Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Antimilitarismus

Zum Traditionsverständnis der Bundeswehr

Zurück auf dem Weg zurück in altes militärisches Denken und Handeln

Von Joachim Schramm

 

Mitte 2017 wurde der Bundeswehrsoldat Franco A. wegen des Verdachts der Vorbereitung eines rechtsgerichteten Anschlags verhaftet. Die Veröffentlichungen der Hintergründe des Falls lösten eine Diskussion über rechtsextreme Vorgänge in der Bundeswehr aus. In Folge wurden Kasernen nach Devotionalien der Wehrmacht durchsucht und diese eingesammelt. Außerdem wurde der Traditionserlass der Bundeswehr von 1982 durch einen überarbeiteten Erlass ersetzt.

Rechtsextremismus in der Bundeswehr?

Was bewirkt der neue Traditionserlass und wie steht es um den Rechtsextremismus in der Bundeswehr? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, führte der nordrhein-westfälische Landesverband zusammen mit dem DFG-VK-Bundesverband und dem Alois-Stoff-Bildungswerk und mit Unterstützung der Bertha-von-Suttner-Stiftung am 17. November 2018 in Bielefeld eine Konferenz mit dem Titel „Rommel und das Traditionsverständnis der Bundeswehr“ durch. Bei der spannenden Konferenz ging es um die Gründungsgeschichte der Bundeswehr, die daraus resultierenden Traditionslinien zur Wehrmacht sowie um die Frage, welche Rolle heute die Tradition für die „Armee im Einsatz“ spielt. Auch die Anziehungskraft der Bundeswehr auf Rechtsextreme sollte betrachtet werden. Die Veranstaltung, die nur wenige Dutzend Kilometer von der Augustdorfer Rommel-Kaserne entfernt stattfand, erhielt eine besondere Aktualität durch Meldungen über den früheren CDU-Generalsekretär und heutigen Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium Peter Tauber, der im Oktober per Twitter an Rommels Geburtstag erinnerte. Der neue Traditionserlass bezeichnet die Wehrmacht als nicht traditionswürdig, lässt aber Schlupflöcher wie die für Hitlers Lieblingsgeneral Erwin Rommel.

Als Referenten waren eingeladen der Sozialwissenschaftler und Historiker Wolfgang Proske aus Heidenheim sowie Lucius Teidelbaum, Journalist und Publizist aus Tübingen. Bei der abschließenden Podiumsdiskussion saßen außerdem Frank Brendle als DFG-VK-Vertreter und der kritische Bundeswehrsoldat Daniel Lücking, beide aus Berlin, mit auf dem Podium.

Von Wehrmachtsgeneräle aufgebaut

Zu Beginn zeichnete die DFG-VK-Bundessprecherin Kathi Müller die Entstehungsgeschichte der Bundeswehr nach. Sie erinnerte daran, dass die ehemaligen Wehrmachtsgeneräle Heusinger und Speidel wesentlichen Anteil am Aufbau der neuen Armee hatten. Beide waren an verbrecherischen Aktivitäten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg beteiligt. Insgesamt stammten Ende der 1950er Jahre über 12000 Offiziere der Bundeswehr aus der Wehrmacht, 300 waren ehemalige SS-Offiziere, so Müller.

Angesichts dieser Tatsachen verwundert es nicht, dass eine Vielzahl von Bundeswehrkasernen nach Offizieren der Wehrmacht benannt wurde. Erst nach und nach sorgten öffentliche Diskussionen seit den 1980er Jahren dafür, dass diese Benennungen geändert wurden. Aber noch immer tragen sieben Kasernen die Namen von Wehrmachtsgrößen wie dem Jagdflieger Marseille, dem Nachtjäger Lent und natürlich dem Generalfeldmarschall Rommel.

Mythos Rommel

Zur Figur Rommel stellte Wolfgang Proske in seinem Vortrag dessen Wirken vor allem in Afrika, aber auch in Italien dar. Der „Mythos Rommel“ sieht diesen als „edlen Soldaten“, der selbst von seinen Gegnern, britischen, australischen und neuseeländischen Soldaten, als fair und ritterlich bezeichnet wurde. Proske zeigte jedoch, dass Rommel diese Ritterlichkeit nur gegen „arische“ Gegner an den Tag legte und ansonsten der Rassenpolitik der Nazis folgte. Während er den Befehl des Afrikakorps in Libyen innehatte, wurden dort libysche Juden zu Zwangsarbeit verpflichtet und teilweise auch in KZs deportiert. Als im weiteren Kriegsverlauf die deutschen Truppen aus Afrika verdrängt wurden und die italienischen Verbündeten die Seite wechselten, wurden auch in Rommels Befehlsbereich in Italien schwere Kriegsverbrechen begangen. Rommel äußerte sich in einem Befehl menschenverachtend über die nun auf der anderen Seite stehenden italienischen Soldaten. Proske verwies darauf, dass Rommels spätere Distanz zu Hitlers Kriegsführung eher militärstrategischer Natur war als ein Zeichen seiner Sympathie mit dem Widerstand des 20. Juli. In der Geschichtswissenschaft würde heute nur noch eine Minderheit die These vertreten, Rommel habe mit dem Widerstand zusammengearbeitet. Ein Mann wie Rommel tauge in keinem Fall als Vorbild für die heutige Bundeswehr, so Proske.

Lucius Teidelbaum wies in seinem Vortrag darauf hin, dass es im Zusammenhang mit Bezügen der Bundeswehr zur Wehrmacht zwei gegenläufige Entwicklungen gäbe. Zum einen habe der Fall Franco A. einige Maßnahmen zur Folge gehabt, die Zurschaustellung von Wehrmachtsrelikten in den Kasernen zu unterbinden sowie einen neuen Traditionserlasses mit seiner formalen Distanz zur Wehrmacht zu erstellen. Andererseits habe die Umorientierung der Bundeswehr zur „Armee im Einsatz“ die Wirkung, dass der Traditionsbezug zu „erfolgreichen“ deutschen Armeen der Vergangenheit und damit auch zur Wehrmacht innerhalb der Truppe eine große Rolle spiele, auch getragen vom Offizierskorps. Der „archaische Kämpfer“ bekomme wieder mehr Bedeutung als der „Staatsbürger in Uniform“. Rechte Kräfte würden immer wieder versuchen, Bundeswehrsoldaten zu erreichen, sei es durch Militärzeitschriften aus rechten Verlagen oder z.B. durch T-Shirts, auf denen Verbindungen zwischen dem Afghanistaneinsatz der Bundeswehr und dem Afrikakorps der Wehrmacht hergestellt wurden. Förderlich für rechte Tendenzen in der Bundeswehr ist laut Teidelbaum auch die Struktur der Armee als Männerbund. Dazu gehörten Gruppen-Rituale, in denen vor allem Neuankömmlinge gedemütigt und gequält werden. Auch eine latente Schwulen- und Lesben-Feindlichkeit sei in der Armee vorhanden. Beides spiele dem autoritären Weltbild der Rechten in die Hände. In den Auslandseinsätzen kämen dann häufig auch rassistische Einstellungen gegenüber der Bevölkerung der Einsatzländer zum Ausdruck.

Die hohe Zahl von ehemaligen Wehrmachtsgererälen, die bei der Gründung der Bundeswehr dabei waren, habe mit dazu geführt, dass es bis heute einen traditionalistischen Flügel gebe, der an einem auf kämpferische Effizienz ausgerichteten Soldatenbild festhalte. Dies sei über die Jahrzehnte auch durch verschiedene Traditionsverbände aufrechterhalten worden, in denen Wehrmachtsveteranen mit Bundeswehrsoldaten zusammentrafen. Dies nimmt heute ab, da die Veteranen aussterben. Allerdings gibt es - z.B. bei den Gebirgsjägern - auch Verbände, die generationsübergreifend aufgestellt sind und mit jungem Nachwuchs weiterexistieren.

Bei der Verehrung ehemaliger Wehrmachtsgrößen wie Rommel oder Mölders werde versucht, deren Verstrickung in die NS-Ideologie auszublenden und deren soldatische Leistungen in den Vordergrund zu rücken. Auch die Würdigung des militärischen Widerstands um Stauffenberg würde ausblenden, wofür diese Leute eigentlich gestanden hätten. Stauffenberg verachtetete die Weimarer Republik und strebte eine Art Militärdiktatur an.

Bedenklicher als die einfachen Soldaten mit rechten Ansichten sind aus Sicht Teidelbaums diejenigen Offiziere, die ein rechtes Weltbild vertreten und das natürlich auch in ihre Untergebenen weitergeben. In der Regel wird dies nach außen erst sichtbar, wenn diese Offiziere in den Ruhestand gehen und sich dann über Buchveröffentlichungen oder Vorträge outen. Lucius Teidelbaum führe einige Beispiele an und verwies auch auf den ehemaligen Leiter der Eliteeinheit KSK, Reinhard Günzel. Dieser machte jedoch schon während seiner Dienstzeit auf seine Gesinnung aufmerksam und wurde in diesem Zusammenhang dann entlassen. Danach wurde aber auch offenkundig, wie lange in den KSK-Kräften z.B. die entsprechende Einheit der Wehrmacht, die „Brandenburger“, als Vorbild dargestellt worden war. Aktive Offiziere mit rechten Einstellungen würden sich eher an der Neuen Rechten und der AfD orientieren und in entsprechenden Organen publizieren. Teidelbaum wies darauf hin, dass die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium zwar inzwischen auf offen rechtsextreme Äußerungen reagieren und die entsprechenden Soldaten auch aus der Bundeswehr entfernen, in Bezug auf Anhänger der Neuen Rechten aber keine Problem sehen würden.

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde dann versucht, der Frage nachzugehen, ob denn ein unbelasteter Traditionsbezug der Bundeswehr überhaupt möglich sei. Hier konnte Daniel Lücking immer wieder auf seine direkten Erfahrungen aus dem Bundeswehrdienst und seinen Einsätzen im Kosovo und auf dem Balkan zurückgreifen, während Lucius Teidelbaum und Frank Brendle ihre Erkenntnisse aus einer intensiven Beschäftigung mit dem Thema zogen. Einig waren sie sich in der Frage, welche Funktion das Traditionsverständnis der Bundeswehr heute habe. Dabei wurde u.a. Sönke Neitzel, Professor für Militärgeschichte an der Uni Potsdam zitiert, der in einem „Zeit“-Interview betont hatte, die Soldaten im Kriegseinsatz bräuchten die Vorbilder aus der Armee, die als letzte in solchen Einsätzen gestanden hätten, also der Wehrmacht. Neitzel, der sich vielfach in die Auseinandersetzung um den Traditionserlass eingebracht hat, vertritt hier eine militärnahe Position, die den Erfolg des „militärischen Handwerks“ im Fokus hat und die ethischen Probleme weitgehend ausklammert. Im neuen Traditionserlass ist daher folgerichtig formuliert; „Tradition (...) schafft und stärkt Identifikation, unterstützt eine verantwortungsvolle Auftragserfüllung und erhöht Einsatzwert und Kampfkraft. (...) Tradition spricht nicht nur Kopf und Verstand an, sondern in besonderer Weise auch Herz und Gemüt.“

Während der Traditionserlass sich formal von der Wehrmacht distanziert, lässt er große Schlupflöcher, indem er Einzelpersonen der Wehrmacht nach Einzelfallprüfung doch wieder als traditionswürdig zulässt. Die Podiumsteilnehmer vertraten die Meinung, dass sich der traditionalistische Flügel der Bundeswehr an einzelnen Namen wir Rommel festklammere, auch um hinter den Nato-Partnern nicht zurückzustehen, bei denen z.B. Rommel ebenfalls unkritisch verehrt würde.

Die deutsche Armeen vor 1918 werden durch den Traditionserlass prinzipiell für traditionswürdig gehalten. Hier ging die Diskussion darauf ein, dass die kaiserliche Armee z.B. schwere Kriegsverbrechen in Südwestafrika verübt und im Ersten Weltkrieg Millionen Soldaten in sinnlosen Kämpfen verheizt habe. Der Historiker Hannes Heer bezeichnete den Zustand in den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges als eine Militärdiktatur. Auch hier ist als der neue Traditionserlass äußerst fragwürdig, da er diese Aspekte völlig ausklammert.

Insgesamt sahen die Podiumsteilnehmer daher wenig Perspektiven für ein unbelastetes Traditionsverständnis der Bundeswehr. Durch die Umorientierung zur Armee im Einsatz stehe das kriegerische Handeln wieder im Vordergrund und nicht der Versuch, die Armee demokratischen Regelungen zu unterwerfen.

So bleibt als Fazit der Konferenz die Erkenntnis, dass die Bundeswehr zwar einige alte Zöpfe abgeschnitten hat, aber insgesamt auf dem Weg zurück in altes militärisches Denken und Handeln ist. Der in einigen Phasen der Geschichte der Bundeswehr unternommene Versuch, mit der Inneren Führung und anderen Maßnahmen eine demokratische Armee zu schaffen, dürfte längst gescheitert sein. Dies deutlich zu machen und gegen alle Versuche, die Bundeswehr zu verharmlosen energisch vorzugehen, ist Aufgabe der Friedensbewegung und aller demokratischen Kräfte. Dazu gehört auch, nachdrücklich die Umbenennung der beiden Rommel-Kasernen in Augustdorf und Dornstadt zu fordern. Der offene Rückgriff auf die Tradition der Nazi-Wehrmacht darf in einer Demokratie nicht akzeptiert werden!

Joachim Schramm ist Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen DFG-VK-Landesverbands.

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