Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Im Frühjahr 1985 war ich als Kriegsdienstverweigerer zwei Monate bei der Bundeswehr inhaftiert. 23 Stunden am Tag in einer Einzelzelle, das Bett tagsüber hochgeklappt und in der Wand verschlossen, eine Stunde „Hofgang“. Weil ich ein Shirt trug mit dem Slogan „Weg mit der Wehrpflicht. Verweigert total!“ und verziert mit dem zerbrochenen Gewehr, hatte der Bataillonskommandeur angeordnet, dass ich mich nicht zwischen den Kasernengebäuden bewegen durfte.
Unter Bewachung eines Soldaten spazierte ich deshalb beim täglichen Hofgang zwischen den Panzerhallen im technischen Bereich umher. Ziemlich am Anfang war einer meiner Begleiter ein junger Wehrpflichtiger, der Kommunist war. Auf meine Frage, warum er nicht verweigert habe, erklärte er mir, dass er schießen lernen wolle, weil das bei einer Revolution wichtig werden könnte, und dass man die Waffen nicht den Rechten überlassen dürfe.

An diese Begebenheit fühlte ich mich erinnert, als der Artikel „Zu den Waffen, Genossen“ Mitte Juni in der linken Wochenzeitung Jungle World erschien, in dem Lena Rackwitz eine „Volksbewaffnung“ und die „Wiedereinführung der Wehrpflicht“ forderte.

Mit der Wehrpflicht-Forderung befindet sie sich in illustrer Gesellschaft: Die AfD hatte die in ihrem Wahlprogramm stehen, von vielen aus CDU/CSU ist bekannt, dass sie die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 für einen Fehler halten, den sie am liebsten rückgängig machen wollen.

Jüngst sprach sich nun auch der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff für die Wiedereinführung Wehrpflicht aus. Wallraff, immerhin in den 1960er Jahren bekannt geworden durch kritische Texte über seine Zeit bei der Bundeswehr und Autor des 1976 erschienen Buches „Befehlsverweigerung. Die Bundeswehr- und Betriebsreportagen“, plädierte im Gespräch mit dem Deutschlandfunk auch für ein „verpflichtendes soziales Jahr für Männer und Frauen.“

Höchste Zeit also, das Thema Kriegsdienstverweigerung und Militärdienstzwang wieder gründlicher auch in der DFG-VK zu diskutieren.

Wir dokumentieren dazu den angesprochenen Artikel aus der Jungle World. Bernd Drücke, DFG-VK-Mitglied und Redakteur der Graswurzelrevolution hatte für die darauffolgende Ausgabe eine ausführliche Antwort verfasst, die allerdings nur gekürzt veröffentlicht wurde. Hier erscheint sein Text in voller Länge sowie ein – in der Jungle World nicht veröffentlichter – Leserbrief von Gernot Lennert zum „Zu den Waffen, Genossen“-Text.

Stefan Philipp

 

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