Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Welche Zukunft will die DFG-VK haben?

Fragen und Vorschläge zur Weiterentwicklung der DFG-VK

Von Tobias Damjanov

 

 

Offene Grundsatzfragen.So wichtig die Aktionsorientierung der DFG-VK auch für mich ist: Ich bin überzeugt, dass wir allein damit nicht die hinreichend notwendige Politikbefähigung unseres Verbandes erreichen. In der Öffentlichkeit auffallen ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist es, von unseren Gegnern in Regierung und Wirtschaft auf Augenhöhe behandelt zu werden. Das wäre Politikbefähigung. Und von der sind wir meilenweit entfernt.

Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir die Umfragewerte zu Rüstungsexporten, Auslandsein-sätzen, Atomwaffen als wirklichen Erfolg umdefinieren. Kriege und Waffenpotenziale sind nicht weniger geworden, und derartige Umfragen wirken sich nicht auf das Verhalten der Bundestagsparteien aus, von der Linken vielleicht einmal ein wenig abgesehen. Allein eine Vermehrung von Infoständen, Demos, Vortragsveranstaltungen, Presseerklärungen, „likes“ unter Facebook-Postings usw. wird nicht ausreichen, um wirksame Entscheidungen in unserem Sinne zu erzielen. Was uns besonders fehlt, sind - inner- (Mitgliederentwicklung) wie außerverbandlich (Bündnispolitik) - strategische Konzepte, die nicht nur beschlossen, sondern auch praktiziert werden.

Unser politisch-pazifistischer Anspruch: Wie stellen wir uns ein pazifistisches Deutschland vor? Wie stellen wir denen, die wir von unseren grundsätzlichen Zielen überzeugen wollen, das konkrete Aussehen einer Gesellschaft vor, die auf Waffenexporte und Rüstungsproduktionen verzichtet, die sich keine Armee mehr leistet – und die stattdessen was macht? Als Zielbestimmung reicht es nicht, eine Welt ohne Waffen und Krieg nur zu fordern, sondern wir müssen die Wege dorthin und v.a. die zukünftige Gesellschaft auch nachvollziehbar beschreiben können, an der Umgestaltung der Grundwertestimmung in unserem Land arbeiten.

„Utopien“ sind von unseren Gegnern absichtlich negativ besetzt. Weil sie eine tiefsitzende Angst vor solchen Utopien haben. Je konkreter pazifistische Utopien würden, desto mehr müssten sie befürchten, dass ihnen ihr profitbringender, menschenverachtender Militarismus Schritt für Schritt abgerungen wird. Warum verzichten wir auf diese schärfste gewaltfreie Waffe und „beschränken“ uns nur auf Verhinderungsforderungen? Die riesige Aufgabe heißt: Unsere Utopien müssen positiv rüberkommen. Wie gelingt es uns, eine Verbandsstrategie, eine Verbandsphilosophie zu entwerfen, die ein pazifistisches Deutschland zum Ziel hat?

 

Was zählt die/der Einzelne im Verband? Die DFG-VK hat es verstanden, individuelle Überzeugung (der KDV-Akt) mit kollektivem Handeln (gemeinsam für Abrüstung und Frieden) zu verquicken. Das ist „das Gute“ an der DFG-VK, eines ihrer Alleinstellungsmerkmale: Ich möchte aus meiner Überzeugung, ein politischer Pazifist zu sein, etwas Sinnvolles machen, aber nicht allein für mich.

Ich habe erleben müssen, dass selbstemanzipatorische Grundsatzdiskussionen, politischen Pazifismus zu qualifizieren, in einer nachgerade bürokratischen Verwaltungsmentalität, wie ich jetzt die nächste Aktion am besten organisiere usw., erstickt werden. Und nicht zuletzt nehme ich Theoriefeindlichkeit im Verband wahr. Warum beschäftigen wir uns nicht mit Denkmodellen zur Realisierung unserer Utopien, warum nutzen wir nicht das geistige Potenzial all derjenigen im Verband und seinen Bündnisrändern, deren individueller Lebensgestaltung es ansonsten nun mal nicht (mehr) entspricht, hinter einem Info-Tisch zu stehen oder an hamsterradähnlichen Org-Sitzungen teilzunehmen, bei denen eine*r spricht und die wenigen Anderen erklären müssen, warum sie keine Zeit haben.

Konkrete Vorschläge. Die so genannte „Einbindung“ jüngerer Mitglieder über U-35-Treffen, im Bundesausschuss und nun auch als BSK-Mitglieder sowie eine offenbar nicht mehr negative Mitgliederzahlen-entwicklung sollten nicht über die Gefahr hinwegtäuschen, dass hier nur der Aktivenstamm verjüngt wird und ansonsten alles so weiter geht wie bisher. Uns fehlen systematische Kommunikations- und Austauschmöglichkeiten, die sowohl unseren Inaktiven wie Neueingetretenen die Möglichkeit bieten, sich mit ihren ureigenen Ideen zu Wort zu melden; es fehlen Vermittlungsangebote zwischen alt und jung, zwischen erfahren und weniger erfahren.

 

Zum Bundesausschuss (BA)

Der BA sollte zuvörderst ein Gremium sein, das zwischen den Bundeskongressen politische Entwicklungen, die das Verbandsanliegen betreffen, analysiert und daraus Entscheidungen/Empfehlungen für die Verbandspolitik ableitet und beschließt. Die Vermittlung von Fachinformationen ist allenfalls ein Nebengleis.

Jede/jeder, die/der von einem Bundeskongress (Buko) in eine bundesverbandlich relevante Funktion gewählt wird, muss auch Vollmitglied des BA sein. Damit meine ich die vom Buko gewählten Vertreter*innen wie den internationalen Sprecher der DFG-VK, den Vertreter der DFG-VK im BSV, die Vertreter*innen für Antiatomwaffenarbeit, usw.

Der BA braucht einen geschäftsführenden Ausschuss, der (a) rechtzeitig (!) die Tagesordnungen erarbeitet, (b) für die zeitnahe Veröffentlichung von BA-Beschlüssen innerhalb des Verbandes Sorge trägt, (c) ex-
trem aktuelle Entwicklungen in den BA einbringt. Die gegenwärtige Praxis grenzt an Stümperei.

Dieser Ausschuss sollte aus BA-Mitgliedern bestehen, die arbeitsmäßig nicht so stark belastet sind wie Hauptamtliche und BSK-Mitglieder

1-2 Tage nach jeder BA-Sitzung wird an Gruppen und Aktive eine Kompaktinfo gemailt, die nur basisrelevante BA-Beschlüsse zusammenfasst. Darauf zu setzen, dass Landesverbände und/oder BSK das von sich aus tun (und wann?), ist zu unstrukturiert und im schlimmsten Fall zufallsorientiert.

 

Zum Bundessprecher*innenkreis

Wenn eine Mehrheit im Verband der Meinung ist, der BSK sollte so weiter arbeiten wie bisher, reicht ein solcher BSK aus Bundespressesprecher*in, Bundesgeschäftsführer*in und Bundeskassierer*in, denn alle anderen bisherigen BSK-Mitglieder arbeiten wie Sachreferent*innen zu Einzelthemen, wozu es völlig reicht, wenn sie dem BA angehören (s.o.). Ein Dreier-BSK ist außerdem kostengünstiger und arbeitseffizienter (Terminabsprachen, Reaktionsschnelligkeit).

Sollte sich aber der BSK in erster Linie mit strategischen Grundsatzfragen des Verbandes beschäftigen und diese sowohl für Entscheidungsfindungen von BA und Buko aufbereiten als auch Orientierungsvorschläge für die Verbandsbasis ableiten, wäre ein Bundesvorstand mit Sachreferent*innen (zu denen auch die bisher einzeln vom Buko Gewählten gehören müssten, die bis dato ohne jegliche Bundesgremienanbindung arbeiten) überlegenswert. Die thematischen Zuordnungen wären eindeutig und vom Buko beschlossen, womit auch die Qualifikation der jeweiligen Kandidat*innen für das jeweilige Sachgebiet klarer nachzuvollziehen wäre, aus deren Bündelung die systematische Erarbeitung von Zukunftsvorstellungen und eo ipso Politikbefähigung eher zu erarbeiten wäre.

 

Zum inhaltlichen Zusammenhalt

Innerverbandliche Weiterbildung: Schulungsangebote für die Gruppenpraxis (wie werbe ich neue Mitglieder? Wie führe/gestalte ich eine Ortsgruppe?), besonders Angebote, wie man Gruppenmitglieder (Inaktive!) anspricht und was alteingesessene Mitglieder an „die Jungen“ weiterzugeben haben wie auch umgekehrt (!), Aufarbeitung von Grundsatzpositionen (was ist politischer Pazifismus?).

Das Ost-West-Gefälle in der DFG-VK: Mit der unterschiedlichen Historie von BRD und DDR gerade im Hinblick auf Friedensbewegung sind bis heute deutliche Unterschiede für das Auftreten der DFG-VK gegeben. Es geht nicht um ein Kopieren von West nach Ost, sondern um die Entwicklung eines längst überfälligen Problembewusstseins, dass unsere Freundinnen und Freunde „im Osten“ unter reichlich anderen Voraussetzungen die Fahne der DFG-VK hochzuhalten bereit sind als „wir im Westen“. Überlegenswert erscheint hier ein „Ost-West-Austauschforum“, denn das Grundproblem wird nicht dadurch gelöst, dass Ost-Vertreter*innen in Bundesgremien vertreten sind.

Innerverbandliche Vernetzung: Nur eine kleine Zahl von Aktiven plus auch nicht alle gewählten Funktionär*innen auf Landes- und Bundesebene sind an bestimmten Informationsflüssen beteiligt. Warum nicht lan-desverbandsübergreifende Diskussionsrunden, gegenseitige Besuche von Landeskonferenzen oder auch beschlussfreie Arbeitstreffen von Landesverbandsvertreter*innen zwischen den BA-Sitzungen? Die Telefonitis einiger weniger untereinander reicht da überhaupt nicht, weil sie einen „inner circle“ bilden, aus dem viel zu häufig nur geschlossen gefertigte Meinungen nach außen dringen, wenn überhaupt. Motivation zum Handeln erwächst aus der Eigenbeteiligung an Entscheidungen. Verantwortung lässt sich nicht von anderen für andere beschließen, sondern ist immer Ausdruck selbstemanzipatorischer Willensbildung.

 

Ein Epilog, der ein Prolog ist. Steht auf, meldet euch zu Wort, sagt, was die DFG-VK besser machen soll. Gremien sind immer nur so gut, wie es ihre Basis ist. Schon woanders „zu sehr“ aktiv? Kennen eure jeweiligen Mitstreiter*innen die Grundsatzerklärung der WRI? Fordert die DFG-VK, eure Mitgliedsorganisation, heraus, euch zu unterstützen.

 

Tobias Damjanov ist seit über 40 Jahren in verschiedenen Funktionen in der DFG-VK engagiert und tätig, u.a. in verschiedenen Landesverbänden und dem damaligen Bundesvorstand. Zuletzt war er Mitglied im Landesarbeitsausschuss in Nordrhein-Westfalen und von 2015 bis 2017 im BundessprecherInnenkreis. Nachdem er im Herbst 2017 aus beiden Gremien ausgeschieden ist, hat er nun in einem längeren Resümee viele Fragen formuliert und Vorschläge gemacht. Hier wird eine Kurzfassung dieser Überlegungen veröffentlicht, die zur strategischen Weiterentwicklung der DFG-VK anregen soll. Hier ist die Langfassung des Beitrags zu lesen.

 

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