„Was hätten wir denn von einer Helmut-Schmidt-Kaserne?“

Militärreform ist kein Antifaschismus

Von Frank Brendle und Ulla Jelpke

Was war denn da auf einmal in der Bundeswehr los? Anstatt den Fall des rechtsextremen Bundeswehroffiziers Franco A. als „Einzelfall“ abzutun und das Ausmaß an Wehrmachtsverherrlichung in der Truppe kleinzureden, sprach (Noch-)Verteidigungsministerin von Leyen im Frühjahr von „falsch verstandenem Korpsgeist“ und warf ihrer Truppe einen „Haltungsschaden“ vor. Es folgten eine Art Razzia in den Kasernen nach Wehrmachtsdevotionalien und eine Überprüfung von Kasernennamen.

Von der Leyens Vorstöße, die ihre Karriere zumindest gefährden, haben einen wichtigen Hintergrund: Sie stehen für den – hier eher unbeholfen exerzierten – Versuch, die Modernisierung der Bundeswehr auch auf dem Feld der Traditionspolitik voranzutreiben. Nach Lesart einer jüngeren Generation von Soldaten und Strategen erfordert dies den Abschied wenigstens von allzu belasteten Wehrmachtsoffizieren. Denn Kriege werden heutzutage ja nicht mehr im Alleingang von Deutschland unternommen, sondern ausschließlich im Bündnis, die Kriegspropaganda bedient sich keiner Blut- und Boden-Rhetorik, sondern eines Mixes aus nationalen Interessen und geheucheltem Humanismus, und der aufopferungsvolle Heldentod fürs Vaterland ist eh von gestern. Deshalb, so die Ministerin im August bei einem Traditions-Workshop in der Führungsakademie, sei es notwendig, dass die Bundeswehr „ihre eigene, stolze Tradition“ stärker betone.

Solche Militärreformbestrebungen stoßen allerdings regelmäßig auf ein Dilemma: Einerseits soll die Bundeswehr ja eine Armee von „Bürgern in Uniform“ sein, der Demokratie und dem Grundgesetz verpflichtet, andererseits soll sie eben überall auf der Welt in Kampfeinsätzen den Kapitalismus durchsetzen, notfalls auch völkerrechtswidrig, wie 1999 am Beispiel Jugoslawien vorgeführt. Diese Dialektik hemmt die Herausbildung eines ureigenen Kämpfer-Kultes, der traditionsstiftend werden könnte.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass auch die Ministerin eher unschlüssig ist. Da äußert sie zum einen, die Wehrmacht „als Institution des Dritten Reiches kann daher nicht traditionsstiftend“ sein, um fortzufahren: „Auch wer eine Wehrmachtsuniform trug, kann aus ganz bestimmten Gründen traditionsstiftend für die heutigen Soldaten sein.“ Dazu zählt ihrer Auffassung nach auch Generalfeldmarschall Rommel, der noch im Sommer 1944 versucht hatte, die alliierte Invasion abzuwehren – also die Front zu verteidigen, hinter der die Konzentrationslager ihre Vernichtung fortsetzten. O-Ton von der Leyen:

„Wir werden auch Grautöne ertragen müssen. Und manchmal sind es ja gerade Persönlichkeiten, an denen man sich reiben kann … die unser kritisches Urteilsvermögen heute schärfen können“. Von der oben erwähnten Überprüfung von Wehrmachts-Namensgebern bleiben wie selbstverständlich all jene Offiziere verschont, die ihre Karriere später in der Bundeswehr fortsetzten, also etwa Johannes Steinhoff oder Adolf Heusinger. Letzterer war Chefplaner des Überfalls auf die Sowjetunion. Sich von solchen Gestalten zu verabschieden, wäre ein Eingeständnis, wie sehr die Bundeswehr von Hitlers ehemaligen Generälen aufgebaut worden ist. Und so bleibt es offen, das Hintertürchen, durch das die Wehrmacht immer noch in die Traditionspolitik der Bundeswehr hineinmarschiert.

Nicht den Deckmantel liefern!

Was heißt das jetzt für AntimilitaristInnen? Sie tun nach wie vor gut daran, den Finger in die Wunde zu legen: Wo immer sich Wehrmachtsverehrung zeigt, gilt es diese anzuprangern, auch in Hinblick auf die Offiziere des 20. Juli die ja fast alle nur aus militärfachlichen Erwägungen in Frontstellung zu Hitler gegangen waren. Zuvor hatten sie sich genauso willig am Vernichtungskrieg beteiligt wie alle anderen Offiziere auch, was ihren Vorbildcharakter doch erheblich schmälern sollte.

Dabei muss man aber ernst nehmen, dass es auch von Seiten der Bundeswehr ein echtes Interesse daran gibt, wenigstens die schlimmsten Nazis von den Namenslisten der Kasernen zu streichen. Deswegen sollten AntimilitaristInnen darauf achten, durch ihre Kritik nicht das Interesse der Militärreformer zu bedienen (Was hätten wir denn von einer Helmut-Schmidt-Kaserne?). Selbst mit provokativen Vorschlägen, etwa, Deserteure als Namenspatrone zu nehmen, muss man vorsichtig sein: Zum einen will man ja nicht das Andenken an die Deserteure dadurch in den Schmutz ziehen, dass man die Standorte einer imperialistischen Armee nach ihnen benennt. Zum anderen darf nicht ausgeschlossen werden, dass so ein Vorschlag auch einmal aufgegriffen werden könnte. In Rendsburg gab es von 2000 bis zur ihrer Auflösung 2010 eine Feldwebel-Schmid-Kaserne. Das war ein Wehrmachtsangehöriger, der sich als Wehrpflichtiger im besetzten Vilnius sofort daran gemacht hatte, Kontakt zum Widerstand im jüdischen Ghetto aufzunehmen, um so viele Juden zu retten, wie er konnte. Eine Ehrung hat dieser 1942 hingerichtete „Retter in Uniform“ zweifellos verdient.

Aber es geht aus antimilitaristischer Sicht nicht primär darum, eine „falsche“ Namensgebung zu kritisieren, und noch weniger darum, konstruktive Vorschläge zu machen. Das würde nur bedeuten, dem militaristischen Kurs der Bundesregierung ein humanitär-antifaschistisches Deckmäntelchen umzulegen. Es gilt vielmehr den Geist zu hinterfragen, der solche „Vorbilder“ bis heute nährt: Die „Einsatzorientierung“, die Bereitschaft, überall auf der Welt zum Kampfschwein zu werden, und Völkerrecht wie Grundgesetz über Bord zu werfen. Wenn das überwunden ist, schwindet auch die Grundlage für den Wehrmachtskult.

Frank Brendle ist aktiv in der Berliner DFG-VK und arbeitet im Parlamentsbüro von Ulla Jelpke, die Linke-Bundestagsabgeordnete ist.

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