Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Google und das Pentagon

Keine zivil-militärische Zusammenarbeit und Forderung nach ethischen Standards

Von Cornelia Mannewitz

Erstaunliches ging Anfang Juni durch die Medien: Google-Mitarbeiter verweigern sich der Zusammenarbeit mit demMilitär! Der Hintergrund: Die US-Drohnen über Feindesland, die Menschen, Autos, Gebäude und Waffen aufspüren und Ziele für Angriffe klarmachen sollen, machen noch immer viel zu viele Fehler. 40 Prozent ihrer Einschätzungen sind falsch. Da sollte Google mit seinem Know-how für Künstliche Intelligenz (KI) ins Spiel kommen. Der Name des Projekts ist „Maven“ (deutsch etwa „Experte“). Es geht um automatische Bilderkennung für zunächst 38 Klassen von Objekten. Google hat Software dafür entwickelt und passt sie nun den Bedürfnissen der Armee an.

Immerhin, scheinbar ein löbliches Ansinnen des Militärs - Kollateralschäden vermeiden! Trotzdem bleiben Drohnen ein Instrument der Kriegführung. Das müssen sich auch die Google-Mitarbeiter gedacht haben. Ein Dutzend von ihnen kündigte. 4 000 unterschrieben eine Petition der Tech- Workers-Coalition an den Chef von Alphabet Inc., der Holding, unter deren „Dach“ sich auch Google befindet; ein Papier, das der Zusammenarbeit von Hightech-Firmen und dem Geschäft des Krieges („business of war“) eine Absage erteilt und ethische Standards fordert. Mehr als tausend Forscher aus verschiedenen Ländern unterzeichneten einen offenen Brief, in dem Google und Alphabet aufgefordert werden, zusammen mit anderen auf einen internationalen Vertrag über ein Verbot autonomer Waffensysteme hinzuwirken.

Google begegnet dieser Kritik mit der Behauptung, die Technologie solle nur Bilder für die Prüfung durch den Menschen vormarkieren, dadurch die Prüfer vor besonders ermüdender Arbeit bewahren und letztlich Leben retten. Nun ja. Hinter den Kulissen soll man sich darüber ausgetauscht haben, wie fürchterlich der Aufstand der Mitarbeiter für das Unternehmen gewesen sei, zumal Google seinen Einstieg bei „Maven“ eigentlich als Türöffner für weitere Kooperationen mit Militär und Geheimdiensten nutzen wollte. Das Engagement bei „Maven“ sollte ohne Genehmigung des Unternehmens nicht öffentlich gemacht werden. Das hat, wie man sieht, nicht ganz geklappt. Man will den Vertrag zu „Maven“ mit seinem Auslaufen 2019 nun eben nicht verlängern.

Google verfolgt ja aber auch noch andere Projekte: Seine smarte Jeansjacke, die per eingebauter Smartphone-Steuerung SMS versendet und die Uhrzeit ansagt, kann man in den USA schon kaufen. Ihr Entwickler arbeitete früher, was Wunder, bei der militärischen Forschungsbehörde Darpa. (Von da ist es nicht weit zu dem Funkgerät, das Soldaten in Afghanistan auf ihren Zähnen tragen sollen und dessen Klang über ihre Knochen übertragen wird. Dieses Gerät entwickelt das Pentagon allerdings nicht zusammen mit Google, sondern mit einem Startup.) Oder: Kürzlich wurde die Google-interne Idee öffentlich, jedem Menschen eine Art umfassender und dabei höchst individueller Lebenshilfe anzubieten - natürlich auf der Grundlage der Daten, die Google über ihn gesammelt hat. Die besten Entscheidungen, die Google für ihn trifft, sollen in ein kollektives Gedächtnis eingehen, mit dessen Hilfe irgendwann die großen Menschheitsprobleme gelöst werden sollen. Neben solchen Allmachtsphantasien nimmt sich ein bisschen Präzisionsschießen mit Drohnen geradezu ärmlich aus.

Aber sind nun wenigstens die Goog-le-Mitarbeiter die Guten? Teils teils. Die Petition der Tech-Workers-Coalition argumentiert auch mit dem Wohl des Unternehmens: Solche Verträge beschädigten das Vertrauen der Nutzer. Wer kündigt, wird anderswo vermutlich mit Kusshand genommen, denn KI-Spezialisten sind so begehrt, dass die Konzerne in den USA mittlerweile die entsprechenden Professoren von den Eliteuniversitäten abwerben, was die Hochschullandschaft beschädigt, die Forschungsziele verflacht und bald zu Problemen bei der Ausbildung des Nachwuchses führen wird. Irgendwann werden die Konzerne selbst ausbilden müssen. Einstweilen betreibt Google das Modell „Google-Campus“. Der nächste soll in Berlin-Kreuzberg eröffnet werden. Dort vermutet Google offenbar die Atmosphäre von Unkonventionalität, Ideenreichtum und Interesse an Investoren für Startups, die nur noch mit professionellem Networking und technischer Infrastruktur untersetzt werden muss, um perspektivisch in den weiteren Ausbau von Google einzufließen. Gentrifizierung des Viertels ist inklusive. Mehrere Berliner Initiativen machen bereits dagegen mobil.

 

Gesellschaftspolitisch ist Google auf einem konservativen Weg.Das Unternehmen sponsert die Conservative Political Action Conference (CPAC), ein jährlich stattfindendes Treffen konservativer amerikanischer Politiker und Aktivisten, die Hälfte von ihnen noch in jugendlichem Alter, und betreibt eine mangelhafte Diversitypolitik. Ein ehemaliger Top-Manager bei Google (jetzt bei Alphabet Inc.) ist zurzeit Chef des „Defense Innovation Board“, das die US-Army bei der Einführung von Hochtechnologien unterstützt. Solche Dinge mögen dazu beitragen, dass sich Mitarbeiter in dieser Firma nicht mehr wohlfühlen. „Ich war nicht glücklich damit, meine Bedenken nur intern zu äußern“, wird einer der Mitarbeiter zitiert, die bei Google gekündigt haben; „das deutlichste Statement, das ich abgeben konnte, war, zu gehen.“

Und auch das Pentagon hat viel vor; unter anderem, für bis zu zehn Milliarden Dollar eine Cloud-Struktur aufzubauen, über die mittelfristig das gesamte US-Militär mitsamt Menschen, Waffen und Material vernetzt sein soll. Klar, dass das für IT-Konzerne ein interessanter Auftrag ist. Google scheint sich aktuell aber zurückzuhalten, vielleicht wegen seiner jüngsten Erfahrungen mit Kritik.

Das Ganze gehört natürlich in einen größeren Zusammenhang: den der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Militär generell.

In Deutschland sieht es mit der Vereinnahmung wissenschaftlicher Er-kenntnisse durch das Militär nicht besser aus. Verteidigungsministerium und private Rüstungsfirmen vergeben jährlich Aufträge an Hochschulen und Forschungseinrichtungen, in Einzelfällen im Wert von über einer Million Euro. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse der Nachwuchswissenschaftler in Deutschland begünstigen das sogar noch: Sie sind eine andere Basis für freie Entscheidungen über Gehen oder Bleiben, als Google-Mitarbeiter oder Angestellte in High-Tech-Unternehmen sie haben. Aber fast alle Wissenschaftler müssen heute mit Ambivalenzen der Nutzung ihrer Arbeitsergebnisse leben – oder zum Beispiel in der Zivilklausel-Diskussion aktiv werden. Die Wirtschaft jedenfalls leistet sich mitunter durchaus klare Ansagen: Die Firma German Bionic Systems in Augsburg, die Exoskelette produziert, lehnt Aufträge des Militärs ab.

Schüler können dieses Bewusstsein meist noch nicht haben. Deshalb werden sie besonders clever rekrutiert: die jüngeren mit Abenteuerspielen im Feldlager und die älteren eben mit Freiräumen für wissenschaftliche Kreativität. Ein aktuelles Beispiel aus Rostock: Drei Rostocker Gymnasiasten haben beim bundesweiten Wettbewerb „Jugend forscht“ im Bereich Geo- und Raumwissenschaften mit einem Verfahren zum Recyceln von Kunststoff auf der internationalen Raumstation ISS den Sieg davongetragen. Zum Lohn erhielten sie nicht nur lobende Worte von Airbus, sondern auch Stipendienangebote für eine Universität der Bundeswehr. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

 

Cornelia Mannewitz ist aktiv im DFG-VK-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern.

 

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