Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

DFG-VK vor Ort

... zum Beispiel die Gruppe Erlangen

Von Dickschädeln und Friedenskämpfern

Von Ernst Rattinger

Wer denkt beim Stichwort „Franken“ nicht sofort an gemütliche Menschen mit einer originellen Sprache, welche sich vom Bayrischen deutlich unterscheidet, Menschen, die meistens Deftiges essen und Bier aus einer Brauerei der Region trinken?

Genug der Klischees. Hier geht es um widerständige Menschen, die seit Jahrzehnten Friedensarbeit machen, wie zum Beispiel Hugo Stößinger: Jahrgang 1900, Kämpfer gegen Atomtod und Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren, 1962 bei der DFU (Deutsche Friedensunion), Ostermarschierer, 1968 Eintritt in die IdK (Internationale der Kriegsdienstgegner). Zu dieser Zeit hatten die Brandungswellen der 68er-Bewegung die behäbige Universitätsstadt Erlangen noch nicht erfasst, und in anderen Regionen des Freistaats wurden Sozis nach wie vor mit Weihwasser bekämpft.

Eine IdK-Gruppe gab es auch noch nicht, doch der fränkisch-protestantische Geist der Stadt war der Nährboden für alle möglichen kritischen Initiativen. Jedenfalls vermeldete das Erlanger Tagblatt nach der Gründung der DFG-IdK Erlangen im Jahre 1971, die Gruppe verstehe sich nicht als pazifistische, sondern als politische, aber überparteiliche Organisation. Man wolle politisch für den Frieden arbeiten. Entsprechend sah dann auch die Liste der bereits bearbeiteten Themen aus: Funktion der Armee in kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaftssystemen, Kalter Krieg und Remilitarisierung der BRD, Imperialismus. Also: der Themenkanon der Zeit. 

16 Personen waren am Anfang dabei, unter ihnen eine Frau, doch die Anzahl der Mitglieder wuchs rasch, was unter anderem dadurch begünstigt wurde, dass die junge Gruppe in die Beratung der Kriegsdienstverweigerer einstieg, besser: einsteigen musste, denn der Bedarf an qualifizierter Beratung war gewaltig.  An die 200 Ratsuchende jährlich kamen in die Beratungsabende, die einmal wöchentlich angeboten wurden.  „Wir waren eine Art Amnesty für Kriegsdienstverweigerer“, sagte später über diese Phase Michael Stelter, der noch heute in der Gruppe aktiv ist. Die meisten Gruppenmitglieder kamen – und gingen bald wieder in die weite Welt. Von den Leuten der Gründungszeit war bereits 1976 nur noch einer da – Hugo Stößinger, Jahrgang 1900, eine tragende Säule der KDV-Beratung in Erlangen.

Ab 1978 gab es landauf, landab Friedenstage oder Friedenswochen. Ganz klar, dass die Erlanger Friedenstage ganz wesentlich von der örtlichen IdK-Gruppe gestaltet wurden, die inzwischen eine DFG-VK-Gruppe geworden war. „Erlanger Bündnis für den Frieden“ (EBF) heißt der Trägerkreis der Friedenstage heute. Bereits im zweiten Jahr waren 17 Organisationen dabei – und der Oberbürgermeister Schirmherr. Erstaunlich in Bayern? Wir sind in Franken! 

Über das Friedensbündnis sind gute Kontakte vorhanden zu den Parteien im Stadtrat, die auch im Bündnis vertreten sind, sowie zum Oberbürgermeister, der in Erlangen schon seit 1984 (!) Mitglied der „Mayors for Peace“ ist. Der jetzige OB hat in diesem Jahr sogar das „Mutlanger Manifest 2017“ zusammen mit Vertretern des EBF öffentlich unterzeichnet. Dieses Manifest bekräftigt das Fortbestehen des INF-Vertrags von 1987, der die völkerrechtliche Grundlage für den Abzug der atomaren Mittelstreckenwaffen aus Europa schuf und damit das Ende des kalten Krieges einleitete.

Auch überregional mischten sich die Erlanger Friedensfreunde ein, so bei den Großdemonstrationen gegen den „Nachrüstungsbeschluss“ der Nato und besonders bei der Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm im Herbst 1983. Bereits 1980 war die Gruppe beim Kongress und Fest „Jugend gegen Kriegsdienst“ in Hamm stark vertreten, nicht nur an der Theke, sondern schon Tage vorher beim Aufbau.

 

DFG-VK Bayern und Radltouren – das gehört einfach zusammen: 1985 fuhr man zum Abschluss der regionalen Ostermärsche mit dem Rad von Erlangen nach Nürnberg zur zentralen  Abschlusskundgebung. Manfred Diebold über diese Zeit: „Mitte der 1980er Jahre war die Hochphase der Gruppe mit vielen Aktiven. Etwa zwei Jahre lang gab es einen Jugendclub Courage bei uns, und 1986 war Erlangen Gastgeber der Landesmitgliederversammlung. In dieser Zeit konnten in Bamberg und Forchheim eigene Gruppen gegründet werden. Ebenfalls im Jahre 1986 wurde Hugo Stößinger mit dem Friedenspreis der DFG-VK Bayern ausgezeichnet.“ 

Sehr lange dauerte diese Zeit voller Aktivitäten allerdings nicht, denn in den 1990er Jahren konnte man in Forchheim und Bamberg kein eigenständiges Gruppenleben aufrecht erhalten. Die verbliebenen Mitglieder schlossen sich mit Erlangen zu einer Regionalgruppe zusammen. Sehr viel später, im Jahre 2014, kamen dann noch Mitglieder aus Bayreuth hinzu. Seither heißt die Gruppe daher auch ganz offiziell DFG-VK Erlangen – Region Oberfranken. 

Wenn nun der Eindruck entsteht, die Gruppe sei am Ende eines langen Erosionsprozesses angelangt, dann stimmt das nicht. Die Gruppe ist durchaus ein aktiver Teil der Erlanger Zivilgesellschaft und auch in anderen Städten präsent. Schon seit dem Jahr 2000 existiert eine eigene Internetseite, und Jahr für Jahr werden im Normalfall zwei eigene Veranstaltungen durchgeführt. Schaut man sich das Fotoarchiv der Gruppe an, so fällt auf: Ein Infostand nach dem anderen – vor Schulen oder Bundeswehrveranstaltungen sowie der jährlichen Waffenmesse und immer wieder auf dem Hugenottenplatz in Erlangen. Und selbst bei der Reaktivierung der ehedem bedeutenden Gruppe Nürnberg-Fürth im Jahre 2008 leisteten die Erlanger Aktiven gewissermaßen Wiedergeburtshilfe. Nach wie vor funktioniert die Zusammenarbeit der beiden Gruppen reibungslos. Nicht selten werden Veranstaltungen mit auswärtigen Referenten so terminiert, dass sie an einem Tag in Erlangen und am Folgetag in einem anderen Ort der Region stattfinden können.  

 

Die Regionalgruppe hat in den letzten Jahren mehrere neue Mitglieder bekommen. Teils über DFG-VK-Seiten im Internet, teils über die regelmäßige Präsenz bei Infoständen oder Aktionen vor Ort. Durchschnittlich sind fünf bis sechs Mitglieder bei den Treffen, manchmal auch mehr, was die Gruppe als ein Ergebnis ihrer Präsenz in der Öffentlichkeit sieht. Deshalb finden seit 2017 von Frühjahr bis Herbst  regelmäßig Infostände mit einem DFG-VK-Roll-Up und der Pace-Fahne vor den monatlichen Treffen in Erlangen statt. In den maximal drei Stunden ergeben sich stets längere Gespräche mit jüngeren Menschen, die die Aktiven auch gezielt ansprechen wollen. Zur inhaltlichen Diskussion bei den Treffen wird eine Themenliste erstellt, wenn möglich mit einem Input-Referat. 

Die Themen im Jahr 2018 waren die Auslandseinsätze der Bundeswehr, Bundeswehr und Schule sowie Cyberwar und elektronische Kampfführung. Dieses Jahr waren zwei Aktive der Gruppe zum ersten Mal in zwei Schulen in Erlangen und Umgebung als Vertreter der Friedensbewegung eingeladen, nachdem dort zuvor ein Jugendoffizier in der Klasse war. Seit Jahren ist ein Schwerpunkt der Gruppenaktivität „Bundeswehr und Schule“. In diesem Rahmen finden immer wieder Aktionen der Gruppe Erlangen – Oberfranken und des Friedensbündnisses vor Schulen statt, in denen die „Karriereberater“ fürs Militär werben. Und noch immer orientiert sich die Gruppe auch überregional. Die Mitarbeit bei der Internationalen Friedenskonferenz in München einschließlich Demo gegen die sog. Sicherheitskonferenz sowie Aktionen in Ramstein sind in diesem Zusammenhang zu nennen. 

Wie weiter in Erlangen-Oberfranken? Fragt man den Gruppensprecher Manfred Diebold, so bekommt man zur Antwort: „Manchmal ist es schon mühsam, aber wenn wir nicht auf eine friedliche Welt hinarbeiten, wer soll es sonst tun?“   

 

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