Zum Gedenken an Manfred Lesch

* 24.11.1943   †  31.1.2017

Nachruf auf einen der Architekten der Fusion von DFG-IdK und VK zur DFG-VK 1974

Von Heinricht Häberlein und Tobias Damjanov

Als 1974 DFG-IdK und VK fusionierten, gehörte er zu denjenigen, die diesen Prozess vorbereiteten und die Programmatik des neuen Verbandes entwickelten: Manfred „Manne“ Lesch, der schon damals in Frankfurt am Main lebte und Ende Januar dieses Jahres gestorben ist.

Bevor Manne Lesch im Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) aktiv wurde, hatte er aus der Offizierslaufbahn heraus, die er eingeschlagen hatte, den Kriegsdienst verweigert. Er war damit einer der ersten Bundeswehroffiziere in den 1960er Jahren, die das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Anspruch nahmen, wozu er die (damals zuständigen) Verwaltungsgerichte „beschäftigen“ musste.

Das war zu Zeiten der Notstandsgesetze und des studentischen Aufbruchs, und offensichtlich schon da formte Manne seine klare Meinung zu Krieg und Frieden, wobei ihm zum einen seine Freundschaft zu Pastor Martin Niemöller geholfen haben dürfte, der zuerst auch Soldat war und später zum Antifaschisten und Pazifisten wurde.

Manne studierte bei Theodor W. Adorno Soziologie und Philosophie – und womöglich hat nur das Ableben Adornos verhindert, dass Manne im Bereich der Wissenschaft verblieb. Wissenschaftlicher Erkenntnis und Reflexion blieb er aber verbunden, was sich auf Seiten seines Engagements in der DFG-VK (im VK war er Redakteur der Verbandszeitschrift „zivil“) darin ausdrückte, dass er über lange Jahre Bildungsreferent im Bundesvorstand war und auch international z.B. für die War Resisters International auf diesem Gebiet tätig wurde.

Auch seine Berufsfelder waren hauptsächlich vom Bildungs- und Ausbildungsbereich gekennzeichnet: Zwischen 1973 und 1981 war er im Personal- und Ausbildungswesen zuerst an der Fachschule für angewandte Betriebswirtschaft, dann bei der Bank für Gemeinwirtschaft tätig. In der Erwachsenenbildung unterrichtete er Politik, Deutsch und Rechtskunde; des Weiteren war er Dozent der Dr.-Fritz-Bauer-Stiftung, die sich um die Resozialisierung von Strafgefangenen kümmert. Er war ehrenamtlicher Richter für die Gewerkschaftsseite am Landesarbeitsgericht, leitete seit 1992 die philosophische Runde im Wohnstift GDA am Zoo und war zeitweilig außerdem Mitglied der hessischen Schiedsgerichtskommission der Partei Die Linke.

Soweit die dürren Fakten. Die Persönlichkeit Manfred Leschs und hier vor allem seine Bedeutung für die Entwicklung der DFG-VK wird damit nur vom Erscheinungsbild her erfasst, wie überhaupt ein Nachruf nicht den Anspruch erfüllen kann, einem Menschen nach seinem Tod gerecht zu werden.

In Widerspiegelung dessen, was wir als Autoren dieses Nachrufs über und mit Manne von ihm kennengelernt haben, ergibt sich das vielschichtige Bild eines Menschen, der einem zuerst durch seine Sachlichkeit, seine Rationalität und durch seine ständige Bereitschaft zur Reflexion auffiel. In den zum Teil hitzigen Diskussionen vor, während und unmittelbar nach der Fusion der DFG-VK waren seine Ruhe und vor allem auch seine Kompetenzen so gewichtig, dass, wie Manne selbst erinnerte, Helmut-Michael Vogel, damals zusammen mit Klaus Mannhardt Bundesvorsitzender der DFG-VK, ihm ein ums andere Mal an entscheidenden Stellen von Disputen zuraunte: „Manne, jetzt musst du aber in die Bütt!“

Für diejenigen, die ihn nie kennengelernt haben: Manfred Lesch hatte die Fähigkeit zuzuhören, Widersprüche zu erfassen, aber auch zusammenzuführen, wieder zuzuhören und dann – nicht immer, aber oft – Lösungen anzubieten. Auf diese Weise hat er auch den Begriff des politischen Pazifismus mitgeprägt, genauer gesagt: dessen inhaltliche und vergleichsweise einmalige Bedeutung, die bis heute das Alleinstellungsmerkmal der DFG-VK in der Friedensbewegung und darüber hinaus darstellt. Er betonte immer, dass aus „Gesinnungspazifismus“ politisches Handeln werden müsse, um Kriege zu beenden.

Sein politisches Zuhause hat Manne in einem Brief beschrieben, aus dem bei der Trauerfeier zu seinen Ehren Folgendes zitiert wurde: „Ich war ein kämpferischer Sozialist und habe versucht, diesen Anspruch unter den Bedingungen einer kapitalistischen Klassengesellschaft zu verwirklichen. Ich war kein Sozialdemokrat/Liberaler, also kein diffus ‚liberaler und humaner‘ Mensch, sondern ein Sozialist getreu der sozialistischen Grundauffassung. Ich habe immer versucht als Sozialist Vorbild für andere zu sein.“ Daraus hat Manne seine Haltung zum politischen Pazifismus abgeleitet und sein Handeln; deswegen legte er z.B. immer so großen Wert darauf, „Kriegsursachen zu erkennen und zu beseitigen“. Auch wenn er in den letzten Jahrzehnten in der DFG-VK nicht mehr direkt aktiv war, beteiligte er sich doch an verschiedenen „Ehemaligen“-Zusammenkünften, zuletzt 2015 am bundesweiten Treffen anlässlich 40 Jahre fusionierter DFG-VK, bei dem seine Beiträge einmal mehr auf großes Interesse stießen. Für das Zustandekommen des Symposiums der Bertha-von-Suttner-Stiftung „Zukunft des politischen Pazifismus“ Anfang des Jahres in Frankfurt am Main hat er wichtige Ratschläge gegeben.

Zur Vielschichtigkeit seiner Person darf auf keinen Fall unerwähnt bleiben, dass für Manne zum Leben mehr gehörte als politische Betätigung oder berufliche Tätigkeiten: Er war auch ein kulturbezogener Mensch, der entsprechende Interessen liebte wie beispielsweise die Musik (er spielte Klavier) und die Erfahrung anderer Lebensstile (Manne darf man aufgrund seiner Liebe zu Frankreich getrost als frankophil charakterisieren). Soweit wir es erleben konnten, hatte Manne einen feinsinnigen, ja subtilen Humor, der häufig überraschend kam, wenn man zunächst nur seine Sachlichkeit sah. Freundschaften definierte er nicht: Er ließ sie entstehen und pflegte sie, wenn es möglich war.

Wir sind traurig, dass Manfred „Manne“ Lesch gegangen ist, aber auch dankbar für seine Freundschaft.

 Heinrich Häberlein ist Vositzender der Bertha-von-Suttner-Stiftung der DFG-VK, Tobias Damjanov ist Bundessprecher der DFG-VK.

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