Anti-Militarisierung

Die Militarisierung der Außen- und der Innenpolitik sind zwei Seiten einer Kriegsmedaille. Während die Bundeswehr sich immer neue Einsatzgebiete außerhalb der Bundesrepublik ersch(l)ießt, wird auch die Militarisierung im Innern immer weiter vorangetrieben: Die Überwachung der Bevölkerung nimmt zu, die Polizei rüstet auf und die Bundeswehr wird immer häufiger im Inland eingesetzt. Zudem sollen die Menschen auch geistig auf die militaristische Sicherheitspolitik „auf Linie“ gebracht werden – mit Werbung und Propaganda an der Heimatfront. Über all diese Themen berichten wir hier.

Anti-Militarisierung

„Einsatznah ausbilden“ mit NS-Pressechef -- Führender NS-Propagandist als Ghostwriter von Bundeswehr-Ausbildungsmaterial

(Von Wigbert Benz für ZivilCourage – Mitgliedermagazin der DFG-VK – 3/2010)

Der Vernichtungskrieg, den die Wehrmacht geführt hat, ist nicht zu leugnen. Führende NS-Propagandisten als Ghostwriter oder Quellengeber offizieller Ausbildungsmaterialien der Bundeswehr müssen als Albtraum erscheinen.
Dass der NS-Pressechef im Auswärtigen Amt Paul Karl Schmidt im Zweiten Weltkrieg Holocaust und Kriegspropaganda betrieb, ist bekannt. Ebenso seine Rolle nach dem Krieg als Bestsellerautor „Paul Carell“, der bis in die 90er Jahre die Wehrmacht von ihren Verbrechen entschuldete, deren militärische Operationen zum zeitlosen Vorbild moderner Kriegskunst erklärte, gerade auch von Nato und Bundeswehr, und den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion als gerechtfertigten Präventivkrieg gegen die Rote Armee darstellte. Zuletzt in seinem „Bild“-Artikel vom 5. Februar 1991 zum „Golfkrieg/Lehren aus dem 2. Weltkrieg“ und seinem viel verkauften Stalingrad-Band 1992.

Das Internetportal german-foreign-policy.com berichtet nun am 28. April, gestützt auf Analysen des renommierten Militärhistorikers und früheren Wissenschaftlichen Direktors für „Militär und Gesellschaft“ am sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, Detlef Bald, dass Auszüge aus Paul Carells Texten in den aktuellen „Hilfen für den Gefechtsdienst“ für die Schulung von Bundeswehrsoldaten genutzt werden. Nach diesen „Hilfen“ dient Paul Carell als Quelle für die Zielsetzung „einsatznah ausbilden“ an drei Beispielen von Operationen der Wehrmacht: zwei in der Normandie 1944 zu den Ausbildungsthemen „Tarnen“ (S. 88) und „24-Stunden-Kampftag“ (S. 136), eine beim Krieg gegen die Rote Armee Anfang März 1943 zum Thema „Kampf bei ungünstigem Wetter“ (S. 190).

Auf meinen Vorschlag an die Redaktion der ARD-Sendung „Kontraste“, diesen Sachverhalt zu thematisieren, erklärte die zuständige Redakteurin Caroline Walter am 3. Mai, sie habe die Wehrmachtstraditionen der Bundeswehr bereits in dem Beitrag „Unselige Traditionen“ der Sendung vom 9. April 2009 thematisiert, auch die Nennung von Paul Carell als Quelle der Bundeswehrausbildung sei ursprünglich in dem Sendebeitrag vorgesehen gewesen, doch ausgerechnet „diese Passage“, so Walter, „mussten wir kürzen, weil der Beitrag schon Überlänge hatte“. Aber auch ohne den Hinweis auf Schmidt-Carell könne sie die erfreuliche Mitteilung machen: „Aufgrund unserer Berichterstattung wurden diese Ausbildungsbücher von der Bundeswehr im letzten Jahr aus dem Verkehr gezogen und werden nicht mehr benutzt.“

In der Antwort der Bundesregierung auf eine der Sendung folgenden Kleinen Anfrage der Linksfraktion mit dem Betreff „Wehrmachtsverherrlichung durch offizielle Ausbildungshandbücher“ wird zwar eingeräumt: „Seit 1985 wurden 67.000 Exemplare der Ausbildungshilfe ,Einsatznah ausbilden` und 56.500 Ex- emplare ,Üben und Schießen` gedruckt.“ Doch dann führt die Bundesregierung in ihrer Antwort vom 17. Mai weiter aus: „Eine Überarbeitung der Ausbildungshilfen wurde bereits im Januar 2009 angewiesen. Zwischenzeitlich werden diese beiden Schriften in der vorliegenden Form nicht mehr für die praktische Ausbildung genutzt.“ Wie weit die Überarbeitung der „Ausbildungshilfen“ mittlerweile gediehen ist, bleibt ebenso unklar wie die Einlassung, sie würden in der „vorliegenden Form“ nicht mehr genutzt, was nicht heißen muss, dass sie aus dem Verkehr gezogen wurden, sondern zum Beispiel in Auszügen, etwa als Kopien vermeintlich unbedenklich erscheinender Quellen Verwendung finden können. Weder in der „Kontraste“-Sendung vom 9. April 2009 noch in der darauf folgenden Kleinen Anfrage wurde ja explizit darauf Bezug genommen, dass es sich bei in den „Hilfen“ verwendeten Quellen des Bestsellerautors Paul Carell um den NS-Pressechef im Auswärtigen Amt 1940-1945, Paul Karl Schmidt, handelte.

Militärhistoriker Detlef Bald bleibt skeptisch. Nach dessen Auskunft hat sein bis März andauernder Briefwechsel mit dem Wehrbeauftragten des Bundestages lediglich ergeben, dass seine - Balds - Kritik im Zuge der Neuordnung der Ausbildung bei der beabsichtigten Verkürzung des Wehrdienstes berücksichtigt werde. Dies würde bedeuten, dass die Ausbildungsrichtlinien von 2006, welche die „Hilfen für den Gefechtsdienst“ mit Paul Carell als Quellengeber empfehlen, bis dato gelten.
Mit Schreiben vom 17. Mai bat der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Arnold die Minister des Auswärtigen und der Verteidigung um „Klärung“ des von mir beschriebenen „Vorwurfs, die Bundeswehr würde nach wie vor Texte des SS-Obersturmbannführers und ehemaligen Pressechefs im NS-Außenministerium Paul Carell bei der Ausbildung verwenden.“ Die Antwort des Bundesministeriums der Verteidigung vom 25. Mai an Arnold lautet: „Texte des SS-Obersturmbannführers Paul Carell“ in den „angesprochenen ,Hilfen für den Gefechtsdienst` werden in der Bundeswehr nicht mehr genutzt. Die Inspekteure des Heeres und der Streitkräftebasis haben bereits im Mai und Juni 2009 ihre weitere Nutzung durch Ausbildungseinrichtungen und Truppenteile untersagt. Die Ausbildungshilfe ,Einsatznah ausbilden` wird derzeit vom Heeresamt im Zusammenwirken mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt und dem Streitkräfteamt für eine Neuausgabe überarbeitet.“ Bis 2009 dienten die Texte des NS-Pressechefs also auf jeden Fall der „einsatznahen Ausbildung“. Nach der Überarbeitung wird sich zeigen, wes Geistes Kind die künftigen „Hilfen für den Gefechtsdienst“ sind.

Wigbert Benz ist DFG-VK-Mitglied, Lehrer und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg

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