Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

13 Tage, 1162 Kilometer, 80 Etappen

Der Staffellauf „Frieden geht!“ gegen Rüstungsexporte von Oberndorf nach Berlin

Von Theresa Bachmann

Nach 13 Tagen und über 1 000 zurückgelegten Kilometern ist der Staffellauf „Frieden geht!“ mit einerAbschlussveranstaltung in Berlin beendet worden. Ein breites Bündnis aus 18 Trägerorganisationen – neben der DFG-VK beteiligten sich beispielsweise die IPPNW, Attac, die Naturfreunde und die Evangelische Landeskirche in Baden – hatte sich gebildet, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen gegen deutsche Rüstungsexporte. Ein Zeichen, das es in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben hat.

Zwei Jahre Vorbereitungen waren vonnöten gewesen, um die Idee des Staffellaufs in die Praxis umzusetzen. Mit zwei Hauptamtlichen, Sarah Gräber und Max Weber, und unterteilt in sechs Arbeitsgruppen, starteten die Planungen zu Strecke, Begleitteam, Kontakt zu Behörden, Pressearbeit und vielem mehr. Am 21. Mai dann der Start: Vor den Toren Heckler und Kochs, einem der größten Exporteure von Handfeuerwaffen Deutschlands, setzte sich der Tross in Oberndorf am Neckar in Bewegung.

Vielfalt ist wohl eines der Schlagwörter, mit dem die Tage des Laufes am treffendsten beschrieben werden können. Zwar galt es, einen ambitionierten Tagesplan einzuhalten. Doch war mit Geh-, Jogging-, (Halb-)Marathon- und Radstrecken für jede*n etwas mit dabei. Dementsprechend bunt gemischt war die Teilnehmer*innengruppe: Von Geher*innen mit Kinderwagen bis zu Profiläufer*innen haben alle zusammen eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Rüstungsexporte aus Deutschland in ganz verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf Interesse – und Ablehnung – stoßen. Tatsächlich lässt sich der Mehrwert von „Frieden geht!“ auch daraus ableiten, dass sich viele hunderte Menschen beteiligt haben, die nicht in der klassischen Friedensbewegung aktiv sind. Über Aktionen wie den Staffellauf können also auch ganz neue Gruppen mit friedenspolitischen Themen erreicht werden.

Dass nicht nur Vielfalt, sondern auch der Gedanke der Inklusion eine wichtige Rolle spielt, zeigt ein ganz besonderes Beispiel auf der knapp zehn Kilometer langen Gehstrecke von Helsa nach Hessisch-Lichtenau, nahe der Grenze zu Thüringen. Eingehakt mit einem weiteren Geher kam auch ein 82-jähriger blinder Teilnehmer aus Bremen sehr zufrieden am Etappenziel an. Menschlich bewegende Erlebnisse wie dieses sind ein wichtiger Teil von „Frieden geht!“ und unterstreichen, wie sehr versucht wurde, allen Interessierten die Teilnahme am Lauf zu ermöglichen.

Die Strecke von Oberndorf am Neckarim Schwarzwald bis in die deutsche Bundeshauptstadt führte auf den 1 162 Kilometern durch unterschiedlichste Regionen. Großstädte wie Frankfurt, Kassel, Erfurt und Potsdam wurden genauso passiert wie kleine Dörfer in sehr ländlich geprägten Gegenden Deutschlands. Gerade dort, in Gemeinden wie Lobejün oder Großwülknitz, war die Begeisterung der Menschen vor Ort besonders groß. Herzliche Empfangskomitees, überall geöffnete Türen, die große Hilfsbereitschaft und die vielen liebevoll hergerichteten Verpflegungsstationen haben dabei jede Station zu etwas Besonderem gemacht.

Für viel Motivation hat darüber hinaus auch gesorgt, dass unterwegs sehr viel Zustimmung zur Thematik des Laufes zum Ausdruck gebracht wurde. „Schön, dass etwas dagegen getan wird.“ „Ich bin auch gegen Rüstungsexporte.“ Rückmeldungen wie diese haben das Team an der Strecke erfreulicherweise während der gesamten Zeit begleitet. Sie bestätigen das Ergebnis der Umfrage, die „YouGov“ im Auftrag von „Frieden geht!“ durchgeführt hat, wonach sich fast zwei Drittel der Deutschen (64 Prozent) grundsätzlich gegen einen Verkauf von Waffen und anderen Rüstungsgütern an andere Staaten aussprechen.

Alle Beteiligten– ob als Teilnehmer*innen oder Teammitglied – nehmen viele, oftmals sehr beeindruckende Erinnerungen aus diesen Tagen mit. Nach dem Auftakt in Oberndorf wurde die letzte Tagesetappe an Tag drei, von Ettlingen bis nach Karlsruhe, oft als einer der Höhepunkte genannt: Anstelle der erwarteten 50 Läufer*innen waren es letztlich 150 Teilnehmer*innen, die in Begleitung der Polizei den Staffelstab zum badischen Landestheater brachten und für einen gelungenen Tagesabschluss sorgten. Ein anderes Beispiel ist das bereits erwähnte hessische Helsa, wo kurzerhand der gesamte Kindergarten mobilisiert wurde, um den ankommenden Läufer*innen einen ganz besonders begeisterten Empfang zu bereiten.

Vor dem Erfurter Dom wiederum übernahm es der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow, die Teilnehmer*innen bei ihrer Ankunft in der Landeshauptstadt willkommen zu hei-ßen bzw. die nächste Gruppe auf die Strecke zu schicken. Zielort an diesem Tag neun war Jena. Die dortige Abschlussveranstaltung war gleichzeitig einer der größten Höhepunkte auf der Strecke, für Läufer*innen wie für die Mitglieder des Begleitteams. Ein buntes Friedensfest vor der Stadtkirche mit Big Band und Kurzvorträgen erregte auch unter Passant*innen große Aufmerksamkeit. Auf ihren letzten Metern in die Stadt hinein wurden die Läufer*innen musikalisch von einer Jugend-Samba-Gruppe unterstützt, so dass der Zieleinlauf regelrechten Umzugs-
charakter bekam und in einer enthusiastischen Begrüßung am Kirchplatz endete.

Erlebnisse wie diese waren unentbehrlich, insbesondere für das Begleitteam. In wechselnder Besetzung waren zwischen neun und dreizehn Helfer*innen damit beschäftigt, den Lauf und die vor Ort anfallenden Aufgaben sowie auftauchende Fragen und Probleme zu beantworten bzw. zu lösen. Frühmorgens – oft ab fünf Uhr – begannen die Vorbereitungen für die erste Tagesetappe, die letzten Absprachen für den folgenden Tag wurden bis spät in der Nacht ge-troffen. Die Organisation von Verpflegungsstationen für die Läufer*innen, Kartenmaterial, Navigationsgeräten für die Begleitradfahrer*innen, Fragen zum Streckenverlauf, die ständige Überwachung des Wetters, der Kontakt mit Polizei, Regionalverantwortlichen und den lokalen Medien etc. haben die 13 Staffellauf-Tage das Begleitteam oft an – teilweise auch über – persönliche Grenzen gehen lassen. Chronischer Schlafmangel, überraschende Zwischenfälle, Zeitdruck und die permanent erforderliche Aufmerksamkeit für anstehende Aufgaben waren so manches Mal nur schwer vereinbar. Dank der vielen großen wie kleinen positiven Erfahrungen, Momente und Gespräche wurde das Team aber trotz aller Schwierigkeiten von unglaublicher Motivation und Einsatzbereitschaft und sehr viel Unterstützung bis nach Berlin getragen.

Die Ankunft in Berlin, mit der viele Hoffnungen verbunden waren, ist daher auch als krönender Abschluss nach zwei Wochen Höchstleistung zu verstehen. Einerseits noch einmal mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden, wurde der Finaltag 13 andererseits zweifelsohne zum großen Höhepunkt des Laufes. Der letzte Halbmarathon von der Glienicker Brücke in Potsdam bis zum Berliner Breitscheidplatz wurde hervorragend von der Polizei abgesichert, die Straßen abgesperrt, so dass die letzten Meter über den Kurfürstendamm bis zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche unvergesslich wurden: Die Begeisterung und das große Interesse lagen förmlich greifbar in der Luft, und die Freude verdrängte den größten Teil der Anspannung der vorhergehenden Tage und Wochen.

Zu einem besonderen Erlebnis machte der Zieleinlauf auch die Begrüßung der Läufer*innen mit dem „Frieden geht!“-Song des Kulturmobil-Teams. Bereits auf der Strecke hatte das eigens für den Lauf komponierte und schnell zum Ohrwurm avancierte Lied für viel gute Stimmung gesorgt. In einem eigenen Fahrzeug, das in den größeren Städten zur mobilen Bühne umfunktioniert wurde, leistete das Kulturmobil von Beginn an einen äußerst wertvollen und durch die Bank als sehr positiv bewerteten Beitrag zum Gelingen des Laufes.

Im Anschluss an die Kundgebung auf dem Breitscheidplatz setzte sich der Demozug durch die Berliner Innenstadt in Richtung Reichstag in Bewegung. Unterwegs wurden Zwischenstopps am Verteidigungsministerium und am Potsdamer Platz eingelegt.

Gut 1 000 Menschen waren dem Aufruf gefolgt und beteiligten sich an der Abschlussdemonstration. Mit buntem Protest, Musik und Redebeiträgen, u.a. von Jürgen Grässlin, dem südafrikanischen Rüstungskritiker Andrew Feinstein sowie dem „Frieden geht!“-Schirmherr und früherem UN-Vizegeneralsekretär Graf Sponeck, endeten 13 Tage Staffel-
lauf quer durch Deutschland vor dem Paul-Lönbe-Haus neben dem Reichstag.

Einige Tage später wurde bei einem Treffen mit Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses des Bundestags der Staffelstab übergeben, um die Volksvertreter*innen auch auf direktem Weg zur Umsetzung der politischen Forderungen des Laufes aufzufordern.

Was also bleibt nach „Frieden geht!“? Zunächst einmal noch einiges an Arbeit. Die finanzielle Endabrechnung steht noch aus, ebenso wie die Auswertungstreffen. In den nächsten Wochen werden hierfür sowohl der Koordinierungs-Kreis als auch die Regionalverantwortlichen und das Begleitteam zusammenkommen. Dabei werden nicht nur positive Erfahrungen ausgetauscht, sondern insbesondere diskutiert werden, was für eventuelle Neuauflagen verbessert bzw. (stärker) beachtet werden müsste. Nicht zuletzt gilt es, die Dokumentation des Laufes – in Bildern bzw. Videos wie in Schriftform – voranzutreiben.

Darin steckt implizit schon die Frage nach dem Ausblick, der bereits auf der Strecke des Öfteren thematisiert wurde. Vielfach wurde der Wunsch nach einem zweiten Staffellauf im nächsten Jahr geäußert, teilweise sogar schon konkrete Mitarbeit angeboten. Und auch wenn es für konkrete Antworten hinsichtlich möglicher künftiger Läufe noch zu früh sein mag, so ist eines doch sicher: Frieden geht weiter.

 

Theresa Bachmann hat einen Bachelor in Lateinamerikastudien, ab September wird sie im Masterstudiengang Friedens- und Konfliktforschung in Canterbury und Marburg studieren. Als Praktikantin beim DFG-VK-Landesverband Baden-Württemberg war sie im Begleitteam von „Frieden geht!“. Derzeit beschäftigt sie sich u.a. mit der Auswertung und Dokumentation des Staffellaufes.

"Frieden geht!" vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

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