Online-Version des Artikels aus der ZivilCourage

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

in wenigen Monaten, nämlich im Dezember, wird sich der Tag zum 40. Mal jähren, an dem die Nato ihren berüchtigten sog. Nachrüstungsbeschluss gefasst hatte.

Anderthalb Jahre später, im Juni 1981, fand die erste große Friedensdemonstration statt, bei der 100 .000 Menschen gegen die geplante Stationierung von US-Atomwaffen, die sogenannten Mittelstreckenraketen, in Deutschland protestierten. Diese Demonstration von ganz überwiegend jungen Menschen fand in Hamburg während des evangelischen Kirchentags statt. Das Motto lautete: „Fürchtet euch, wehrt euch – der Atomtod bedroht uns alle!“ Das war auch eine Antwort auf die offizielle Kirchentagslosung „Fürchte dich nicht“.

Und wenn ich die Überschrift von Kathrin Voglers Leitartikel (die sie selbst so gewählt hat) auf der nächsten Seite lese, bin ich geneigt zu sagen: Furcht und Kampf sind kein Widerspruch, sondern aus berechtigter Angst kann Motivation und Kraft für Engagement und Widerstand entstehen. Furcht muss nicht lähmen, sondern kann Energie freisetzen.

Anfang der 1980er Jahre war das so. Der Hamburger Demo folgte im Herbst zunächst die berühmte Demo im Bonner Hofgarten mit 300. 000, dann im Juni 1982 eine weitere in Bonn („Aufstehn! Für den Frieden“) mit 500 .000 und schließlich im Herbst 1983 die „Volksversammlungen für den Frieden“ mit Demos und Kundgebungen in Bonn, Hamburg, Berlin und der Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm mit insgesamt weit über einer Million TeilnehmerInnen.

Ohne dieses Engagement bei Demonstrationen und vielen anderen Aktionen wie z.B. Blockaden in Mutlangen und anderswo wäre es wohl nicht  zu dem 1987 zwischen den USA und der Sowjetunion geschlossenen INF-Vertrag („Intermediate Range Nuclear Forces“ = Nukleare Mittelstreckensysteme) gekommen, in dessen Folge bis 1991 über zweieinhalb Tausend Mittelstreckenraketen verschrottet wurden. Und den nun zunächst Trump und dann Putin gekündigt haben.

Zwei wichtige „Großakteure“ waren damals die Kirche und die SPD. Der Kirchentag bot den Rahmen, wo sich Betroffenheit über die existenzielle Bedrohung durch Atomwaffen ein Forum schaffen konnte, was dann weit über die Kirche hinaus in alle gesellschaftlichen Bereiche Wirkung entfaltete.

Die Gesellschaft ist vielfältiger geworden, die Kirche(n) kleiner. Aber vielleicht gelingt es mit dem Impuls „Sicherheit neu denken“ aus der badischen Landeskirche, mit dem die Vision einer Entmilitarisierung und der Abschaffung des Militärs entwickelt wird, eine neue Initialzündung zu schaffen. Da wird viel zu debattieren sein. Wir beginnen für die DFG-VK damit in dieser ZivilCouragemit den Beiträgen von Thomas Carl Schwoerer und Christoph Neeb zu „Sicherheit neu denken“. Die Jahreslosung der evangelischen Kirche für dieses Jahr lautet übrigens „Suche Frieden und jage ihm nach“...

Die SPD hat damals den Streit über „Krieg und Frieden“ erbittert geführt und damit das, was gesellschaftlich diskutiert wurde, aufgenommen und versucht, daraus praktische Politik zu machen. Auch die SPD ist kleiner geworden, sehr klein. Und für viele Menschen hat sie sich –  ebenso wie die Grünen – durch ihre Beteiligung am Jugoslawien-Krieg dauerhaft als Bündnispartner der Friedensbewegung diskreditiert. Vielleicht hätte(n) sie die Chance, durch eine eindeutige Politik gegen den Wahnsinn des 2-Prozent-Ziels der Nato-Staaten und nun erneut drohende atomare Aufrüstung Bündnisfähigkeit und Vertrauen langsam wieder aufzubauen.

Stefan Philipp
Chefredakteur der ZivilCourage

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