Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Antimilitarismus

Beste Gelegenheit zum Sterben

Szenische Lesung zu Militärstreik und Desertion im ersten Weltkrieg

Von Stefan Lau

 

Kriegsdienstverweigerung war jahrzehntelang ein zentrales Thema der DFG-VK, trat aber spätestens nach der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 in den Hintergrund. Seit in diesem Sommer nicht nur von CDU-Politikern eine Wiedereinführung der Wehrpflicht gefordert wurde, ist es  notwendig, dass wir Kriegsdienstverweigerung wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rücken. Hilfreich kann dabei  auch ein Blick zurück sein. Mit ihrem Programm „Krieg? Ohne Uns! - Szenische Lesung zu Desertion und Militärstreik im Ersten Weltkrieg“ rufen Rudi Friedrich und der Gitarrist Talib Richard Vogl sehr eindringlich anhand von vier Einzelschicksalen Desertion und Verweigerung am Ende des ersten Weltkriegs in Erinnerung.

Schriftsteller und Kriegsgegner Ernst Toller

Von ihnen heute sicher noch am Bekanntesten: der Schriftsteller Ernst Toller, nach dem Krieg ein führender Kopf der Münchner Räterepublik. Vor dem Krieg studierte er in Frankreich und ging trotzdem als Freiwilliger zur Artillerie, wurde später ausgemustert, aber wegen seiner Antikriegsaktivitäten erneut einberufen. Endgültig aus dem Militär entlassen wurde er nach der Einweisung in die Psychiatrie. Verarbeitet hat Toller seine Erlebnisse in dem Buch „Eine Jugend in Deutschland“, immer noch ein sehr fesselnder und lesenswerter autobiografischer Bericht mit dem Fazit: „Der Krieg ließ mich zum Kriegsgegner werden“ (S. 74).

Dominik Richert, Landwirt aus dem Elsass, war Frontsoldat während des gesamten Krieges. Er desertierte im Mai 1918 an der Westfront. Seine Kriegserinnerungen wurden erst Mitte der 80er Jahre entdeckt und 1989 unter dem Titel „Beste Gelegenheit zum Sterben“ veröffentlicht. Er beschreibt in seinen Aufzeichnungen ungeschönt die Kriegsgräuel, den massenhaften, sinnlosen Tod, den Hunger und die Entbehrungen. Die von Talib Richard Vogl vorgetragenen Passagen gehören zu den eindringlichsten Passagen des Abends. Der Bayerische Rundfunk produzierte 1992 einen Film über das Schicksal von Dominik Richert, der auf you-tube angeschaut werden kann: https://www.youtube.com/watch?v=82jYf9WgfJw&feature=youtu.be

Richard Stumpf, Zinngießer aus Nürnberg, war Marinesoldat und beteiligt an den Aufständen in Wilhelmshaven im Jahr 1918. Seine Tagebucherinnerungen erschienen gekürzt in den 1920er Jahren, eine ungekürzte Fassung nur auf englisch 1969 in den USA.

Letzter Protagonist in der Lesung ist der  Schriftsteller, Lehrer und Naturliebhaber Wilhelm Lehmann. Er desertierte bereits beim ersten Fronteinsatz. Seine Kriegserlebnisse schilderte er in dem Roman „Der Überläufer“, der wohl ersten positiven Schilderung einer Desertion in der deutschen Literatur. Eine gekürzte Fassung ist 2014 im Donat-Verlag erschienen und noch lieferbar.

Die sehr gelungene Textauswahl und die sparsamen, aber wirkungsvollen, Requisiten machen das brutale, stumpfsinnige und gänzlich unheorische Soldatenleben im ersten Weltkrieg sehr lebendig. Rudi Friedrich und Talib Richard Vogl gelingt mit ihrer hervorragenden Interpretation der Texte, den eindringlichen lautpoetischen Klangexperimenten und der musikalischen Unterstreichung mit Trompete, Gitarre und Trommel eine beeindruckende Inszenierung. Nicht zu vergessen die zeitgenössischen Lieder, Märsche und Gedichte, die zu dem aufschlussreichen Blick auf die damalige Zeit beitragen. Sehr gelungen auch die Auswahl und verdichtete Bearbeitung der vorgestellten Texte und der verzweifelt schwarze Humor („beste Gelegenheit zum Sterben“). Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges zeigen, dass Kriegsdienstverweigerer und Deserteure Unterstützung und Schutz vor dem Zugriff der kriegführenden Parteien brauchen: eine Verpflichtung für uns bis heute. Das Programm regt unweigerlich zur Weiterbeschäftigung mit den vorgestellten Schicksalen, Kriegsdienstverweigerung und Desertion an. Erste Hinweise gibt dabei das sehr gut gestaltete Programmheft.

Rudi Friedrich ist Mitarbeiter von Connection e.V. in Offenbach, die seit Jahren Kriegsdienstverweigerer und Deserteure weltweit unterstützen. Mit diesem Programm zeigt er seine künstlerische Begabung zum ersten Mal einem größeren Publikum. Talib Richard Vogl hat Gitarre studiert und eine Ausbildung zur Sprecherziehung und Stimmbildung. Rollenpräsenz und der für die jeweilige Rolle charakteristische Vortragsstil trugen zu der rundum gelungenen Premiere am 23. Oktober bei den Spiegelfechtern in der Orgelfabrik Karlsruhe-Durlach bei.

Termine und Anfragen für weitere Gastspieltermine unter www.connection-ev.org

Stefan Lau ist aktiv in der DFG-VK-Gruppe Karlsruhe.

WeitereTermine der Szenischen Lesung

  • 19.2.2019 in Bonn
  • 28.2.2019 in Frankfurt/Main
  • 07.4.2019 in Neu-Isenburg.

Die genauen Veranstaltungsangaben gibt es auf der Seite von Connection e.V.

Dort können interessierte Gruppen auch eine Veranstaltung buchen.

Connection e.V. unterstützt Kriegsdienstverweigerer und DeserteurInnen weltweit

Connection und DFG-VK-Gruppen arbeiten seit vielen Jahren kooperativ zusammen. Ein Beispiel sind die von Connection organisierten Solidaritätsaktionen mit Kriegsdienstverweigerern etwa in der Türkei, Südkorea oder Israel. Connection organisiert auch Rundreisen von ReferentInnen, die von DFG-VK-Gruppen häufig unterstützt werden.

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