Anti-Militarisierung

Die Militarisierung der Außen- und der Innenpolitik sind zwei Seiten einer Kriegsmedaille. Während die Bundeswehr sich immer neue Einsatzgebiete außerhalb der Bundesrepublik ersch(l)ießt, wird auch die Militarisierung im Innern immer weiter vorangetrieben: Die Überwachung der Bevölkerung nimmt zu, die Polizei rüstet auf und die Bundeswehr wird immer häufiger im Inland eingesetzt. Zudem sollen die Menschen auch geistig auf die militaristische Sicherheitspolitik „auf Linie“ gebracht werden – mit Werbung und Propaganda an der Heimatfront. Über all diese Themen berichten wir hier.

Anti-Militarisierung

Gesamtschau der Bundeswehr-Rekrutierungsmaßnahmen

Besprechung aktueller Literatur für PazifstInnen und AntimilitaristInnen
Von Frank Brendle
http://www.zc-online.de
(für Zivilcourage 1-2011)



Michael Schulze von Glaßer: An der Heimatfront. Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr.

PapyRossa, Köln 2010, 260 Seiten, 16 Euro
https://www.dfg-vk.de/shop/buecher/127/an_der_heimatfront
im DFG-VK-Webshop



Eine Achillesferse der deutschen Kriegspolitik wird immer deutlicher erkennbar: Der schwindende personelle Unterbau. Seit Jahren dünnt sich das Bewerberaufkommen bei der Bundeswehr aus, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Die Gründe liegen auf der Hand: demographische Entwicklung einerseits, hausgemachte De-Attraktivierung durch Kriegseinsätze andererseits. Wie jedes Unternehmen versucht auch das Militär, dem schlechten Image durch großangelegte Reklame entgegenzutreten. Alleine letztes Jahr hat die Bundeswehr nach eigenen Angaben fast eine Million „Zielgruppenzugehörige“, also Jugendliche und junge Erwachsene, im direkten Kontakt erreicht - durch Präsenz von Infoteams auf Messen und Ausstellungen oder durch Vorträge von Jugendoffizieren und Wehrdienstberatern an Schulen. Hinzu kommen spezifische Musik- und Sportveranstaltungen, zum Teil in Kooperation mit Jugendzeitschriften wie „Bravo“. Die Big-Band der Bundeswehr versucht derweil, bei der breiten Masse einen guten Eindruck als swingende Popgruppe zu machen.

Die Friedensbewegung hat die Bedeutung dieses Themas ebenfalls erkannt, immer mehr Gruppen engagieren sich in der Anti-Rekrutierungsarbeit. Und nicht nur Friedensgruppen: Dass die Bildungsministerien der Bundesländer in den letzten zweieinhalb Jahren in Kooperationsabkommen mit den Militärs deren wachsenden Einfluss auf die „Bildung“ von Schülerinnen und Schülern abgesegnet haben, ja ihn ausdrücklich einfordern, ruft auch Gewerkschaften wie die GEW, Schüler- und Elterninitiativen und sogar Kinderschutzgruppen auf den Plan.

Das wichtigste Verdienst des Buches von Glaßer ist es, einen Gesamtüberblick über diese verschiedenen Werbeformate der Bundeswehr zu liefern. Völlig zu Recht verweist er dabei auf den fließenden Übergang von jugendspezifischer Nachwuchswerbung und allgemeiner Öffentlichkeitsarbeit. Glaßer stellt akribisch (mitunter zu akribisch) Dutzende einzelner Reklameformate vor. Dabei lebt die Darstellung erkennbar davon, dass der Autor - als antimilitaristischer Aktivist - häufig aus erster Hand berichtet.

Glaßers Werk ist eine Art Handbuch für PraktikerInnen der Friedensbewegung. Zu seinen Stärken gehört die Darstellung der Funktion der Jugendoffiziere und der von ihnen ausgehenden Indoktrination. Das Buch liefert eine Fülle von Hinweisen und Zitaten aus Militärquellen, die für die Bewertung der jeweiligen Reklamearten wichtig sind und die der praktischen Arbeit von Friedensgruppen direkt mit Argumenten zuarbeiten. Man muss sich diese Argumente allerdings bisweilen mühsam herausklauben. Struktur und Aufbau sind mitunter eine Herausforderung, es geht sehr sprunghaft und redundant zu. Manchmal hätte man sich etwas weniger Beschreibung und etwas mehr Analyse gewünscht. So, wenn Glaßer die Reklametätigkeit als Form der Militarisierung wertet, die „größtenteils unbemerkt vonstatten“ geht - ohne die Frage zu stellen, ob es eine unbemerkte Militarisierung überhaupt geben kann, und ohne den Begriff auch nur annähernd zu definieren. Es wird nicht erkennbar, inwieweit die einzelnen Bundeswehr-Reklameformate nach ihrer Bedeutung bzw. „Effektivität“ zu gewichten sind.

Mit dem Wegfall der Wehrpflicht stehen der Bundeswehr weitere Herausforderungen bei ihrer Nachwuchswerbung bevor. Aktuelle Umfragen zeigen, dass Jugendliche nur wenig geneigt sind, sich freiwillig zu verpflichten. Dementsprechend wird die Bundeswehr ihre Reklametätigkeit ausweiten. So knapp, wie die Bewerberlage derzeit ist, kann Anti-Rekrutierungsarbeit einen wichtigen Beitrag leisten, die Kriegführungsfähigkeit der BRD zu schwächen. Glaßers Buch erscheint daher zum richtigen Zeitpunkt und sei allen aktiven Friedensgruppen empfohlen.

Frank Brendle

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