Anti-Militarisierung

Die Militarisierung der Außen- und der Innenpolitik sind zwei Seiten einer Kriegsmedaille. Während die Bundeswehr sich immer neue Einsatzgebiete außerhalb der Bundesrepublik ersch(l)ießt, wird auch die Militarisierung im Innern immer weiter vorangetrieben: Die Überwachung der Bevölkerung nimmt zu, die Polizei rüstet auf und die Bundeswehr wird immer häufiger im Inland eingesetzt. Zudem sollen die Menschen auch geistig auf die militaristische Sicherheitspolitik „auf Linie“ gebracht werden – mit Werbung und Propaganda an der Heimatfront. Über all diese Themen berichten wir hier.

Anti-Militarisierung

(Nicht) Zum Heulen - Kritische Gedanken zum „Ehrenmal“ der Bundeswehr nach einem Jahr des Bestehens

Von Eugen Januschke(für ZivilCourage – Das Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus – 4/2010)

Wie zu erwarten war, zeigte das erste Betriebsjahr des neuen Ehrenmals der Bundeswehr, dass es weder von den Medien noch von der Bevölkerung angenommen wird. Man könnte es dabei bewenden lassen, dies festzustellen, wenn sich andererseits nicht einiges getan hätte in der neuen Opferökonomie deutscher Kriegseinsätze während des vergangenen Jahres. Und es ist davor zu warnen, aus der mangelnden Annahme des Ehrenmals auf einen Stillstand in der Entwicklung des Kultes um den toten Bundeswehrsoldaten zu schließen.


Katastrophaler Beginn

War das symbolische Desaster des Ehrenmals schon vor seiner Eröffnung absehbar, begann sein erstes Betriebsjahr mit einer realen Katastrophe. Vier Tage vor seiner Einweihung wurden am 4. September auf Veranlassung von Bundeswehrsoldaten mehr als 140 Afghanen Opfer eines Massakers. Dieser Skandal wurde gesteigert durch den Versuch der Vertuschung von Ausmaß und Hergang des Massakers; ganz zu schweigen von der Frage, wer von was wann wusste und wofür in welchem Sinne Verantwortung trägt. Dieser Umgang mit den afghanischen Opfern drängt die Frage nach einem Vergleich mit den in Afghanistan getöteten Soldaten auf und ob es Zusammenhänge gibt, welchen Opfern welche Bedeutung beigemessen wird.

Zunächst hatte die Ehrung der in Afghanistan zu Tode gekommenen Bundeswehrsoldaten damit zu kämpfen, dass es dort offiziell gar keinen Krieg gibt. Und ein Krieg ist semantisch gesehen eine Voraussetzung, um ordentlich von einem „gefallenen Soldaten“ zu reden. Nun hat Guttenberg am 4. April, nachdem drei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan durch Feindeinwirkung getötet wurden, diese sprachliche Lücke mit dem rhetorischen Kunstgriff geschlossen, den Krieg zumindest umgangssprachlich zu erklären. Die Praxis des Kultes um den toten Soldaten steht dennoch weiterhin vor dem Dilemma, einen Weg finden zu müssen, der einerseits Ehre für die toten Soldaten herstellt, aber andererseits nicht dazu führt, dass das Beklagen dieser Toten die Kriegsführungsfähigkeit Deutschlands untergräbt.


„Freiwilligkeit“ entlastet

Ein zentrales Moment im Versuch, diese in sich widersprüchlichen Aufgabe zu erfüllen, stellt gerade der propagierte Charakter des Opfertodes der Bundeswehrsoldaten als sakrificium dar. Sacrificium bezieht sich im heutigen Sprachgebrauch auf den selbstbestimmten Einsatz des eigenen Lebens in einem heroischen Sinne für Ziele, hinter denen man selbst steht. So wird dem Bundeswehrsoldaten unterstellt, dass er ohne jeglichen Zwang oder Druck und aus hehren Zielen im vollen Wissen um das Todesrisiko in den Kampf nach Afghanistan zieht. Die Freiwilligkeit des Einsatzes und das Wissen um das Todesrisiko durch die Soldaten entlasten PolitikerInnen und Bevölkerung von der Verantwortung, Soldaten in den Tod zu schicken. Zudem geben die dem Krieg und den Soldaten unterstellten edlen Ziele ihrem Tod Sinn, indem diese Werte über das einzelne, konkrete Leben hinausweisen. Damit wird nicht nur der Tod der Soldaten entschuldigt, sondern dem toten Soldaten kommt erhöhte Ehre als eine Art Märtyrer für die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu.

Gerade der letzte Punkt wendet sich aber auch gegen die Beklagenswertigkeit der afghanischen Opfer. Diese Opfer sind zwar zumindest größtenteils victima, die also unwillentlich einem fremden Geschick ausgeliefert sind, als passive und wehrlose Objekte von Gewalt. Genau jene Sinnlosigkeit des Todes der afghanischen Opfer wird aber mit der mangelnden Sinnhaftigkeit konterkariert, die für viele westliche Betrachter sowieso dem Leben dieser Menschen anhaftet. Indem den Leben der AfghanenInnen Werte wie Freiheit, Emanzipation und Fortschritt bisher noch nicht zukommen und ihnen erst noch gebracht werden müssen, hat ihr Leben in einer gewissen Weise bis jetzt noch gar nicht begonnen. Damit fehlt eine wesentliche Dimension, den Verlust ihres Lebens überhaupt als beklagenswert zu erachten.

Die unterschiedliche Wertbestimmung der Opfer dient somit der Affektregulierung, in welchem Ausmaß die jeweiligen Opfer beklagenswert erscheinen. Der unterschiedliche Opferwert ist Teil der Rahmungen der Repräsentation der Opfer, die für Judith Butler (2010: Raster des Krieges) entscheidend dafür ist, wie sehr wir ein Leben beklagen. In Bezug auf Butlers Analyse kann auch der prekäre Status des Kultes um den toten Bundeswehrsoldaten verdeutlicht werden. Gerade nach dem Massaker von Kundus bedarf es eines Kultes, der zwar nicht all zu viel Trauer um die toten Soldaten freisetzt, um die Kriegsführungsfähigkeit Deutschlands zu beeinträchtigen. Anderseits soll dieser Kult dennoch erlauben, den Wert der zu Tode gekommenen Bundeswehrsoldaten hoch zu rechnen, indem aus diesen eine Art Märtyrer für die freiheitlich-demokratische Grundordnung gemacht werden. Dies ermöglicht dann im Gegenzug den Wert der Opfer in der afghanischen Bevölkerung durch Bundeswehrsoldaten klein zu rechnen, indem behauptet wird, die sie ermordenden Bundeswehrsoldaten hätten doch eigentlich für sie und deren Zukunft gekämpft; damit deren Leben erst richtig beginnen könne.

Aus diesem Blickwinkel müssen die Aktionen der Friedensbewegung zum ersten Jahrestag des Massakers von Kundus dahingehend betrachtet werden, inwieweit es dort nicht nur gelang, den Tod der Menschen zu skandalisieren. Die Betrauerbarkeit der afghanischen Opfer hängt nicht nur von der Betonung deren victima-Charakters ab, sondern auch davon, die Rahmung der Opfer als diejenige von nicht vollwertigen Lebenden zu thematisieren und zu durchbrechen. Und unverzichtbarer Teil der aktuellen Rahmung der afghanischen Opfer ist eben auch der Kult um den toten Bundeswehrsoldaten. Deshalb lohnt es auch, sich mit dem Ehrenmal der Bundeswehr auseinanderzusetzen, selbst wenn dessen symbolisches Desaster es einem nicht leicht macht, diesen Bau überhaupt ernst zu nehmen.


Konstruktionsfehler

Dabei ist im Sinne der gewünschten Affektregulierung durch den Totenkult bisweilen schwer einschätzbar, was Absicht der Erbauer des Ehrenmals war, und was Konstruktionsfehler ist, aber im Effekt zu seiner mangelnden Annahme durch Medien und Öffentlichkeit führt. Konstruktionsfehler ist sicherlich der Umstand, dass die baulichen Gegebenheiten kein klassisches Bild zur Kranzniederlegung von PolikerInnen im Innenraum des Ehrenmals zulassen. Hierzu müsste über die Kränze hinweg - möglichst von vorne - der bedeutungsschwangere Blick der PolitikerInnen eingefangen werden, wie dies zum Beispiel bei der Neuen Wache gut funktioniert. Indem dort die FotografInnen an der Seitenwand entlang relativ problemlos bis zur Stirnwand des Innenraumes gelangen können und somit den PolitikerInnen schräg von vorn gegenüberstehen, können deren Gesichter und die abgelegten Kränze auf einem Bild gut aufgenommen werden.

Der geschlossene Innenraum des neuen Ehrenmals der Bundeswehr wurde zwar der Neuen Wache nachempfunden, aber an der Stirnseite findet sich auf die gesamte Breite eine erhöhte und schiefe Abschlussplatte - der Ort, an dem die Kränze abgelegt werden sollen. Im Ehrenmal müsste sich deshalb die FotografIn für ein vergleichbares Bild auf diese schiefe Platte selbst stellen; ein womöglich verletzungsgefährdendes aber zumindest pietätloses Unterfangen, da in diesem sakralen Raum die schiefe Platte als „Ersatzaltar“ fungiert, der in der künstlerischen Selbstbeschreibung des Ehrenmals mit dem gewaltsamen Hereinbrechen des Todes in das Leben symbolisch aufgeladen wird. Alternativ können die PolitkerInnen lediglich von der Seite aufgenommen werden, wobei hierzu angesichts einer Gesamtbreite des Raumes von acht Metern bei mehren PolitikerInnen wenig Platz bleibt. Ohne die Möglichkeit eines solchen Kranzniederlegungsbildes ist die mediale Repräsentation gerade zu Anlässen wie dem Volkstrauertag stark beeinträchtigt.


9 Stunden Wartezeit für 8 Sekunden Ehre

Ein Konstruktionsfehler anderer Art liegt wohl bei der Namenseinblendung der verstorbenen Soldaten vor. In dem ursprünglichen, durch das Verteidigungsministerium prämierten Plan zum Ehrenmal war überhaupt keine Namensnennung vorgesehen und wurde erst nach vehementen Protest doch noch in bescheidenster Weise in den Bau integriert. Dies macht deutlich, dass es von Anfang an gar nicht um die einzelnen konkreten Leben ging, die im Ehrenmal betrauert werden sollen. Dass diese Unsinnlichkeit des Ehrenmals als Ort der Trauer noch in grotesker Weise durch die geisterhafte Einblendung der Namen für acht Sekunden - fast versteckt auf der Rückseite des Innenraums über dem Durchgang zur Säulenvorhalle - überzeichnet wird, dürfte aber wieder einen Planungsfehler darstellen. Man stelle sich vor, Trauernde müssen bis zu neun Stunden warten, bis der Name ihres zu Betrauernden für ein paar Sekunden auftaucht. Denn neun Stunden dauert im Moment etwa ein Durchlauf aller Namen. Eine „Vorhersage“, wann ein bestimmter Name eingeblendet wird, gibt es nicht. Aber um zum Trauern eines geliebten Menschen einen bestimmten Ort aufsuchen zu wollen, ist eine sinnliche Verbindung zu diesem Toten förderlich. Dies muss nicht immer der Ort des Todes oder der Beerdigung sein. Es kann auch ein Ort sein, der eine Rolle in dem Leben dieses Menschen gespielt hat. Als symbolische Minimalversion kann auch die permanente, „verewigte“ Namensnennung fungieren, wie sich dies prominent am Vietnam Memorial in Washington zeigt.


Eine schiefe Betonplatte als Altarersatz

Aber der Kontrollwunsch zur Affektregulierung hat gesiegt und so ist das Ehrenmal steril und leer. Eine schiefe Betonplatte als Altarersatz im Innenraum und goldene Sprühfarbe auf dem Sichtbeton der Rückseite der Säulenvorhalle lassen wohl viele Trauernde eher kalt. Und der das Ende des im künstlerischen Konzept des Ehrenmals inszenierten Aufenthalts bildende goldene Spruch auf goldenem Grund „Den Toten unserer Bundeswehr für Frieden, Recht und Freiheit“ als einzige Inschrift des Denkmals kann Trauernde kaum trösten. Dagegen ist das Ehrenmal leicht erkenntlich als Ort des sacrificium-Kultes um den toten Bundeswehrsoldaten. Dem angeblichen heroischen Selbstopfer der Bundeswehrsoldaten für höhere Werte wird gehuldigt zwischen schiefer Opferplatte und goldfarbener Wand.

Diese Affektregulierung des Kultes um den toten Bundeswehrsoldaten sollte man aber nicht nur als wichtiges Moment der Kriegsführungsfähigkeit der Bundeswehr sehen, in dem es den Soldaten Ehre zukommen lässt, ohne von der Trauer und daran anschließende Sinnfragen behindert zu werden. Sondern es gilt, auch seine Funktion in der Opferökonomie zur Rahmung der afghanischen Toten als wenig betrauernswert wahrzunehmen. Damit bleibt das Ehrenmal trotz seiner dilettantischen Gestaltung und der Ignorierung durch die Öffentlichkeit weiterhin ein möglicher Ansatzpunkt friedensbewegten und antimilitaristischen Protestes. Es gilt einzudringen in den symbolischen Raum zwischen schiefer Opferplatte und goldener Wand, um dessen Sinnproduktion zu zerstören. Notwendig ist nicht nur, den afghanischen Opfern Gesicht und Stimme zu geben, sondern es muss auch die differenzierende Wirkung der gebetsmühlenhaften Propagierung von „Friede, Recht und Freiheit“ auf die unterschiedliche Betrauerbarkeit von Leben sabotiert werden.

Eugen Januschke ist aktiv im DFG-VK-Landesverband Berlin-Brandenburg

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