Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 4/2020

Antimilitarismus

Den Deserteuren aller Kriege gewidmet

Stuttgarter Deserteur-Denkmal kommt (endlich) an zentralen Platz in der Innenstadt

Von Paul Russmann

 

Wie auch in einigen anderen Städten gibt es auch in Stuttgart ein Denkmal, dass Deserteuren gewidmet ist. Noch steht es an der Peripherie der Stadt, doch der Umzug mitten hinein in die Innenstadt ist nun programmiert. Sobald die Dorotheenstraße und die Goerdelerstraße am Rande des zentralen Karlsplatzes umgebaut sind, soll das von dem Aulendorfer Künstler Nikolaus Kernbach geschaffene Denkmal zum Alten Waisenhaus umziehen. Dort, auf einem bisher als Parkplatz genutztem Geländestreifen, wird es dann an die Verfolgung und Ermordung von Deserteuren aller Kriege erinnern. Dafür und mit einer entsprechenden Hinweistafel ist es vor vielen Jahren geschaffen und am 30. August 2007 vor dem Theaterhaus Stuttgart auf dem Pragsattel aufgestellt und der Öffentlichkeit übergeben worden.

Das Denkmal besteht aus einem Granitquader, aus dem die Silhouette eines Mannes ausgesägt ist – der „Herausgetretene“ steht vor dem Quader. Der Künstler wollte damit symbolisieren, dass da jemand aus der Masse herausgetreten ist. Der Deserteur eben. Eigentlich sollte das Denkmal dort nur vorübergehend stehen. Die Initiative Deserteur-Denkmal für Stuttgart und Theaterhaus-Chef Werner Schretzmeier hatten die vorübergehende Aufstellung beschlossen, weil die damals von CDU-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster geführte Stadtverwaltung sich mit einem Standort in der Innenstadt schwertat. Die Initiative wünschte sich schon damals einen Standort in der Dorotheenstraße, wo während des nationalsozialistischen Regimes die Gestapozentrale ihren Sitz hatte, oder in der Urbanstraße, wo 37 Deserteure zwischen 1939 und 1945 hingerichtet worden waren. Zwei Anträge reichte die Deserteur-Initiative nach Auskunft des damaligen städtischen Pressesprechers Andreas Reith ein. Beide Male, zuletzt im April 2002, lehnte die Stadt die Aufstellung des Denkmals an den historischen Orten ab. Die Begründung: Es gebe bereits ein zentrales Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus am Stuttgarter Alten Schloss. „Man kann nicht für jede vom Krieg betroffene Personengruppe ein Denkmal errichten“, sagt Reith, „das würde ja auch das zentrale Mahnmal schwächen.“

2017 ist dann anlässlich der Haushaltsberatungen im Stuttgarter Rathaus auf Antrag der FDP, der Grünen, der SPD und der Fraktionsgemeinschaft SÖS/Linke-plus entschieden worden, dass man das Denkmal in die Innenstadt holen will. Die Verwaltung sollte einen entsprechenden Platz suchen und kam nach gründlicher Prüfung zur Überzeugung, dass der Standort beim Alten Waisenhaus geeignet sei. Die Überlegung, das Denkmal beim Eingang zur Erinnerungsstätte Hotel Silber zu platzieren, hatte sich zerschlagen, denn dort stehe ein Baum, dessen Wurzeln beim Aufstellen des Denkmals beschädigt werden könnten. Die Aufstellung im Innenbereich der ehemaligen Rotebühlkaserne oder bei der Stauffenberg-Gedenkstätte im Alten Schloss hatte das Land Baden-Württemberg geprüft und verworfen – und auch sonst keine geeignete landeseigene Fläche entdecken können. Auch nicht in der Goerdelerstraße, wo das Land wie die Stadt bisher Parkplätze hat.

Dem neuen Standort auf städtischem Grund stimmte nun der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats zu – zuvor hatte schon die Initiative Deserteur-Denkmal, in der sich einst 300 private Spender zusammengeschlossen hatten, und der Künstler Nikolaus Kernbach für diesen Standort ihr Einverständnis gegeben.

Nur die AfD stimmte dagegen. Denn: Wie solle man dann noch für die Erhaltung der Bundeswehr eintreten? Und wie sei dann noch der von einer rot-grünen Bundesregierung vertretene Kriegseinsatz auf dem Balkan zu rechtfertigen? Der Erste Bürgermeister Fabian Mayer (CDU) sagte hingegen: „Es geht ja um die Ermordung und Verfolgung von Deserteuren.“ Daran zu erinnern, gerade in der Nähe des Hotel Silber, sei ein berechtigtes Anliegen.

 

Paul Russmann war bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer von Ohne Rüstung Leben. Gemeinsam mit Stefan Philipp von der DFG-VK hatte er in den 90er Jahren die Initiative Deserteur-Denkmal für Stuttgart gegründet.

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