machtlosen Rechts betont und ausgeführt wird. Hahn ist, wie erwähnt, von Beruf Rechtsanwalt; Er weiß, wovon er spricht und was er vertreten kann.

Seine besonderen Spezialgebiete in der Kanzlei, in der auch einer seiner Söhne als Anwalt tätig ist, sind Flucht, Migration und Asylrecht. Auch das ist ein Abschnitt im Buch (S. 295-308). Gegen seit langem Millionen Flüchtende aus Krisen- und Kriegsgebieten „mauert“ sich Europa ein, stoppt Bewegungen über Grenzen und Meere, unterhält dazu bewaffnete Kräfte wie Frontex und zahlt Milliardensummen an EU-Geldern an zweifelhafte Grenzhüter außerhalb der EU wie die Türkei Erdogans, um Flüchtende aufzuhalten. Statt mit diesem Geld eine geordnete Einwanderung und legale Asyl-Transfers zu organisieren. Statt Aufenthalte in Deutschland und EU-Ländern zu ermöglichen zur Beendigung des Elends auf den Fluchtwegen und in den riesigen Flüchtlingscamps, die eine Schande für jedes humane Empfinden sind. Statt der Steuereinnahmen aus Rüstungsexporten deutscher Konzerne in Krisen- und Kriegsgebiete sollten diese als wesentliche mittelbare Fluchtursache endlich gestoppt werden. Die konkreten Schritte, die große Effekte erzielen könnten, sind machbar, es fehlen der politische Wille und die nötige Empathie dazu. Ullrich Hahn gibt eine historische Übersicht über Flüchtlingsrechte in Deutschland und setzt in Sachen Migration und Asyl auf Friedens- anstelle von ausgrenzender Sicherheitslogik.

 

Im umfangreichen Abschnitt über „Theologie“ (S. 89-140) finden sich Beiträge zur biblisch-theologischen Reflexion über Frieden und Krieg, am dezidiertesten in den Beiträgen zur letzten EKD-Friedensdenkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ von 2007 und im Text „Was sollen wir denn tun (Lukas 3, 10) – Vergewisserung aus Sicht eines christlichen Pazifismus“.

Um ihre jahrzehntelange komplementäre Uneindeutigkeit eines „Jein“ zu Atomwaffen, eines „Jein“ zum Krieg (Lehre vom gerechten Krieg als „ultima ratio“) zu überwinden, hat sich die EKD in ihrer Denkschrift zum Leitbild des „gerechten Friedens“ durchgerungen, allerdings immer noch eine Hintertür für das Militär offengehalten für bewaffnete Aktionen „rechtserhaltender Gewalt“. Der Einsatz militärischer Gewalt bleibt so weiterhin eine Definitionssache des Staates. Ullrich Hahn kritisiert an der Denkschrift den fehlenden eindeutigen Gewaltverzicht. Schließlich betreibt man auch immer noch eine staatlich finanzierte und ausgestattete „Seelsorge in der Bundeswehr“ (früher: Militärseelsorge), die nach der Forderung kritischer kirchlicher Gruppen beendet werden soll. Soldat*innen-Seelsorge gehört zurück in die Gemeinden, wo sie hingehört in die Diskussionen unter Christ*innen über Gewalt, Krieg und Frieden. Es kann und darf keine qua Amt Soldat*innen und Militär segnenden und rechtfertigenden Priester und Pastoren geben. .

 

Dem sehr lesenswerten Buch von Ulrich Hahn hätte gleichwohl des Umfangs wegen ein Personenregister am Ende sehr gut getan. Der Sammelband bietet den besonderen Vorzug, dass die Thematik Gewalt/Gewaltfreiheit bei aller grundsätzlicher Erwägung und Perspektive immer sehr lebensnah aufgegriffen und erörtert wird.

Ullrich Hahns tiefgehende und weitreichende Reflexionen sind zugleich Ermutigung und Wegweisung für die politische Praxis und als solche wohl auch gedacht.

 

Elmar Klink

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