Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Aktions-Auswertung

Rückblick auf die "Crytek"-Kampagne

Gegen die Zusammenarbeit des Videospielherstellers mit Rüstungskonzernen

Von Michael Schulze von Glaßer

Relativ spontan startete die DFG-VK im Frühjahr 2017 eine kleine, aber gezielte Kampagne gegen die Kooperation des Videospielherstellers „Crytek“ mit Rüstungskonzernen (siehe ZivilCourage Nr. 2/2017). Diese Kampagne ist nun beendet. Grund genug, danach zu fragen, was gut geklappt hat und was misslungen ist. Und eine solche Auswertung ist beispielgebend. Denn häufig nehmen sich Aktive zu wenig Zeit für einen gründlichen Rückblick auf ihre Projekte. Dabei könnte gerade eine kritische Bewertung bei der Planung zukünftiger Aktivitäten hilfreich sein.

 

Es war nicht nur das politische Ziel, den Videospielhersteller „Crytek“ aus der Rüstungsbranche zu drängen, das Simon Kiebel von der DFG-VK-Gruppe Kassel, ein junges Mitglied der DFG-VK-Gruppe Stuttgart und mich im Februar 2017 dazu bewog, die Kampagne ins Leben zu rufen. Wir wollten auch einmal ausprobieren, ob wir mit solch einem „modernen“ Thema auch junge Leute erreichen und für die Arbeit der DFG-VK interessieren können. Nun – fast zwei Jahre nach ihrem Beginn – ist die „Crytek“-Kampagne beendet. Einiges hat sehr gut geklappt, Anderes eher mittelmäßig und manche Sachen gar nicht – Zeit, eine ehrliche Bilanz zu ziehen, um das Wissen in zukünftige Kampagne mitzunehmen.

 

Gut. Zwar waren wir inhaltlich bereits im Thema, dennoch war der Kampagnenstart sehr spontan, da mit der Nominierung „Cryteks“ für den „Deutschen Computerspielpreis“ bereits im April 2017 eine gute Möglichkeit bestand, unser Anliegen zu veröffentlichen. Schnell wurde ein fünfstufiges Konzept entwickelt, eine Website sowie für junge Menschen sehr ansprechend gelayoutete Materialen (Flyer, Aufkleber, Plakate und Online-Motive) erstellt. Die Geschwindigkeit und die Qualität, in der all das geschah, war sehr gut. Die Infrastruktur unseres Verbands hat dies möglich gemacht: Eine Website (www.CRYTEK.DFG-VK.de) wurde von unserem IT-Experten und Bundessprecher Ralf Buchterkirchen schnell eingerichtet, unser Zeichner „Findus“ entwarf das Kampagnen-Motiv, die inhaltliche Arbeit machten wir vom Kampagnen-Team – und das sehr „basic“. Denn zunächst gaben wir dem Ziel unserer Kampagne die Möglichkeit, sich zu äußern: Wir schrieben „Crytek“ Briefe mit Fragen zu ihren Kooperationen mit Rüstungsunternehmen und später auch unsere Forderungen – das Unternehmen hatte die Möglichkeit, der für es negativen Kampagne zuvorzukommen, reagierte aber nicht. Da es nicht mit uns sprechen wollte, mussten es „fühlen“ – etwa in Form von fünf gelungenen Aktionen im Rahmen der Kampagne.

Nach der Protestaktion bei der Vergabe des Computerspielpreises in Berlin im April 2017 gab es gleich im Mai eine Aktion vor der Rüstungsmesse Itec in Rotterdam. Dort waren Konzerne anwe-send, die ihre militärischen Schieß- und Trainingssimulatoren mit Software von „Crytek“ betreiben – wir sagten: „Military, leave our Games alone“. Im Juni folgte eine Protestaktion am Firmensitz von „Crytek“ in Frankfurt am Main, da das Unternehmen die Proteste bis dahin – und leider auch danach – ignorierte. Neben dem direkten Protest, der vor allem darauf abzielte, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens zu sensibilisieren, was laut Aussage eines Mitarbeiters durchaus gelang und die Kooperation mit Rüstungskonzernen firmenintern auch zu Diskussionen geführt haben soll, gab es auch eine spektakuläre nächtliche Licht-Installation, die von den Medien aufgegriffen wurde. Im August 2017 war „Crytek“ dann Thema unseres Protests vor der Videospielmesse „gamescom“ in Köln. Als eine „Crytek“-Spielfigur verkleidet verteilte Benno Malte Fuchs von der DFG-VK Köln (und mittlerweile einer unserer Bundessprecher) Tausende „Make Games – Not War“-Plakate und Aufkleber an das junge Publikum. Die Materialien wurden ihm nahezu aus der Hand gerissen und waren schnell aus.

All diese Aktionen wurden von uns medial begleitet – von vier der Aktionen gibt es sogar Videos, die auf YouTube und Facebook bzw. unserer Kampagnen-Website zu finden sind. Auf der Website sind zudem Pressemitteilungen und Fotos abrufbar. Die Kampagne hat sogar einen eigenen Video-Trailer und ein knapp 13-minütiges Hintergrund-Video, welches für DFG-VK-Verhältnisse häufig abgerufen wurde.

Gut war auch, dass es uns drei jüngeren DFG-VK-Aktiven überhaupt ermöglicht wurde, die Kampagne zu machen: Der Bundessprecherinnen und -sprecherkreis befasste sich mit dem Konzept und gab „grünes Licht“ (da die Kampagne – wie schon geschrieben – sehr kurzfristig anberaumt wurde, hat sich der Bundesausschuss vorab nicht mit ihr befassen können). Diese Möglichkeit und das Vertrauen zu haben, ist eine große Stärke unseres Verbands – wenn man etwas anstoßen will, findet man dafür offene Ohren, bekommt Hilfe und durchaus auch die Finanzmittel dafür. Mit insgesamt etwa 1.500 Euro waren die Gesamtkosten für die Kampagne im Vergleich zu anderen Kampagnen der Friedensbewegung allerdings auch gering.

 

Mittelmäßig. Die öffentliche Wahrnehmung der Kampagne war ausbaufähig: Der erhoffte Paukenschlag mit der Aktion beim „Deutschen Computerspielpreis“ blieb aus. Zwar folgten später Berichte in einigen Videospiel-Medien, „viral“ wurde die Kampagne aber leider zu keinem Zeitpunkt – dabei war sie durch ihre provokanten Aktionen durchaus darauf ausgelegt. Zwar war uns bewusst, dass die „Gemeinde“ Videospiel-Interessierter eher wenig politisch ist, die Industrie jede Kritik unterbinden will und auch die Journalistinnen und Journalisten der Fachmedien mit Politik wenig anfangen können, doch dass selbst die Medien des „New Games Journalism“, der Videospiele als Medium und die Industrie dahinter ernster behandelt, nicht auf die Kampagne angesprungen sind, war enttäuschend – und eine Fehleinschätzung unsererseits. Es gab schlicht keine kritische Masse an Menschen, die auf unsere Kampagne gewartet hat. Immerhin: Die wenigen Medienberichte, die es zur Kampagne gab, waren nicht negativ und dürften „Crytek“ erreicht und den Druck auf das Unternehmen erhöht haben. Hoch genug war dieser aber nicht.

Das politische Ziel, „Crytek“ aus der Rüstungsbranche zu drängen bzw. seine Geschäfte mit Rüstungskonzernen zu beenden, wurde nur teilweise erreicht – und das auch eher nicht aufgrund unserer Kampagne. Die Software des Unternehmens hat sich für die Verwendung in Militärsimulatoren schlicht nicht durchgesetzt – die eines anderen Videospielherstellers („Bohemia Interactive“ aus Prag, Tschechien) hingegen schon. Im Vergleich zur Zeit des Kampagnenstarts spielt „Crytek“ in der Rüstungsbranche heute kaum noch eine Rolle, Zumal das Unternehmen 2017 in wirtschaftliche Schieflage geriet und sich extrem verkleinern musste. Dies war auch der Grund, weshalb die Kampagne 2018 nur noch schleppend lief bzw. kaum mehr Aktivitäten stattfanden: „Cryteks“ Relevanz ist mittlerweile einfach sehr gering. Statt die Kampagne aber rechtzeitig – und vielleicht nochmal mit Medienaufmerksamkeit – zu beenden, wurde sie bis jetzt „mitgeschleift“.

 

Schlecht. „Crytek“ hat – das muss man wohl zugeben – genau richtig auf unsere Kampagne reagiert,  nämlich gar nicht. Keiner unserer drei per Einschreiben verschickten und angenommenen Briefe an das Unternehmen führte zu einer Antwort oder einer anderen Reaktion. Und da die Presse, wie bereits geschildert, kaum auf das Thema ansprang, fragten auch keine Journalistinnen oder Journalisten kritisch bei „Crytek“ nach. Zudem fehlten uns die Kapazitäten, weiter nachzusetzen und Druck – etwa in Form von Pressemitteilungen – zu machen. So sind etwa einige Geschäftsdaten des Unternehmens öffentlich abrufbar, und in den vielen Zahlen steckt sicher das ein oder andere Skandalpotenzial – etwa Geschäfte mit umstrittenen Rüstungskonzernen. Doch fehlten uns für die Auswertung Zeit und Kraft, so wie es in der auf ehrenamtliche Arbeit basierenden Friedensbewegung leider oft der Fall ist. Es fehlte schlicht ein Campaigner oder eine Campaignerin bzw. das Geld dafür. Zwar war die Kampagne von Beginn an als „klein, aber fein“ geplant, um wirklich Wirkung zu entfalten hätte sie aber wohl größer sein müssen.

Damit verbunden gewesen wäre dann auch das Thema „Bündnisarbeit“: Dem spontanen Beginn der Kampagne war es geschuldet, dass sie allein von der DFG-VK durchgeführt wurde. Dies hatte zwar den Vorteil, schnell handeln zu können, und da nur unsere Organisation auf den Materialien usw. standen, konnten wir als DFG-VK uns bei diesem Thema profilieren. Allerdings war die Schlagkraft der Kampagne dadurch eben auch sehr gering. Zwar ist fraglich, ob man für dieses spezielle Thema überhaupt Bündnispartnerinnen und -partner hätte finden können, doch wurde nicht einmal der Versuch gestartet. Mit mehr „Manpower“ hätten wir mutmaßlich auch noch mehr Druck erzeugen können.

Doch nicht nur bei der Realisierung des inhaltlichen Ziels der Kampagne gab es Defizite, sondern auch beim anfangs erwähnten Versuch, junge Leute über das Thema anzusprechen: Wir haben mit dem Thema der Kampagne und ihrer Ausrichtung sicher mehr junge Menschen erreicht als mit anderen „traditionellen“ Themen und Kampagnen der deutschen Friedensbewegung. „Hängengeblieben“ sind die jungen Menschen bei uns aber nicht. Es gab keinen erkennbaren Aufschwung neuer und oder junger Mitglieder aufgrund der „Crytek“-Kampagne. Wenngleich es doch erfreulich war, bei anderen friedenspolitischen Aktionen – etwa bei einem „Lebenslaute“-Protestkonzert am Fliegerhorst Jagel in Schleswig-Holstein – plötzlich junge, nicht in der DFG-VK organisierte Friedensaktivistinnen und -aktivisten mit Buttons oder Aufklebern unserer Kampagne zu sehen. Zumindest die jungen Leute, die in anderen Friedensgruppen aktiv sind, scheinen die Kampagne wahrgenommen zu haben.

Anders sieht das innerhalb der DFG-VK aus: Natürlich war die Kampagne nicht darauf ausgelegt, Massenproteste hervorzurufen, dennoch fand sie innerhalb des Verbands kaum Widerhall, und kaum jemand außerhalb des Kampagnen-Teams und der an den Aktionen beteiligten Aktiven arbeitete mit den Flugblättern und anderen Kampagnen-Materialien. Das ist – dass sei hier deutlich gesagt – kein Vorwurf an die sonst Aktiven im Verband, sondern eine an uns selbst gerichtete Kritik. Die Relevanz des – durchaus komplizierten – Themas und die Möglichkeit, eine eher unterrepräsentierte Zielgruppe zu erreichen, konnten wir verbandsintern nur ungenügend vermitteln.

Und noch etwas war schlecht: Es gab keine Petition, mit der Videospielerinnen und -spieler bzw. Interessierte „Crytek“ auffordern konnten, nicht mehr mit Rüstungskonzernen zu kooperieren. Der Grund dafür war die Erfahrung, dass die Zielgruppe schwer für so etwas zu mobilisieren ist und dass Petitionen vom Kampagnen-Team als doch etwas „altbacken“ bewertet wurden. Aus heutiger Sicht wäre eine solche Partizipationsmöglichkeit wichtig gewesen – wenn sie auch nicht (wie bei vielen anderen Kampagnen aus der Friedensbewegung) „alles“ hätte sein sollen. Auch wenige Unterschriften können den Druck erhöhen, und gerade Unternehmen reagieren – im Gegensatz zu staatlichen Stellen – sensibel darauf, wenn sich potenzielle Kundinnen und Kunden namentlich gegen sie stellen. Dies hätte bis zu einem Boykott von „Crytek“-Spielen gehen können.

 

Fazit. Diese Bilanz ist natürlich die eines „Insiders“ – von „außen“ fällt sie vielleicht anders aus, und wir vom Kampagnen-Team sind für Kritik dankbar. Die „Crytek“-Kampagne war ein Testballon, der uns und hoffentlich der ganzen DFG-VK gewinnbringende Erkenntnisse geliefert hat:

Die Kampagne war gut strukturiert und aufgebaut, die Planungsphase jedoch zu kurz, um die Kampagne auch mit Schlagkraft auszustatten. Mehr Geduld und also eine längere Planung eventuell sogar mit Bündnispartnerinnen und -partnern wäre gut gewesen.

Eine auch noch so gut gestaltete Kampagne bringt wenig, wenn es keinen „Resonanzboden“ in Öffentlichkeit und besonders Medien gibt, die an dem Thema interessiert sind.

Das politische Ziel, „Crytek“ dazu zu bewegen, seine Software nicht mehr an Rüstungskonzerne zu verkaufen, wurde durch die Kampagne nicht erreicht (allerdings wird „Crytek“-Software aus anderen Gründen kaum noch in militärischen Trainingssimulatoren verwendet, so dass das Ziel gewissermaßen doch erreicht wurde).

Mit der Kampagne konnten junge Menschen erreicht werden – allerdings nicht nachhaltig. Es fehlten etwa Partizipationsmöglichkeiten wie eine Unterschriftenliste.

 

Die Bilanz der Kampagne ist durchwachsen. Erkenntnisse aus ihr flossen im Frühjahr 2018 allerdings bereits in die Proteste gegen die Militär-Simulatoren-Messe Itec (siehe ZivilCourage Nr. 4/2018, Seite 12 ff.) – und die waren sehr erfolgreich!

 

Michael Schulze von Glaßer ist politischer Geschäftsführer der DFG-VK.

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