Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage Nr. 4/2020

Antimilitarismus

Bauklötze statt Waffen

Chronologie und Auswertung der Lego-Kampagne

Von Michael Schulze von Glaßer

 

Am 20. Juli um 11 Uhr hatte die DFG-VK eine Kampagne gegen die geplante Veröffentlichung des ersten realen Lego-Militärsets und die Zusammenarbeit des dänischen Spielzeugunternehmens mit Rüstungsfirmen gestartet – 30 Stunden später war die Kampagne auch schon wieder beendet. Erfolgreich. Was ist passiert? Wie sah die Kampagne aus? Was hat geklappt? Was nicht? Und was kann die DFG-VK für die Zukunft daraus lernen?

 

Auf der Nürnberger Spielwarenmesse im Januar stellte Lego das für den 1. August zur Veröffentlichung bestimmte Modell „Technic 42113 Bell-Boeing V-22 Osprey“ vor. Fotos des Modells durften nicht gemacht werden, Lego-Fanmedien berichteten aber – und das teilweise mit Verwunderung, da die Osprey ein rein militärisch genutztes Flugzeug ist und Lego eigentlich den Grundsatz hat, keine realen Militärvehikel als Modelle zu veröffentlichen.

Ich erfuhr von dem Lego-Plan und begann zu recherchieren: Die Osprey ist ein modernes Kipprotorflugzeug, das mit 400 Exemplaren vom US-Militär und mit 17 bestellten Maschinen von der japanischen Armee eingesetzt wird. Zivile Nutzer*innen gibt es nicht. Bei der Air Force, der Navy und dem Marine Corps sind die Flugzeuge in allen Einsätzen mit dabei – etwa in Afghanistan, Mali und im Jemen. Besonders für Kommandoaktionen werden die senkrecht startenden und landenden V-22 verwendet. Dabei kam es bei Einsätzen auch nachweislich schon zu zivilen Toten, selbst Kinder waren unter den Opfern. Die Osprey ist meist mit einem Maschinengewehr bewaffnet, es gibt aber auch Versionen mit schwereren Waffen wie einer „Minigun“ und Pläne, das Flugzeug mit Raketen auszurüsten. Passt so ein Vehikel ins Portfolio eines Spielzeugherstellers, der hohe – und friedliche – Ansprüche an sich stellt und damit auch öffentlich auftritt?

Das wollten wir von Lego wissen und hatten noch viele weitere Fragen zu dem geplanten Modell und der Zusammenarbeit mit den echten Osprey-Herstellern Boeing und Bell. Wir schickten Lego daher am 7. Februar einen ersten Brief mit Fragen und einem Gesprächsangebot an den Firmensitz im dänischen Billund. Eine wie auch immer geartete Antwort erhielten wir nicht. Auch weitere Briefe vom 11. März und 17. April blieben ohne Reaktion. Lego ist kein kleines Unternehmen, sondern mit 5,8 Milliarden Euro die mit Abstand wertvollste Spielwarenmarke der Welt, allein 2019 machte das Unternehmen einen Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro. Dennoch (oder gerade deshalb) keine Antwort zu bekommen, war enttäuschend.

Trotzdem war es doch sehr wichtig und richtig, zunächst den Weg des Gesprächs zu suchen. Gerade für eine Friedensorganisation sollte diese Herangehensweise – so es die Zeit zulässt – immer der erste Schritt sein, der zudem die eigene Argumentation stärkt, wenn die Gegenseite nicht reagiert.

Der geplante Veröffentlichungstermin des Osprey-Modells rückte näher und der DFG-VK-Bundessprecher*innenkreis (BSK) und ich stellten sich die Frage, was wir nun machen sollten. Besonders mir lag das Thema am Herzen: Lego-Spielzeug erreicht viele, vor allem junge Menschen. Das Osprey-Set sollte eine Altersempfehlung von „11+“ haben. Unternehmen wie Boeing, das laut dem Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) mit Rüstungsverkäufen von 26,08 Milliarden Euro im Jahr 2018 der zweitgrößte Rüstungskonzern der Welt ist, versuchen mittlerweile, gezielt Kinder und Jugendliche von ihren Produkten zu begeistern, indem sie sie als Spielzeuge oder in Medien wie Filmen und Videospielen erlebbar machen. Über die Technikbegeisterung sollen die (künftigen) Steuerzahler*innen von den realen und oft sehr teuren Kriegsvehikeln begeistert werden, so dass sie ihre Anschaffung für das Militär später goutieren.

Ohne Frage spielte auch eine Rolle, dass Lego allein durch Größe und Einfluss von Relevanz ist. Eine Kampagne hatte die Chance, Aufmerksamkeit zu erregen, denn wer demonstriert schon vor Lego-Läden? Zudem gab uns eine ähnliche Kampagne von Greenpeace aus dem Jahr 2014 Hoffnung auf Erfolg. Damals mahnte Greenpeace die jahrzehntelange Kooperation von Lego mit dem umstrittenen Ölkonzern Shell an, woraufhin der dänische Spielzeughersteller schnell reagierte und die Zusammenarbeit beendete.

Der BSK und ich besprachen also, das Thema anzugehen – wenn auch nicht groß: Zwar waren bei mir corona-
bedingt Kapazitäten frei – etwa weil der „Tag der Bundeswehr“ im Juni vom Verteidigungsministerium abgesagt wurde –, das Thema ist für unseren Verband aber eher ungewöhnlich und das Interesse begrenzt, zumal die Veröffentlichung des Sets in den Sommer fallen sollte und viele sonst Aktive dann im Urlaub sind. In den – in der DFG-VK-Cloud für alle Mitglieder abrufbaren – Protokollen der BSK-Sitzungen tauchte das Thema erstmals am 20. Februar auf. In den Berichten zu den ausgefallenen bzw. virtuellen Bundesausschuss-Sitzungen stellten Kathi Müller und ich das Thema am 24. März in einem Livestream und am 2. Juli in einem Video vor. Erst im Juni wurde vom BSK beschlossen, das Thema wirklich zu einer (kleinen) öffentlichen Kampagne zu machen. Das Interesse der Aktiven am Thema war vorhanden, selbst aktiv zu werden, eher nicht. Aber das musste auch gar nicht sein: Die Kampagne wurde so geplant, dass sie vor allem medial wirken und Druck erzeugen sollte – und das möglichst international.

Unsere Kampagnenziel war: Lego solle die Kooperation mit Rüstungsfirmen beenden und keine weiteren modernen Militärmodelle herstellen. Die Forderung war nicht – das muss hier ausdrücklich gesagt werden –, das Lego-Modell gänzlich zurückzuziehen. Es wurde von uns schlicht als unrealistisch eingeschätzt, dass der dänische Spielzeughersteller das Modell so kurz vor Markteinführung noch zurückzieht; immerhin laufen die internen Planungen bei Lego für solche Modelle jahrelang, und die Sets dürften bereits einige Wochen vor Verkaufsstart bei vielen Händler*innen liegen.

 

Die Vorbereitung. Ein wichtiger Teil und de facto Argumentationsleitfaden war die von mir verfasste Studie „Bricks or Bombs? – Mit welchen Rüstungskonzernen LEGO® zusammenarbeitet, Kriegsspielzeug herstellt und damit seine eigenen Grundsätze verrät“, in der die geplante Klemmbaustein-Osprey und ihr reales Vorbild vorgestellt wurden, gezeigt wurde, wer das Flugzeug wie und wo einsetzt und warum es mit Legos eigenen Unternehmenswerten unvereinbar ist. Denn das Unternehmen Lego hat seine Leitwerte, zu denen etwa die „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen gehören, in vielen Berichten und auf seinen Websites ausformuliert und muss sich daran messen lassen. 2010 formulierte Lego eine Richtlinie zum Umgang mit Waffen und Militär und schrieb dazu in seinem Fortschrittsbericht:

„Das grundlegende Ziel ist es, realistische Waffen und Militärausrüstung zu vermeiden, die Kinder aus Brennpunkten auf der ganzen Welt kennen könnten, und bei der Kommunikation von LEGO-Produkten von gewalttätigen oder beängstigenden Situationen abzusehen. Gleichzeitig soll die Marke LEGO nicht mit Themen in Verbindung gebracht werden, die Konflikte und unethisches oder schädliches Verhalten verherrlichen.“

Unsere Studie zu diesem deutlichen Verstoß gegen die eigenen Grundsätze erschien als 16-seitige Broschüre auf Deutsch und Englisch. Da der dänische Spielzeughersteller weltweit agiert, musste auch die Kampagne international sein; alle Materialien – von der Studie über Pressemitteilungen, ein zusammenfassendes Fact-sheet sowie eine Aktionswebsite – gab es daher zweisprachig. Unser Vertreter bei der War Resisters‘ International (WRI), David Scheuing, sowie Kathi Müller übersetzten die teils langen Texte, was enorm wichtig war. Zudem setzten wir für die Kampagne fast alle unsere in den letzten Jahren entwickelten Fähigkeiten ein: Unsere IT-Experten Ralf Buchterkirchen und Jérôme Drees setzten Websites auf, wir erstellten Video-Trailer für die Kampagne, und unser Datenschutzbeauftragter Frans Valenta beriet uns dazu, wie man eine internationale Petition anstoßen könnte. Denn als partizipatives Element wurde auf Change.org eine englischsprachige Petition gestellt, mit der man von Lego forderte, keine weiteren Kooperationen mit Rüstungsfirmen einzugehen und keine weiteren Militärsets zu veröffentlichen. Auf die Plattform Change.org haben wir nach Rücksprache mit Frans Valenta zurückgegriffen, da wir mit dem System unserer eigenen Website aktuell keine eigenen Petitionen aufsetzen können und Change.org nach Kritik vor einigen Jahren in Sachen Datenschutz sehr aufgeholt hat. Alle Materialien und Informationen zur Kampagne können auf www.lovebricks-hatewar.de bzw. www.lovebricks-hatewar.com abgerufen werden.

 

Ein Element der Kampagne war natürlich auch eine Straßenaktion: Lego betreibt in Deutschland zwölf eigene Stores. Eine Aktion sollte es in der Hauptstadt geben. In Städten mit Lego-Stores, in denen wir Aktive haben, wurden diese angeschrieben und gefragt, ob sie Aktionen machen wollen; Materialien dafür wurden gestellt. Als Aktionselement diente ein etwa 90 Zentimeter hohes, aus mehreren tausend bunten Lego-Steinen bestehendes Peace-Zeichen sowie ein Kostüm einer Lego-Figur in Tarnkleidung, die mit einem Spielzeuggewehr auf das Peace-Zeichen zielen sollte. Die Aktion sollte so die drohende Militarisierung des Spielzeugherstellers symbolisieren. Dazu waren bewusst nur wenige Leute nötig, es ging vor allem darum, „gute“ Bilder für die Medien zu schaffen, und weniger darum, die Leute direkt vor den Lego-Stores zu erreichen.

Leider gab es nur wenig positive Rückmeldungen der Gruppen auf das Aktionsangebot. So waren zunächst nur Aktionen in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main geplant.

Als Startschuss für die Kampagne wurde der 20. Juli gewählt, zwölf Tage vor Veröffentlichung des Modells und damit früh genug, damit Rezensent*innen der Lego-Osprey unsere Kritik in ihre Besprechungen einfließen lassen könnten. Es gibt sowohl in Deutschland als auch international eine sehr große und aktive Lego-Fan-Community. Der größte Klemmbaustein-Youtuber in Deutschland ist „Held der Steine“ mit über 400 000 Abonnent*innen, international ist der US-Amerikaner „Jangbricks“ mit 1,23 Millionen Abonnent*innen der größte und einflussreichste Lego-Youtuber. Zudem gibt es zahlreiche deutsche und internationale Nachrichten-Websites von Lego-Fans.

Der deutschsprachigen Presse und Lego-Community habe ich unsere Studie samt Briefen einige Tage vor Kampagnenstart postalisch zugesandt, insgesamt 50 Briefe. Am Donnerstag vor der Aktion, am 16. Juli, habe ich zudem Nachrichtenagenturen nach einer vorherigen Infomail abtelefoniert, um sie dazu zu bewegen, zu den geplanten Aktionen zu kommen. Die internationale Presse sowie die Lego-Community habe ich elek-
tronisch angeschrieben. Nach Billund ging per Einschreiben eine englischsprachige Version der Studie. Bereits am Freitag vor dem Kampagnenstart meldeten sich die Redakteure zweier Lego-Fanmedien bei mir und hatten Nachfragen zu unserer Studie und der geplanten Kampagne – das Interesse war geweckt!

 

Die Kampagne. Am 20. Juli um 11 Uhr war der offizielle Startschuss: Dann begann die angemeldete Aktion vor dem Lego-Store in Berlin, und auch die auf unsere Pressemitteilung gesetzte Sperrfrist fiel. Für die Aktion in Berlin kündigten sich RTL/n-tv mit einem Filmteam und die Nachrichtenagentur epd an. Diese erste Resonanz war gut, gerade mit Blick auf die vielen Presseversendungen und Telefonate im Vorfeld aber auch enttäuschend.

Richtig ins Rollen kam das Thema am Starttag der Kampagne vor allem durch ein uns und den Medien um 8 Uhr 48 Uhr zugesandtes offizielles Statement von Lego:

„Wir nehmen Ihren Standpunkt und Ihre Anmerkungen sehr ernst und möchten Ihnen die offizielle Stellungnahme der LEGO Gruppe zukommen lassen: Das LEGO Technic Set Bell Boeing V-22 Osprey wurde von uns bezogen auf Einsätze des Flugzeugs bei Rettungsaktionen entwickelt. Vorwiegend wird das Flugzeug jedoch militärisch genutzt. Wir verfolgen bereits seit langem den Grundsatz, keine Sets mit Militärfahrzeugen zu gestalten. In diesem Fall haben wir uns nicht strikt an unsere eigenen Richtlinien und hohen Standards gehalten und werden daher die Pläne zur Einführung des Produkts am 1. August überprüfen.“

Das Statement war gleichzeitig die erste Reaktion von Lego – spät, überraschend und für uns aber erst mal kein Grund, die geplanten Aktionen abzusagen.

Wir bauten uns also vor dem Lego-Laden in Berlin auf. Die Mitarbeiter*innen waren von ihrer Zentrale über die Aktion informiert und sehr freundlich. Nach etwa zwei Stunden haben wir die Aktion in Berlin beendet und machten uns mit dem DFG-VK-Bulli und den Materialien, vor allem dem großen Peace-Zeichen, auf den Weg nach Hamburg.

Währenddessen gab es erste Medienveröffentlichungen und auch einige Anrufe der Presse bei mir. Für den Abend wurde ich spontan zu einem Livestream eines deutschen Lego-Youtubers eingeladen. Mehrere hundert Menschen guckten live zu, mittlerweile hat das Video rund 15 000 Aufrufe. Dabei zeigte sich allerdings: Nicht wenige Lego-Fans fühlten sich durch die Kampagne angegriffen, setzten sich aber nicht mit unseren Argumenten – und dem ersten Statement aus Billund – auseinander. Immerhin wurde das Thema wahrgenommen und sorgte für Interesse. Am Abend erschien sogar auf der Website der Bild-Zeitung ein Artikel über das Osprey-Set und unsere Kritik daran.

Am Dienstagvormittag fand dann die Aktion vor dem Lego-Store in Hamburg statt, wir waren insgesamt sechs Personen, die meisten von der DFG-VK-Gruppe Lübeck. Wieder war auch Presse da, u.a. der NDR. Wie schon in Berlin war die Aktion „klein aber fein“, und besonders das Schauspiel vom Lego-Soldaten, der auf das Peace-Zeichen zielte, sorgte für Aufmerksamkeit. Nach etwa drei Stunden war die Aktion beendet. Nächste Station: Frankfurt am Main. Unterwegs rief mich eine Mitarbeiterin von Lego Deutschland an, um mich auf ein weiteres Statement aufmerksam zu machen. Am 21. Juli um 16 Uhr 52 Uhr verbreitete Lego, dieses Statement:

„Wir verfolgen seit langem die Politik, keine Sets mit echten Militärfahrzeugen zu erstellen, daher wurde beschlossen, dieses Produkt nicht auf den Markt zu bringen. Wir verstehen, dass einige Fans, die sich auf dieses Set gefreut haben, enttäuscht sein könnten, aber wir halten es für wichtig, dass wir unsere Markenwerte aufrechterhalten.“

Nur 30 Stunden nach dem Startschuss war unsere Lego-Kampagne damit – zunächst – beendet. Die Aktiven der Gruppe Frankfurt entschieden, die geplante Aktion nicht mehr durchzuführen. Die auf unseren Transparenten und Schildern geschriebenen Forderungen waren ja – erst einmal – erfüllt.

Das mediale Interesse an der Sache steigerte sich aber sogar noch. Am Abend war ich für ein Interview beim Betreiber der Klemmbaustein-Nachrichtenseite „StoneWars“ eingeladen, der sich sehr sachlich mit dem Osprey-Thema auseinandersetzte. Dabei kam heraus: Der „StoneWars“-Betreiber hatte am 17. Juli nach Eingang unserer Pressemitteilung mit Lego Deutschland gesprochen und dieses um ein Statement gebeten – doch Lego Deutschland wusste von nichts. Die Lego-Zentrale in Billund hatte anscheinend nicht informiert bzw. hatte unsere geplante Aktion – es gab ja auch nie eine Reaktion auf unsere Anschreiben – nicht wahrgenommen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hatte der Spielzeughersteller das Thema auf dem Schirm, was auch das Statement am Montagmorgen erklärt. Doch nicht nur die „StoneWars“-Seite berichtete umfassend über den Fall.

 

Das Nachspiel. Der Rückzug des Osprey-Sets nur zehn Tage vor Verkaufsstart ist sehr ungewöhnlich. Viele Sets sollen schon in die ganze Welt ausgeliefert gewesen sein und lagen verkaufsbereit in den Läden – Lego wird die Rückholung des Sets Millionen gekostet haben. Nicht zu vergessen die Entwicklungs- und Produktionskosten. Bei einem Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro allein im Jahr 2019 wird all das für den dänischen Spielzeughersteller allerdings finanziell zu verschmerzen sein. In Neuseeland, Großbritannien und einigen anderen Ländern landeten trotz der Rückholung vereinzelt Exemplare der Osprey im Handel bzw. bei Käufer*innen. Auf der Online-Auktionsplattform Ebay werden die eigentlich im Rahmen der Preisempfehlung für 149,99 US-Dollar/129,99 Euro verkauften Sets mittlerweile für vierstellige Beträge gehandelt. Unsere Kampagne hat also wohl auch zu einem der teuersten Lego-Sets jemals geführt.

All das sorgte für großes Medieninteresse. Wir veröffentlichten einen Tag nach der Kampagne eine Presseerklärung mit einem Statement zum Rückzug des Osprey-Modells. Viele Medien griffen die Mitteilung auf, und es gab auch noch einige Presseanfragen. In internationalen Medien war unser Verband wohl selten so präsent: Es gab Berichte über die Kampagne der „German Peace Society – United War Resisters“ in Medien u. a. in Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Hongkong/China, Indonesien, Island, Italien, Japan, den Niederlanden, Pakistan, Polen, Russland, Tschechien, Ungarn und den USA. Auch deutsche Medien berichteten umfassend. Auch Klemmbaustein-Fanmedien und Youtube-Kanäle griffen das Thema auf: Der schon erwähnte US-Amerikaner „Jangbricks“ machte ein Video, welches mittlerweile über 70 000 Aufrufe verzeichnet. Ein Video des öffentlich-rechtlichen Youtube-Kanals „Walulis daily“ mit dem Titel „Lego macht Deal mit Rüstungsfirma – und crasht jämmerlich“ erreichte mehr als 200 000 Aufrufe. Und das Video des deutschen „Held der Steine“, der uns in seinem Video über den Fall allerdings nicht namentlich erwähnte, erreichte über 300 000 Aufrufe.

In den sozialen Medien schlug uns ein durchaus heftiger Shitstorm entgegen. Viele Lego-Fans machten uns für den Rückzug des Sets verantwortlich – sie warfen uns vor, es verboten zu haben. Dabei hatten wir nie ein Verbot des Sets gefordert. Dem Shitstorm auf Facebook, Youtube, Instagram und Twitter wurden wir kaum Herr und konnten bei weitem nicht auf alle Kommentare und Anfeindungen reagieren; hier wurde deutlich, wie sehr der DFG-VK Kapazitäten in diesem Bereich fehlen. Kathi Müller und ich als Betreuer*innen der Plattformen machen die Social-Media-Arbeit nur nebenher. Auch ich persönlich bekam einige empörte E-Mails und sogar SMS aus verschiedenen Ländern – manchmal sachlich, oft beleidigend. Der Verweis auf unsere Aktionswebsite und die Studie entkräftete alle Vorwürfe und beruhigte zumindest einige der aufgebrachten Gemüter. Die Toxizität von Teilen der Lego-Community schreckte wiederum einige Fanmedien und Youtuber auf, die sich darüber schockiert zeigten.

Knapp drei Wochen nach Beginn unserer Kampagne ebbte das Interesse ab, sowohl der Medien als auch auf Social-Media-Plattformen. Doch was bleibt von der Lego-Kampagne? Was können wir aus der Kampagne lernen? Und wie konnten wir als vergleichsweise kleine Organisation es schaffen, den größten Spielzeughersteller der Welt nach einer 30-stündigen Kampagne zu einem so schnellen und durchgreifenden Handeln zu bewegen?

 

Das Fazit. Die Faktenlage war eindeutig: Das Lego-Osprey-Set stellte einen klaren Verstoß gegen die Grundsätze des Spielzeugherstellers dar, keine realen Militärfahrzeuge herzustellen. Damit hatten wir wirklich einen Punkt getroffen, der sich nicht wegwischen ließ. Ob es aber tatsächlich nur unsere Kritik war, die zum radikalen Schritt des Rückzugs des Sets führte, ist unklar. In der deutschen und internationalen Fan-Community wurde darüber viel diskutiert.

Fragen zum und Kritik an dem Osprey-Modell gab es in der Klemmbaustein-Community schon seit der Modellankündigung. In Lego-Fanforen im Internet wurde eifrig debattiert, ob das Modell als Kriegsspielzeug nicht gegen die Richtlinien des Unternehmens verstoße. Auch große Lego-Youtuber äußerten diese Bedenken, allerdings immer nur beiläufig. Unsere Kampagne hat die schon seit Januar bei Fans bestehende Kritik „in Form gegossen“. Die Kritik am Modell könnte aber bereits seit der Spielwarenmesse auch bei Lego intern diskutiert worden sein. Der militärkritische Grundsatz des dänischen Unternehmens wurde von den Unternehmensgründern der Familie Kristiansen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, festgeschrieben. Noch heute hält die Familie 75 Prozent der Anteile an Lego. Es könnte sein, dass sich die Familie eingemischt hat und das Osprey-Modell deshalb zurückgezogen wurde. Unsere Kampagne wäre dann nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, immerhin.

Die zweite Vermutung für den abrupten Rückzug des Osprey-Sets betrifft dessen Qualität: Lego hat seit einiger Zeit Qualitätsprobleme bei seinen Materialien, und die Osprey hatte wohl einen fatalen Konstruktionsfehler. Klemmbaustein-Fans, die ein Modell ergattern konnten, berichten von berstenden Zahnrädern. Die Veröffentlichung des Sets wäre für Lego wohl zu einem Qualitäts- und Imagedesaster geworden. Einige Klemmbaustein-Fans vermuten daher, dass die moralische Begründung, das Set zurückzuziehen, nur vorgeschoben war, unsere Kampagne Lego sozusagen gelegen kam, und der wahre Grund das Qualitätsproblem des „Osprey“-Sets war.

Lego hat sich am 5. August in einem Statement zu den Gerüchten geäußert, und Qualitätsprobleme als Grund für den Rückzug des Sets von sich gewiesen: „Die Entscheidung, den LEGO Technic V-22 Osprey nicht auf den Markt zu bringen, wurde allein aufgrund der Tatsache getroffen, dass das Set gegen unsere Politik verstieß, keine echten Militärfahrzeuge herzustellen. Es gab keine anderen Faktoren, die die Entscheidung in irgendeiner Weise beeinflusst haben.“

Egal, welcher Grund nun der „wahre“ war, wird Lego sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben. Die Kosten für die Rückholung dürften in die Millionen gehen. Für uns wichtig: Mit den kurzen Statements, die Lego offiziell gemacht hat, verpflichtet es sich, seine militärkritische Richtline stärker zu beachten – zumindest erst einmal.

Unsere Forderungen an Lego waren auf die Zukunft gerichtet. Der Rückzug des Militärsets hat unsere Forderung übertroffen. Trotzdem muss sich noch beweisen, wie sehr sich Lego in Zukunft an seine selbstformulierten Grundsätze hält.

Gerade unter Klemmbaustein-Fans wird die Forderung nach einer Änderung der Grundsätze lauter – allerdings sehr unterschiedlich: Die einen fordern eine Schärfung der Grundsätze etwa um eine Jahreszahl, ab der Militärvehikel bei Lego als „modern“ gelten, um Klarheit darüber zu haben, welche Sets es geben kann und welche nicht. Andere Fans wünschen sich hingegen eine Aufhebung des militärkritischen Grundsatzes und eine vollkommene Öffnung für Kriegsspielzeuge. Falls es eine Debatte um die Lego-Grundsätze geben wird, sollten wir uns darin auf jeden Fall einmischen. Dazu haben wir bereits einen Brief nach Billund geschickt und unsere Expertise beim Thema Frieden/Gewaltfreiheit bzw. Krieg/Militär/Rüstung für Debatten und Beratungen angeboten. Zudem wollen wir Lego als Erinnerung an seine Unternehmenswerte und als Mahnung gerne unser bei den Aktionen in Berlin und Hamburg verwendetes Peace-Zeichen schenken – mit Übergabe am 21. September, dem UN-Weltfriedenstag. Eine Antwort auf unseren Brief haben wir noch nicht. Auch wenn unsere Lego-Kampagne also fürs Erste erfolgreich beendet ist, läuft die Debatte noch, und das Thema ist noch nicht vollends durch – wir beobachten es weiter. Doch wenn wir es noch mal aktiv angehen müssen, was sollten wir anders machen?

Was am offensichtlichsten überhaupt nicht geklappt hat, ist unsere Petition. Der Gedanke hinter der Petition war, ein Mitmach-Element zu haben. Da die ganze Debatte um das Osprey-Modell bei Kampagnenstart aber nur im „Expert*innenkreis“ der Lego-Community stattfand und die Petition dort relativ kritisch gesehen wurde, fand sie nur wenige Unterzeichner*innen – und als die Lego-Kampagne durch Medienberichte öffentlicher wurde, war sie aufgrund des Rückzugs des Sets auch schon wieder vorbei. Für die Zukunft sollten wir, wenn wir eine Online-Petition starten, dies besser vorbereiten. Wir brauchten zudem schon einige hundert Unterzeichner*innen vorab sicher, damit es nicht „peinlich“ wird. Die misslungene – und mittlerweile auf Change.org gelöschte – Petition zeigt aber auch eine grundsätzliche Mobilisierungsschwäche der Friedensbewegung im Internet.

Dabei war auch unsere eigene Zurückhaltung im Nachhinein falsch: Dass dies hier der erste – und wohl auch letzte – ZivilCourage-Artikel über die Lego-Kampagne ist, zeigt ihre kurze Initiationszeit, aber auch ihre geringe Verankerung in der Breite des Verbands. Nun wissen wir, dass unser Verband auch ungewöhnlichere Themen selbstbewusster angehen und sie intern mehr verbreiten sollte.

Denn Unternehmen als Ziele von Protesten zu wählen (wie wir es auch oft beim Thema „Rüstungsexporte“ machen), erscheint grundsätzlich weitaus erfolgversprechender, als staatliche Stellen wie etwa die Bundeswehr oder die in Deutschland gelagerten US-Atomwaffen zu einer Korrektur zu bewegen. Das heißt nicht, die aktuellen Schwerpunkte zu ändern! Aber unser Verband muss offen(er) sein für neue und eben auch „softe“ Themen. Den Bereich der „Popkultur“, wozu auch die Lego-Sets gezählt werden müssen, die gerade auf junge Menschen viel Einfluss nehmen, hat die DFG-VK – wie auch die gesamte Friedensbewegung – heute kaum im Blick. Dabei können in diesem Bereich sowohl Aufmerksamkeit als auch Erfolge generiert werden. „Softe“ Themen wie die Lego-Kampagne sind vielen Menschen sehr viel näher als andere von uns bearbeitete Themen. Ideal ist eine Verbindung von „soften“ mit „harten“ Themen: Wenn unsere Kernthemen in popkulturellen Zusammenhängen bearbeitet werden können.

Dies gelang bei der Lego-Kampagne eher mäßig: Nur Lego stand im Fokus der öffentlichen Kritik, nicht so sehr die lizenzgebenden Rüstungskonzerne Boeing und Bell. Es gibt weder Statements noch irgendwelche Reaktionen der beiden Rüstungskonzerne auf den Lego-Fall. Dabei dürften den Konzernen Gewinne aus dem Verkauf des lizensierten Sets entgehen. Immerhin konnten wir aber viele Menschen über die Osprey und ihren offensiven – oft sogar völkerrechtswidrigen – Einsatz informieren. In jedem Fall sollte für unseren Verband ein Fazit der Kampagne sein, sich für „softe“/popkulturelle Themen offen zu zeigen, diese in Zukunft verstärkt zu suchen und anzugehen. Es gibt dabei viel für uns zu gewinnen!

Die Form der Lego-Kampagne – die Erstellung der Materialien (vor allem der Studie), die Pressearbeit und allgemeine Öffentlichkeitsarbeit (die Websites samt Videotrailern) – kann dabei für zukünftige Kampagnen Vorbild sein. Die Internationalität ebenso. Das Osprey-Thema muss wiederum als klarer Einzelfall angesehen werden: Lego hat tatsächlich sehr offensichtliche Fehler – Verstöße gegen die eigenen Grundsätze – begangen. Dies war sehr einfach zu belegen und auch Laien zu erklären. So etwas „Klares“ bei anderen Unternehmen zu finden, ist nicht einfach. Beim Thema „Rüstungsexporte“ konnten wir in den vergangenen Jahren immerhin mehrfach klare Verstöße von Waffenherstellern gegen Exportverbote belegen – auch dabei war die Sachlage unumstößlich, es der Öffentlichkeit zu erklären hingegen schon schwerer. Popkulturelle Themen zu finden, bei denen militaristische Aspekte klar zu kritisieren sind, ist eine Herausforderung – danach zu suchen aber durchaus lohnenswert.

Die Kosten der Kampagne belaufen sich auf etwa 1 000 Euro, wovon ein Großteil auf Druckkosten für die Studie, das Factsheet und weitere Materialien entfällt und sich der Rest auf Bastelmaterialien sowie Fahrtkosten verteilt. In der Abwägung zwischen Kosten und Ertrag in Form von medialer Aufmerksamkeit und dem Erreichen des politischen Ziels kann die Lego-Kampagne als sehr positiv gewertet werden. Auch von anderen Friedensgruppen gab es ungewöhnlich viele, sehr positive Rückmeldungen und Lob. Wir hatten zudem 34 Prozent mehr Aufrufe unserer Website. Die Zahl der Abonnent*innen bei Twitter und Instagram stiegen durch die Kampagne. Weniger positiv fällt der zählbare Ertrag unserer Follower*innen-Zahlen bei Facebook aus: Hier haben wir zwar – wie bei Instagram und Twitter auch – hohe Interaktionsraten generiert (bspw. viele – aber leider viele negative – Kommentare), aber kaum neue Follower*innen hinzugewonnen. Auch die Zahl der Neueintritte war im Kampagnenzeitraum und den Wochen danach nicht auf einem erhöhten Niveau.

Insgesamt muss die Lego-Kampagne also differenziert betrachtet werden: Wir haben den größten Spielzeughersteller der Welt dazu bewogen, sein Militärset zu überdenken. Der dänische Spielzeughersteller hat unsere Forderungen mit dem Zurückziehen des Osprey-Sets sogar mehr als übertroffen. Doch ob er seinen Grundsatz, keine modernen Militärvehikel nachzubilden, auch in Zukunft beachten bzw. diesen Grundsatz ernster nehmen wird, muss sich erst noch beweisen. Einen so großen Konzern überhaupt bewegt zu haben, ist trotzdem erst mal sehr motivierend und durchaus ein Erfolg für unseren Verband. Den lizenzgebenden Rüstungskonzernen Boeing und Bell durch die abgesagte Veröffentlichung des Osprey-Sets mutmaßlich einen Gewinnausfall beschert zu haben, ist ebenfalls positiv. Zudem konnten wir unser Wissen, Kampagnen aufzuziehen, anwenden und – wofür auch diese reflektierende Auswertung steht – weiter lernen, damit zukünftige Kampagnen hoffentlich noch besser klappen. Denn einige Sachen – die Petition, die Betreuung einiger unserer Social-Media-Auftritte (Facebook und Youtube), die interne Kommunikation und auch die (im Falle der Lego-Kampagne relativ schlechte) Aufteilung der Arbeit – sind durchaus noch verbesserungswürdig. Und auch unser grundsätzliches Vorgehen müssen wir zumindest kritisch reflektieren: Hätten wir bereits im Februar, als wir von dem Osprey-Set wussten, deutlich mehr Druck gemacht, hätten wir zwar vielleicht weniger Aufmerksamkeit für unseren Verband bekommen (weil es keine Kampagne gebraucht hätte), aber unsere Ziele – und auch den Rückzug des Sets – hätten wir vielleicht trotzdem erreicht. Aber mit weniger „Kollateralschaden“ – im Sinne enttäuschter Lego-Fans, die sich auf das Set gefreut haben. Auch wenn Aufmerksamkeit für unseren Verband gut ist, sollte immer das Erreichen der politischen Ziele im Vordergrund stehen: Das Suchen der Öffentlichkeit darf nur ein Mittel zum Zweck sein.

 

Michael Schulze von Glaßer ist politischer Geschäftsführer der DFG-VK.

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