Heiliger Zorn auf Rüstung und Krieg

Predigt beim Friedensgottesdienst auf dem Kirchentag in der Berliner Zionskirche am 25. Mai 2017

Von Margot Käßmann

Liebe Gemeinde, bei dem Vorschlag, 1. Korinther 13 als Predigttext für diesen Friedensgottesdienst zu nehmen, habe ich gestutzt. Das ist doch mehr ein Text für Trauungen, oder? Wir haben es ja eben gehört: Langmütig ist die Liebe und freundlich, sie eifert nicht, lässt sich nicht verbittern, rechnet das Böse nicht zu.

Ist das nicht allzu liebevoll mit Blick auf Frieden und Gerechtigkeit? Da braucht es doch eher einen Aufschrei wie bei der Aktion gegen Rüstungsexporte! Oder Zorn! Der ist sogar gut evangelisch, denn Martin Luther schreibt: „Ich habe kein besser Werk denn Zorn und Eifer; denn wenn ich wohl dichten, schreiben, beten und predigen will, so muß ich zornig sein. Da erfrischet sich mein ganzes Geblüt, mein Verstand wird geschärft, und alle unlustigen Gedanken und Anfechtungen weichen.“

Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!

Ja, uns sollte wohl Zorn ergreifen. 1948 angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkrieges haben die Kirchen der Welt in Amsterdam erklärt: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!

Und heute? Im vergangenen Jahr tobten 18 Kriege der höchsten Eskalationsstufe. Syrien, Jemen, Sudan, Nigeria und Afghanistan sind Orte massivster Gewalt. Und auch in Europa ist der Krieg wieder in greifbare Nähe gerückt. Von Berlin nach Donbass sind es rund 2 000 Kilometer, mein Routenplaner gibt dafür eine Fahrtzeit von 23 Stunden und 47 Minuten an! Dieser militärische Konflikt spielt sich gewissermaßen vor unserer Haustüre ab! Seit der Annexion der Krim durch Russland vor drei Jahren gibt es ständige Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und Russland, zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischem Militär, die inzwischen 10 000 Tote zur Folge haben. Die Beziehungen zwischen Russland und der Nato sind dadurch angespannt und verstärken sich durch Militärmanöver und Truppenstationierungen.

Statt jetzt aber Friedensmissionen, Freiwillige, Mediationsexpertinnen zu entsenden, drängt US-Außenminister Rex Tillerson darauf, dass die Nato-Mitgliedsstaaten ihre Militärausgaben auf zwei Prozent der Wirtschaftsleistungen erhöhen. Der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt  liegt in Deutschland derzeit bei 1,2 Prozent, das sind rund 36 Milliarden Euro. Erwartet werden demnach mehr als 70 Milliarden! Wollen wir das?

Wie kann es sein, dass wir im Jahr 2017 nicht fähig sind, Konflikte friedlich zu lösen? Warum nur wird das Heil weiter im Militär gesucht, wenn wir doch alle, alle wissen, dass mehr Rüstung nicht mehr Frieden bringt, sondern Krieg wahrscheinlicher macht? Ganz zu schweigen davon, dass wir in den letzten Wochen realisieren, dass in der Bundeswehr wahrhaftig nicht alles nur zum Guten steht. Ja, die Mehrheit der Soldatinnen und Soldaten steht fraglos zu Verfassung und Grundgesetz. Aber einen Nährboden für rechtsextremes Gedankengut gibt es da offenbar auch...

Ganz aktuell ist auch klar, dass ein Präsident Trump die Welt nicht sicherer macht, sondern uns bangen lässt, ob er nicht aus irgendeiner Emotion heraus seinen „red button“ drückt. Das ist eine enorme zusätzliche Belastung. Gerade in Asien eskalieren die Konflikte. In Pjöngjang agiert ein Mann als Diktator, der gern mit Raketen provoziert. Ministerpräsident Shinzo Abé in Japan will nach 70 Jahren die pazifistische Nachkriegsverfassung revidieren. Präsident Putin gibt gern den Kriegsherrn, China rüstet massiv auf, Ministerpräsident Erdogan lässt Journalisten und Menschen anderer Meinung verhaften.

Die Waffen nieder!

Da müsste doch ein Aufschrei um die Welt gehen: „Die Waffen nieder!“

 Dieser Satz ist ein Zitat. Es ist der Titel der zweibändigen fiktiven Autobiografie einer Adligen, die Bertha von Suttner schrieb. Sie war die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt. Drastisch beschreibt sie in ihrem Buch die Realität des so genannten Heldentodes: „Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem Felde liegen bleibt und da ungefunden durch vier oder fünf Tage und Nächte an Durst, Hunger, unter unsäglichen Schmerzen, lebend verfaulend, zugrunde geht – dabei wissend, daß durch seinen Tod dem besagten Vaterlande nichts geholfen, seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden – ich möchte wissen, ob er die ganze Zeit über mit jenem Rufe (‚Für das Vaterland‘) gern stirbt.“

Bis zu ihrem Lebensende wurde Bertha als Pazifistin verlacht. Vielleicht lässt es sich als Segen bezeichnen, dass sie kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges starb.

Nach diesem Krieg, den sie mit all ihrer Kraft versucht hatte zu verhindern, schrieb Stefan Zweig: „Aber eben diese Frau, von der man meinte, sie habe nichts als ihre drei Worte der Welt zu sagen, ... wußte ja ... um die fast zernichtende Tragik des Pazifismus, daß er nie zeitgemäß erscheint, im Frieden überflüssig, im Kriege wahnwitzig, im Frieden kraftlos ist und in der Kriegszeit hilflos. Dennoch hat sie es auf sich genommen, zeitlebens für die Welt ein Don Quichotte, der gegen Windmühlen ficht“.

Das ist eine Ermutigung, finde ich. Wir können anknüpfen an Frauen und Männer, die sich in ihrer Zeit gegen Geist, Logik und Praxis des Militärischen gewandt haben.

Ich bin überzeugt, wir können einen entscheidenden Beitrag zum Frieden leisten, indem wir zuallererst Waffenproduktion und Rüstungsexporte diskutieren. Warum muss ein Land wie Deutschland mit derart massiver Kriegserfahrung auf den unrühmlichen dritten Platz der Rüstungsexportländer aufsteigen?

Ja, ich weiß, es wird mit dem Wirtschaftsfaktor argumentiert – aber es geht um 0,2 Prozent des Bruttosozialproduktes. Und ja, es heißt, deutsche Waffen seien eben technologisch so großartig – wer möchte allerdings damit in aller Welt glänzen?

Wir stellen in allen Kriegen dieser Welt fest, dass die Waffenindustrie mitverdient. Aber in Deutschland wird immer erst im Nachhinein bekannt, was wohin geliefert wurde; der Bundessicherheitsrat entscheidet unter Geheimhaltung. Da wurden nach Katar Panzer geliefert, in ein Land, das in einer Länge von 60 Kilometern an Saudi-Arabien grenzt, ebenso gab es Exportgenehmigungen für Saudi-Arabien, dessen Armee 2011 erst die Freiheitsbewegung in Bahrain brutal niedergeschlagen hat. Das halte ich für absolut inakzeptabel.

Es geht darum, im politischen Geschehen die Stimme zu erheben, Waffenhandel und Krieg infrage zu stellen, sich gegen Pflichtdienste an der Waffe auszusprechen, die es in vielen Ländern und potenziell auch in Deutschland noch immer gibt. Wir können doch nicht an Kriegen verdienen, die wir anschließend betrauern.

 

„Liebet eure Feinde!“ führt zum Shitstorm

Kommen wir jetzt aber doch noch einmal zur Liebe. Ostern 2016 führte die „Bild am Sonntag“ ein Interview mit mir. Eine Frage lautete: „Was würde Jesus zum Terror sagen? Würde Jesus den Terroristen vergeben?“ Ich habe geantwortet: „Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Er hat sich nicht verführen lassen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation. Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen.“

Auf dieses Interview folgte ein so genannter Shitstorm. Wie so oft hieß es, das sei naiv, lächerlich, dumm. Ich finde dabei interessant, dass Jesus von Nazareth auch 2000 Jahre später noch derart provoziert! Denn er ist es ja, der gesagt hat: Liebet eure Feinde!

Aber dann kommen die immer gleichen Fragen: Wenn Sie das Morden in Aleppo sehen, würden Sie den armen Menschen nicht auch helfen wollen, das geht doch offensichtlich nur mit Waffen. Ich erinnere mich bei diesen Fragen immer wieder an die frühen Verfahren der Kriegsdienstverweigerer in Westdeutschland. Eine Frage war: Wenn ihre Freundin neben ihnen vergewaltigt würde und sie hätten eine Waffe, würden sie nicht eingreifen?

Und ich verstehe die Frage sogar. Ich weiß auch nicht, wie ich reagieren würde. Und klar, manchmal wünsche ich mir, irgendeine Bombe oder Armee würde die Kriege dieser Welt beenden. Aber das wird sie nicht.

Ich weiß, international agierende Terroristen ebenso wie die Hilflosigkeit gegenüber Massakern wie in Ruanda und Srebrenica werfen die Frage nach militärischen Interventionen aus humanitären Gründen immer wieder auf. Ist es angesichts massiver Menschenrechtsverletzungen angemessen, aus biblischer Perspektive zu argumentieren, die Spirale der Gewalt sei nur durch Gewaltlosigkeit zu durchbrechen? Es ist in der Tat eine Gewissensentscheidung, bei der keine Option Freiheit von Schuld bedeutet. Es gibt Christinnen und Christen, die als Soldat oder Soldatin einen verantwortungsvollen Dienst tun, ich respektiere diese Entscheidung. Aber ebenso muss es Respekt dafür geben, dass andere die Entscheidung dagegen für das „eindeutigere Zeichen“ halten. Mir ist sehr bewusst: Es kann sich durchaus auch schuldig machen, wer nicht zur Waffe greift. Aber Pazifismus ist gerade nicht inaktiv, idiotisch, hilflos, sondern aktiv.

 

„Ungerechten Gesetzen wollen wir nicht gehorchen“

Lassen Sie mich aus einer anderen Rede zitieren, aus Martin Luther Kings „Stride toward Freedom“, gehalten in meinem Geburtsjahr 1958:

„Die Anhänger des gewaltlosen Widerstands können ihre Ideen in folgenden einfachen Sätzen zusammenfassen: Gegen Ungerechtigkeit wollen wir in direkter Aktion vorgehen, ohne zu warten, bis andere handeln. Ungerechten Gesetzen wollen wir nicht gehorchen und uns ungerechten Machenschaften nicht unterordnen. Das alles wollen wir friedlich, öffentlich und heiter tun, denn unser Ziel ist es, andere zu überzeugen. Wir sind von der Gewaltlosigkeit überzeugt, weil wir eine Gemeinschaft anstreben, die mit sich selbst in Frieden lebt. Wir wollen versuchen, durch unsere Worte zu überzeugen, aber wenn unsere Worte nicht reichen, wollen wir versuchen, durch unser Handeln zu überzeugen. Wir wollen immer zu Gesprächen und fairen Kompromissen bereit sein. Und wir sind auch bereit zu leiden, wenn es nötig sein sollte, ja sogar für unsere Überzeugung unser Leben einzusetzen.“

Die Liebe hat doch etwas mit unserer Haltung zu tun! In einer Welt der Macht und der Mächtigen erlebt Jesus Ohnmacht. Das heißt doch: Unser Gott kennt Ohnmacht. Das unterscheidet das Christentum von allen anderen Religionen in der Welt. Allzu oft geht es doch um Macht durchsetzen, Wahrheit besitzen. Machen wir uns nichts vor, das ist auch in den Religionen so und oft genug auch zwischen den Konfessionen. Wenn wir aber die Geschichte des Jesus von Nazareth ernst nehmen, dann sehen wir, wie selbst Gott stirbt an der Gewalt in der Welt. Das Kreuz ist unser zentrales Symbol, wir müssen kein anderes Markenzeichen suchen. Aber das Kreuz ist eben kein Herrschaftssymbol, zu dem es in der Geschichte der Kreuzzüge, der Eroberungen, der Kriege oft gemacht wurde. Es ist ein Zeichen der Demut, der Ohnmacht und gerade damit wohl die größte Provokation gegenüber allem Machtgehabe und aller Gewalt. Der sterbende Mann am Kreuz ist stärker im Gedächtnis der Welt geblieben als alle Eroberer, Diktatoren und Gewalttäter.

Dieses Bild von der Ohnmacht Gottes halten die Menschen in der Regel schlecht aus. Immer wieder erreichen mich Ermahnungen, ich solle Gott nicht weichspülen, mehr vom Gericht Gottes predigen, die Strafen für Sünde klarer herausstellen. Aber all das finde ich in den Evangelien nicht. Jesus predigt keinen Donnergott mit erhobenem Zeigefinger. Er zeigt uns, wie Gott ist, indem er sich den Menschen vorbehaltlos in großer Liebe zuwendet. Und seine Idee von der Feindesliebe, sie bleibt eine Provokation bis heute.

 

Die herrschenden Umstände radikal in Frage stellen

Wir feiern heute einen Friedensgottesdienst auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Das ist gut so. Denn der Kirchentag stand nicht immer, aber immer wieder dafür ein, dass Gerechtigkeit und Frieden Themen der Kirche sind. Gerade 1983 war das so, als Friedrich Schorlemmer unter dem Motto „Vertrauen wagen“ in der Lutherstadt Wittenberg ein Wort des Propheten Micha sichtbar machen ließ, indem ein Schwert umgeschmiedet wurde in einen Pflug. Und in Hannover trugen wir unter der Losung „Umkehr zum Leben“ lila Tücher , auf denen eingedruckt war: „Ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen“. Das ist die Tradition, in der wir heute stehen.

Wir feiern heute einen Friedensgottesdienst in der Zionskirche. Hier war Dietrich Bonhoeffer zeitweise als Pfarrer tätig. Hier wurde Oppositionsgruppen in der DDR ab 1986 ein Ort gegeben, ihre Kritik am Staat zu äußern. Hier gab es Mahnwachen gegen die Hausdurchsuchung der Umwelt-Bibliothek. Hier überfielen 1987 Skinheads ein Konzert der Band „Elements of Crime“. Aus dieser Kirche drang der Ruf „Keine Gewalt“ 1989 auf die Straßen Ostberlins. Diese Tradition verpflichtet uns heute.

Wir dürfen uns nicht in die Verantwortungslosigkeit hineinschläfern lassen, hat Friedrich Siegmund Schultze einmal gesagt. Diesen Satz finde ich für unsere Zeit ungeheuer passend. Wir als Christinnen und Christen sollten wachsam hinschauen, was passiert in unserem Land, in dieser Welt.

Unsere Kirchen müssen eintreten für Gerechtigkeit und Frieden und das heißt im Umkehrschluss gegen diese massive Aufrüstung, gegen die Fantasielosigkeit, die nur Waffen als Antwort auf Konflikte kennt. Ihre Aufgabe ist es, zu zeigen, dass die Menschen, die auf ihrer Flucht vor Krieg und Armut bei uns ankommen, schlicht Botschafter des weltweiten Elends sind. Und wir müssen aufbegehren gegen den schleichenden Hass, der um sich greift. Die Kriminalstatistik, die gerade veröffentlicht wurde, zeigt 10 751 Straftaten von Hasskriminalität auf, also Angriffe auf Migranten. Es gab 8 983 fremdenfeindliche Straftaten und 995 Angriffe auf Asylunterkünfte. Das ist schockierend und empörend zugleich! Das können wir nicht einfach so stehen lassen.

Ist das nicht zu politisch, werden jetzt wieder viele fragen. Gerade aus der Politik kommt diese Anfrage oft. Aber kann die Politik denn bestimmen, was kirchlich ist? Die Liebe ist politisch! Weil es eine Liebe Gottes ist zu den Menschen am Rande. Eine Liebe, die unsere Beziehungen untereinander prägen soll. In einer Welt von Hass, Egomanie, Gewalt und Machogesten ist das in der Tat radikal. Insofern bedeutet die Rede von der Liebe, die vorherrschenden Zustände radikal in Frage zu stellen. Das ist im Übrigen auch reformatorisch: Keine Angst vor Veränderung.

Am Schluss des Kapitels schreibt Paulus: Es bleiben Glaube, Liebe Hoffnung, diese Drei. Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen. Wenn das keine Ermutigung ist!

Amen.

Margot Käßmann war Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evang. Kirche in Deutschland (EKD). Sie ist Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017. Bis zur Auflösung der Zentralstelle KDV Ende 2014 war sie deren Präsidentin. Seit dem letzten Jahr ist sie Mitglied der DFG-VK.

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