Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 4/2020

Antimilitarismus

„Kein Werben fürs Sterben“

Die problematische Arbeit von JugendoffizierInnen und „KarriereberaterInnen“

Von Klaus Pfisterer

 

 

Seit 1958 arbeiten Jugendoffiziere der Bundeswehr in vielfältiger Weise an und mit den Schulen. Das ist eine zentrale, aber bei Weitem nicht ihre einzige Aufgabe. Die Jugendoffiziere arbeiten mit Kultusministerien, Schulbehörden und Landeszentralen für politische Bildung, in Hochschulen und Universitäten, mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, Jugendorganisationen der Parteien, Institutionen, Organisationen und vielen weiteren Aus- und Weiterbildungseinrichtungen.

Kurzum: Sie sind in allen Bildungsbereichen präsent und versuchen, starken Einfluss auf die Jugendlichen zu nehmen.

Seit 2008 haben die jeweiligen Wehrbereichskommandos der Bundeswehr mit den acht Kultusministerien in Nordrhein-Westfalen, Saarland, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und Sachsen sogenannte Kooperationsvereinbarungen unterzeichnet, die den Jugendoffizieren einen exklusiven Zugang zu den Schulen gewähren.

Die Aufgabe der Jugendoffiziere ist es, auf Einladung durch die Schulen den Auftrag der Bundeswehr sowie die Sicherheits- und Verteidigungspolitik Deutschlands zu erläutern. Es ist ihnen bei diesen Auftritten ausdrücklich untersagt, Werbung für den Dienst in der Bundeswehr zu machen. Dies geschieht jedoch indirekt durch ihr Auftreten in Uniform.

Die Jugendoffiziere beschreiben ihre Aufgabe so: „Die Jugendoffiziere sind mit ihrem Informationsangebot im weitesten Sinne in der politischen Bildung tätig. Sie nehmen Stellung zu militärischen und sicherheitspolitischen Grundfragen im Sinne der Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland, verdeutlichen hauptsächlich der jungen Generation die Grundlagen des (seit 1. Juli 2011 freiwilligen) Wehrdienstes. Dies geschieht in Form von Gesprächen, Seminaren, Vorträgen und Podiumsdiskussionen.“

Weitere Themenbereiche, die sie anbieten, sind nach ihrer Eigendarstellung u.a.: Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Bundesrepublik Deutschland; die Einbindung Deutschlands in EU, Nato, OSZE und Vereinte Nationen; der deutsche Beitrag zur internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung sowie zur Landes- und Bündnisverteidigung; Sachstand, Perspektiven und Herausforderungen von Auslandseinsätzen der Bundeswehr; die laufenden Strukturanpassungen der Streitkräfte sowie der Alltag in der Truppe; in einigen Bundesländern sind die Jugendoffiziere in die Abiturvorbereitung einbezogen.

Das Angebot der Jugendoffiziere richtet sich an die Zielgruppen der Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie an Multiplikatoren, vor allem Lehrerinnen und Lehrer. Den Referendarinnen und Referendaren wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet – sie sind die Lehrerinnen und Lehrer von morgen. So gut wie keine/r kann auf praktische Erfahrungen mit der Bundeswehr aus eigener Dienstzeit als Soldat oder Soldatin zurückgreifen. Der Jugendoffizier ist der erste Kontakt mit der Bundeswehr.

Im Jahr 2019 erreichten die Jugendoffiziere in 5 671 Veranstaltungen insgesamt 150 132 Teilnehmende, 114 317 Schüler*innen und Studierende sowie 35 815 Multiplikatoren. Auf diesem Niveau bewegen sich die Zahlen seit vielen Jahren. 1987 waren es noch rund 426 000 Schülerinnen und Schüler.

Die sechs häufigsten Veranstaltungsformate sind:

  1. Vortrag: 3 461 Veranstaltungen erreichten 95 052 Personen. Davon waren 83 320 Schülerinnen und Schüler (aus Gymnasien, Realschulen und Berufsschulen) sowie Studierende.
  2. Mit 928 Informationsveranstaltungen wurden 3 095 Personen erreicht. Dieses Angebot richtet sich vor allem an die Zielgruppe Multiplikatoren (2 762 Personen, davon 1 275 Lehrerinnen und Lehrer). 333 Personen waren Schülerinnen und Schüler sowie Studierende
  3. Bei 799 Seminaren wurden 28 152 Personen erreicht. Davon waren 22 534 Schülerinnen und Schüler sowie Studierende. Die Gymnasien stellten mit 13 328 Teilnehmenden die stärkste Gruppe. 206 „POL&IS“-Seminare, 3-Tage-Strategiespiel „Politik und internationale Sicherheit“ unter Anleitung von 3 Jugendoffizieren, erreichten 8 024 Teilnehmende. Das neue Ein-Tages-Planspiel fand hingegen kaum Nachfrage. Zahlreiche ein- bzw. mehrtägige Seminare wurden mit Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung bzw. staatlichen Seminaren für Didaktik und Lehrerbildung durchgeführt. Dabei sollen vor allem Kontakte zu angehenden Lehrenden geknüpft werden.
  4. 246 Großveranstaltungen erreichten 15 357 Personen, zumeist Multiplikatoren (13 277). Einen hohen Stellenwert hat die Bildungsmesse „didacta“, die im jährlichen Wechsel zwischen Hannover, Köln und Stuttgart stattfindet. Hier versuchen die Jugendoffiziere, Kontakte zu Referendarinnen und Referendaren sowie anderen Lehrenden zu knüpfen, um später in die Schulen eingeladen zu werden.
  5. Bei 181 Besuchen bei der Truppe wurden 6 124 Teilnehmende erreicht. Den größten Anteil hatten die Realschüler*innen mit 2 503 Personen. Beim „Tag der Schulen“ werden mehrere Schulklassen mit Bundeswehrbussen in die Kasernen gebracht.
  6. Bei 56 Podiumsdiskussionen wurden 2 352 Teilnehmende gezählt.

 

Themenfelder. Die „Sicherheitspolitischen Herausforderungen und Risiken im 21. Jahrhundert“ sowie „Auftrag und Aufgaben der Bundeswehr“ sind die beiden übergeordneten Themen, die bei den Vorträgen und Seminaren angeboten werden. Die Jugendoffiziere erweitern ihre Expertise auf Bereiche der Außenpolitik. Für die Schülerinnen und Schüler ist die Bundeswehr eine Armee im Einsatz – und zwar im Auslandseinsatz. Der Auftrag der Landesverteidigung sei weitestgehend unbekannt. Das sicherheitspolitische Grundwissen der Teilnehmenden war mehrheitlich gering.

Diese Aussagen ziehen sich seit Jahren durch die Berichte der Jugendoffiziere.

 

Karriereberaterinnen und -berater. Bei der Bundeswehr gibt es rund 400 Karriereberaterinnen und Karriereberater (früher: Wehrdienstberater). Sie arbeiten in Schulen, Ausstellungen, Berufs- und Bildungsmessen, in Jobcentern, in bundeswehreigenen Karriereberaterbüros. Während die Jugendoffiziere den Landeskommandos angehören, sind die Karriereberater in 16 Karrierecentern bundesweit beheimatet.

Bundesweit gibt es ca. 110 Karriereberaterbüros, die flächendeckend im gesamten Bundesgebiet zu finden sind. Karriereberater werben für den Dienst in der Bundeswehr. Sie kommen auf Einladung in Schulen, vor allem in Berufsschulen, Haupt- und Realschulen, um über die Berufsmöglichkeiten bei der Bundeswehr zu informieren und Werbung für den Dienst in der Armee zu machen. Jugendoffiziere spielen oft den „Türöffner“ für den Karriereberater, da sie mit ihrem „seriösen und smarten“ Auftreten im Unterricht quasi als „Sympathieträger“ erscheinen.

Die Karriereberater*innen erreichen jährlich rund 350 000 Jugendliche und ca. 22 500 Lehrer/Multiplikatoren, vor allem bei Vorträgen in Schulen oder bei Berufs-Ausstellungen und -Messen. Insbesondere bei Ausstellungen und Messen sind die Jugendlichen dem Werben der Karriereberater*innen ausgesetzt, was bei zahlreichen Minderjährigen dazu führt, dass sie sich für den Dienst in den Streitkräften entscheiden.

Die Personalkosten der Karriereberater*innen belaufen sich auf jährlich rund 27 Millionen Euro.

 

Fazit. Der Bericht der Jugendoffiziere ist mit Zahlen und Einzelbeispielen gespickt, die die Erfolge belegen sollen. Allerdings stagnieren die Zahlen seit vielen Jahren auf dem gleichen Niveau. Erfolge sehen anders aus. Aber: Jede Jugendliche und jeder Jugendliche, der mit den Angeboten erreicht wird, ist eine/r zuviel.

Die Jugendoffiziere sind an 61 Standorten vertreten, die Orientierung liegt auf Ballungsräumen. Die Personalkosten der Jugendoffiziere liegen bei rund 5 Millionen Euro jährlich. Daneben gibt es noch zahlreiche nebenamtliche Jugendoffiziere und Jugendunteroffiziere, die vornehmlich die Besuche bei der Truppe organisieren.

Seit 2014 gelingt es der Bundeswehr nicht mehr, alle 94 Dienstposten zu besetzen, 2019 waren durch Vakanzen bis zu 21 Posten unbesetzt, obwohl die Tätigkeit mit zahlreichen Vergünstigungen gekoppelt ist. Es ist zu vermuten, dass sich das mühsame Arbeiten mit den Jugendlichen herumgesprochen hat und dass die ganz großen Erfolge eben ausbleiben.

Die Kooperationsvereinbarungen mit den acht Bundesländern eröffnen den Jugendoffizieren einen privilegierten Zugang zu den Schulen. Friedensorganisationen haben diese Möglichkeiten nicht und können und wollen auch nicht mithalten. Ihnen fehlen die personellen, finanziellen und materiellen Mittel. Das Ziel der verschiedenen landesweiten Friedensbündnisse bleibt die Kündigung der Kooperationsvereinbarungen.

Wichtiger ist allerdings, die Arbeit der Karriereberater*innen genau im Blick zu haben. Sie werben aktiv bei den Jugendlichen für den Dienst an der Waffe – gerade bei Minderjährigen. Ihre Arbeit ist durch keine Kooperationsvereinbarung erfasst und dadurch jeder Kontrolle entzogen. Zusammen mit der aggressiven Bundeswehrwerbung, für die jährlich rund 30 Millionen Euro ausgegeben werden und die Jugendliche bereits ab 14 Jahren ins Visier nimmt, soll der benötigte Nachwuchs angeworben werden. Die Bundeswehr ist kein Arbeitgeber wie jeder andere, sondern bildet zum Töten aus. Dies muss jedem klar sein. Hier liegt es vor allem in der Verantwortung der Eltern, genau hinzuschauen und diesem Treiben in den Schulen Einhalt zu gebieten.

Die Schülerinnen und Schüler benötigen eine Friedensbildung, bei der die Sicherheitslogik von einer Friedenslogik abgelöst wird. In Baden-Württemberg wurde mit der Einrichtung der „Servicestelle Friedensbildung“ zum 1. August 2015 ein erster Schritt unternommen. Andere Bundesländer sollten hier folgen.

Die Auseinandersetzung um die besten Inhalte muss in den Schulen geführt werden. Dafür sind die Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet. Jugendoffiziere und Karriereberater*innen werden nicht benötigt.

 

Klaus Pfisterer ist seit Jahrzehnten in der DFG-VK aktiv und Mitglied im baden-württembergischen Landesvorstand. Er kümmert sich seit Langem um das Thema „Schule ohne Bundeswehr“. Bis zu seiner Pensionierung im vorletzten Jahr war er Lehrer.

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