Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Aus der Gewaltspirale ausbrechen

Die Aktualität vieler Einsichten Bertha von Suttners 175 Jahre nach ihrer Geburt

Von Guido Grünewald

Bertha von Suttner wurde am 9. Juni vor 175 Jahren geboren. Guido Grünewald war für die DFG-VK und die Bertha-von-Suttner-Stiftung sowie in seiner Eigenschaft als Friedenshistoriker bei der Geburtstagsfeier in Den Haag dabei.

 

Den Haag ist ein geeigneter Ort für eine Erinnerung an Bertha von Suttner, denn er hatte für sie eine besondere Bedeutung. Einerseits als Projektionsstätte ihrer Hoffnungen und Sehnsucht: „Zur Staette, wo der Frieden geboren werden soll!“, schrieb sie am 15. Mai 1899 vor ihrer Reise zur 1. Haager Friedenskonferenz überschwänglich in ihr Tagebuch. Andererseits als Ort zweier Friedenskonferenzen und Sitz des ersten Schiedshofes im Vredespaleis, der vom schottischen Stahlmagnaten und sozial- wie friedenspolitisch engagierten Philanthropen Andrew Carnegie finanziert wurde und heute zusätzlich den Internationalen Gerichtshof als oberstes Rechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen beherbergt. Bertha von Suttner, die mit Carnegie in Verbindung stand und von ihm finanziell unterstützt wurde, war zur Eröffnung 1913 des Friedenspalastes eingeladen.

Es war ein ganzer Strauß an Aktivitäten, die Petra Keppler, Leiterin des kürzlich in Den Haag gegründeten privaten Bertha-von-Suttner-Friedensinstituts, neben der Geburtstagsfeier auf die Beine gestellt hatte: u.a. ein Seminar „Friends of Bertha“, einen Vortrag im Friedenspalast von Peter van den Dungen (m.E. der kenntnisreichste lebende Historiker europäischer Friedensgeschichte und -aktivitäten), einen von diesem geführten Spaziergang zu Friedensstätten in Den Haag sowie zwei Theateraufführungen. Die österreichische Schauspielerin und Historikerin Anita Zieher schlüpfte in die Rolle einer wiederbelebten Bertha von Suttner und gab in einem Interview sowie im Dialog mit dem Publikum Auskunft über ihre Meinung zur heutigen Lage und daraus folgenden Handlungsanforderungen. Finanziell und teilweise auch personell unterstützt wurden die Veranstaltungen von der österreichischen Botschaft in Den Haag, der niederländischen Carnegie-Stiftung und der Bibliothek des Friedenspalastes. Grußbotschaften sandten u.a. die Bürgermeister von Den Haag und Prag, der französische Präsident Macron und der Präsident des Europaparlaments Antonio Tajani.

 

Eine epochale Gestalt wie Bertha von Suttnerfasziniert heute noch KünstlerInnen: Anlässlich der Feier wurden zwei neue Suttner-Büsten enthüllt, ein US-Schriftsteller berichtete von seinem Projekt eines Ro-mans über Suttner, ein Audiobuch des Wiener Musikproduzenten Stefan Frankenberger mit Musik und Texten Suttners (gelesen von österreichischen Soldaten) wurde vorgestellt.

Mit Susanne Jalka und anderen hat Frankenberger die „Friedensbim“ ins Leben gerufen, die mit Musik, Literatur und Handlungsanregungen mehrere Stunden kostenlos durch die zentralen Ringstraßen Wiens rollt; im April 2018 fuhr die von den Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellte „Bim“, wie die Straßenbahn in Wien genannt wird, zum vierten Mal seit 2014.

Berichtet wurde auch über die Aufstellung einer Büste 2017 in Graz durch den karitativen Verein „Mutter Teresa“ sowie 2013 einer Stele auf dem Bertha-von-Suttner-Platz in Bonn auf Initiative des Frauennetzwerks für Frieden. Auf dessen Webseiten findet mensch eine innovative Einheit „Lernen mit Bertha“, in der ausführlich die Themen Bertha von Suttner, der Friedensnobelpreis und die Zusammenhänge von Gewalt, Frieden und Konflikt aufbereitet sind.Die iranische Grafikdesignerin Behnaz Monfared (sie hat u.a. eine Ausstellung von Antikriegsplakaten im Teheraner Friedensmuseum organisiert) bemüht sich, die Person und Botschaft Bertha von Suttners im Iran bekannt zu machen, indem sie Suttners Porträt und ausgewählte Zitate auf Postern mit traditionellen iranischen Mustern anbringt. In Tiflis, wo Suttner von 1882 bis 84 mit ihrem Mann lebte, wollen AktivistInnen das leer stehende Haus von damals erwerben und in eine Gedenkstätte und ein Zentrum für Friedensaktivitäten in Georgien und im Kaukasus verwandeln.

 

In Den Haag war Suttner weitgehend vergessen;erst private Initiativen (u.a. von Eveline Blitz) führten im August 2013 zur Enthüllung einer Büste im Friedenspalast anlässlich der 100-Jahr-Feier seiner Eröffnung und zu einer Text-Comic-Serie in einem Lokalblatt, die inzwischen als Büchlein (Bertha von Suttner at the Cradle of World Peace) vorliegt.

Ähnlich war es in Norwegen, der Heimat Alfred Nobels. Ein Buch der Journalistin und Schauspielerin Anne Simensen über die Beziehung zwischen Bertha von Suttner und Alfred Nobel sowie die Entstehung des Friedensnobelpreises (2012; eine englische Version erschien 2018) sowie Lesungen und eine Ausstellung haben das ein wenig verändert.

Zu entdecken bleibt Suttner u.a. in Russland, obwohl ihr Roman „Die Waffen nieder!“ und weitere ihrer Publikationen im Russland vor 1914 durchaus rezipiert wurden und sie vielfältige Kontakte zu namhaften russischen Persönlichkeiten hatte, die mit dem Friedensgedanken sympathisierten. Nachzulesen ist das in der 2012 erschienen kenntnisreichen Studie „Bertha von Suttner und Russland“ von Valentin Belentschikow, einer gründliche Überarbeitung seiner 1974 in Leningrad angefertigten Dissertation.

 

Bertha von Suttner war eine Frau voller Lebensfreude,gebildet, stets neugierig und offen für neue Erkenntnisse und gleichzeitig eine disziplinierte Arbeiterin. Sie vereinte in sich Visionen mit nüchterner Analyse gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen und sie lebte mit Widersprüchen: hier die rastlose Aktivistin, die ihr Leben buchstäblich der einen Sache widmete, dort die Baroness, die sich ihrer gesellschaftlichen Herkunft durchaus bewusst war und Wert auf entsprechende Lebensumstände legte. Suttner hat sich den Brüchen und Erschütterungen in ihrem Leben (z.B. die Zurückweisung der jungen Bertha als niedrige Adelige durch die aristokratische Gesellschaft) gestellt und aus ihnen positive Energie für ihr persönliches Wachstum gewonnen, wie Susanne Jalka in ihrem Seminarbeitrag herausarbeitete. Frieden zu schaffen und gestalten, das erfordere die Annahme von Widersprüchen und die Transformation von Konflikten in konstruktive Energie.

Dass Bertha von Suttner auch eine begnadete Netzwerkerin war, die es verstand, eine große Zahl von Freundschaften und engeren Bekanntschaften zu knüpfen und zu pflegen, zeigte Peter van den Dungen in seinem Vortrag „101 Friends of Bertha von Suttner“. Suttner war (modern ausgedrückt) geschickt in ihrer Selbstvermarktung und organisierte erfolgreich beträchtliche finanzielle Unterstützung für ihre Aktivitäten durch Philanthropen wie Carnegie, Nobel, den Bankier Eduard de Neufville oder den Möbelfabrikanten Alexander Fischel. Neben vielen bekannten FriedensaktivistInnen gehörten zu ihrem Netzwerk auch bekannte Politiker und Diplomaten.

Ihre zentrale Botschaft, so Peter van den Dungen, hätte Suttner heute umformuliert in „Die Nuklearwaffen nieder!“. Daran knüpfte am Nachmittag des 9. Juni Marzhan Nurzhan (Kasachstan) mit einem flammenden Appell zur Unterzeichnung des Vertrags zum Verbot von Atomwaffen an, nachdem zuvor der ehemalige österreichische Präsident Heinz Fischer gesprochen hatte. Nurzhan, die u.a. das Abolition 2000 Youth Network repräsentiert und mit den ParlamentarierInnen für atomare Abrüstung arbeitet, erinnerte an die Verwüstungen und Spätfolgen der Atomtests in Semipalatinsk in ihrem Heimatland und rief zum Handeln auf: „Ich glaube an die Kraft der Menschen, wenn sie zusammenarbeiten“.

 

So richtig es ist,dass von Atomwaffen eine besondere Gefährdung ausgeht und dass Bertha von Suttner in diversen Schriften (Rüstung und Überrüstung; Die Barbarisierung der Luft) vor der fortschreitenden Vernichtungswirkung moderner Waffen warnte: Ich habe Peter van den Dungen widersprochen. Die Aufforderung Suttners auf Atomwaffen zu beschränken, würde den Kern ihrer Botschaft entschärfen.

Auch wenn Bertha von Suttner Verteidigungskriege (noch) akzeptierte, ist ihre zentrale Botschaft radikal: Die Menschheit muss aus der Gewaltspirale ausbrechen, Rüstungen durch das Recht und entsprechende In-
stitutionen ersetzen, wenn sie in Frieden und nicht im permanenten (Vor-)Kriegszustand leben will. Das ist der Stachel, den sie den Mächtigen entgegen hielt und den sie an uns weitergegeben hat. Anders ausgedrückt lautet die Botschaft: Wenn Menschen Kriege vorbereiten und führen können, können sie auch institutionelle Regelungen für nicht-militärische Konfliktbearbeitung und -vorbeugung schaffen. Peter van den Dungen nahm meinen Widerspruch im Gespräch positiv auf.

Die Deutsche Friedensgesellschaft hat zu Bertha von Suttner eine besondere Beziehung, wurde sie doch von ihr in Zusammenarbeit mit Alfred Hermann Fried 1892 gegründet. Auch für die heutige DFG-VK ist Suttner wichtig, da viele ihrer Erkenntnisse und Forderungen nach wie vor aktuell sind. Nachzulesen ist das auf der Webseite der Bertha-von-Suttner-Stiftung in meinem Beitrag zum Haager Seminar „Friends of Bertha“. (http://bertha-von-suttner-stiftung.de/175.html)

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