Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 4/2020

Antimilitarismus

Hiroshima und Nagasaki mahnen

Fahrrad-Sternfahrt nach Bretten statt des 16. Pacemakers-Radmarathons

Von Roland Blach

 

 

 

Seit 2005 setzen sich die Pacemakers für die weltweite Abschaffung von Atomwaffen ein und sind Teil der internationalen Kampagne Ican mit rund 500 Partnern weltweit. 2017 erhielt Ican für seinen Einsatz den Friedensnobelpreis. Gemeinsam mit 122 Staaten hatte die Kampagne den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen entwickelt, der durch die Vereinten Nationen beschlossen wurde. 98 Städte in Deutschland, zu denen auch die beim Marathon beteiligten Städte Bretten, Mannheim und Kaiserslautern gehören, haben den Ican-Städteappell beschlossen und fordern die Bundesregierung auf, dem Verbotsvertrag beizutreten.

Für den 16. Pacemakers-Marathon am 1. August war schon – und noch – im März alles bestens vorbereitet. Einen Tag vor dem Lockdown waren alle 150 Plätze für die 338 Kilometer lange Strecke ausgebucht, der Run auf eine in dieser Form weltweit einmaligen Raddemo so groß wie nie zuvor.

Doch dann kam alles ganz anders. Woche für Woche wurden viele Veranstaltungen abgesagt oder verschoben. Erst nach und nach waren Demonstrationen und Begegnungen mit mehr als zwei bzw. fünf Personen wieder möglich. Was also tun, wenn 150 Rennradelnde über eine so lange Zeit von 15 Stunden durchs Land gelotst und in den verschiedenen Haltestationen verpflegt werden wollen? Wie kann die Infrastruktur mit Hygienestandards bereitgestellt werden, wenn es doch nur maximal 45 Minuten Pause gibt?

Lange wurde im Orgateam über die verschiedenen Möglichkeiten diskutiert. Schließlich kam das Aus von unerwarteter Stelle, durch einen Anruf des Brettener Oberbürgermeisters Wolff an mich persönlich. Die Stadt müsste sich in der bekannten Form aus der Unterstützung herausziehen. Doch im selben Telefonat wurde aus einer der Ersatzvarianten des Orgateams die Sternfahrt nach Bretten geboren. Herr Wolff stellte sofort einen geeigneten Platz zur Verfügung. In vielen Gesprächen und Telefonaten wurden alle Vorbereitungen mit entsprechenden Hygienekonzepten sorgfältig abgestimmt.

Aus mehr als einem Dutzend Städten in fünf Bundesländern starteten etwas mehr als 100 Radelnde zur Anfahrt nach Bretten. In den für den Marathon vorgesehenen Verpflegungsstädten Neckargemünd, Mannheim, Kaiserslautern und Landau wurden die jeweils bis zu 15 RennradsportlerInnen in toller Atmosphäre von (Ober)bürgermeistern und klaren Botschaften zum Atomwaffenverbot verabschiedet. So wird sich nun auch Landau auf den Weg zum Städteappell machen. Lorsch steht in den Startlöchern.

Während ein tolles Team sich um den Aufbau in Bretten kümmerte, waren bis zu 20 Radelnde pro Gruppe unterwegs in die Melanchthonstadt, locker, gelöst und gut sichtbar mit dem regenbogenfarbenen Bikewear der Pacemakers.

Ab 13 Uhr fand dann eine schöne zweistündige Kundgebung in familiärer Atmosphäre mit etwa 120 Personen statt, die von Bürgermeister Michael Nöltner begrüßt wurden. „Wir waren von Anfang an mit dabei, seit 2008 sind wir Start und Ziel des Pacemakers-Marathons, und ich freue mich, wenn Sie im nächsten Jahr wieder in Bretten sind“, erklärte Nöltner.

Während sich alle mit Essen und Trinken versorgten, konnten sie meine Begrüßung auf sich wirken lassen. „Die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki mahnen uns, die katastrophalen humanitären Folgen von Atomwaffen zu erkennen und für eine Welt ohne Atomwaffen einzustehen! Heute bedrohen uns weltweit noch immer mehr als 13 000 Nuklearwaffen! Die Atommächte planen, Milliardensummen in die Aufrüstung ihrer Arsenale zu investieren – alleine 2019 gaben sie 73 Milliarden US-Dollar für Atomwaffen aus. Auch in Deutschland sollen neue Trägerflugzeuge für die Atombomben in Büchel angeschafft werden. Damit würde die nukleare Teilhabe für die kommenden Jahrzehnte festgeschrieben. Wir fordern mit der Sternfahrt von der Bundesregierung, keine neuen Kampfflugzeuge für einen Atomwaffeneinsatz zu beschaffen, Atomwaffen aufgrund der katastrophalen humanitären Folgen ihres Einsatzes zu ächten, den UN-Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen und zu ratifizieren“.

Die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, Muhterem Aras schickte als Schirmfrau ein Grußwort, das vom Landtagsabgeordneten, Rennradler und DFG-VK-Mitglied Hermino Katzenstein vorgetragen wurde. Pfarrer Dietrich Becker-Hinrichs aus Bretten erinnerte daran, dass Atomwaffen aus seiner Sicht zu keiner Zeit Schutz durch Abschreckung böten. Vielmehr sei die Welt mehrmals am Abgrund gestanden, weil technische Fehler fast zum Einsatz geführt hatten. Nur durch beherztes Handeln eines Einzelnen hatte einmal der Einsatz vermieden werden können. Mit einem Segen verabschiedete Becker-Hinrichs die Pacemakers auf ihren bis zu 200 Kilometer langen Wegen nach Hause, die über eine gemeinsame kurze Raddemo durch die Brettener Kernstadt führte. Sarah Neumann und Stefan Charisius untermalten die Veranstaltung mit eindrücklicher Musik und Gesang.

Es war in jeder Hinsicht eine prägende Erfahrung mit klaren politischen Botschaften. Parallel wurden Zeitungsanzeigen mit über 500 Unterstützenden in Taz und FAZ geschaltet, darunter 20 Mandatsträger inklusive OB Wolff aus Bretten und OB Onay aus Hannover. Etliche Medienberichte als Vorankündigungen, z.B. in Mannheimer Morgen und SWR sowie mindestens drei Nachberichte sorgten für eine weite Verbreitung. Die Sternfahrt war Teil vielfältiger Aktionen in Deutschland unter dem Motto „Hiroshima und Nagasaki mahnen – Beitritt zum UN-Atomwaffenverbot jetzt!“

Es war mir eine große Freude und aller Anstrengung wert, die Pacemakers-Sternfahrt für die DFG-VK Baden-Württemberg koordinieren zu dürfen. Mit einem tollen Orgateam, einer außergewöhnlichen Kooperation mit der Stadt Bretten und den vielen Radliebhabern, die sich auf den Weg nach Bretten gemacht haben oder anderweitig an dem Tag für den Frieden in die Pedale getreten sind. Herzlichen Dank auch für Inspiration und gegenseitige Wertschätzung, aber auch kritische Stimmen. Wir haben „mehr als das Beste“ aus der Situation gemacht. Auf ein Neues 2021!

 

Roland Blach ist Geschäftsführer des baden-württembergischen DFG-VK-Landesverbands.

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