Anti-Militarisierung

Die Militarisierung der Außen- und der Innenpolitik sind zwei Seiten einer Kriegsmedaille. Während die Bundeswehr sich immer neue Einsatzgebiete außerhalb der Bundesrepublik ersch(l)ießt, wird auch die Militarisierung im Innern immer weiter vorangetrieben: Die Überwachung der Bevölkerung nimmt zu, die Polizei rüstet auf und die Bundeswehr wird immer häufiger im Inland eingesetzt. Zudem sollen die Menschen auch geistig auf die militaristische Sicherheitspolitik „auf Linie“ gebracht werden – mit Werbung und Propaganda an der Heimatfront. Über all diese Themen berichten wir hier.

Anti-Militarisierung

Rekrutierungsstrategien - Nützliches Material für Bundeswehrkritiker und Kriegsgegner

Rezension
Michael Schulze von Glaßer: An der Heimatfront - Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr. (von Gerd Bedszent für junge Welt)

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Die vorläufige Aussetzung der Wehrpflicht wurde von vielen Linken als Sieg angesehen, andere warnten vor den Folgen einer Umwandlung der Bundeswehr in eine Söldnerarmee. Beides ist berechtigt. Es handelt sich um einen Teilsieg, aber das Ziel – weltweite Abschaffung von Krieg und Militär – liegt noch in weiter Ferne. Mit der jüngsten Entwicklung der Militärtechnik war die allgemeine Wehrpflicht ohnehin ein Anachronismus geworden. Die Bundeswehrführung hielt daran vor allem fest, weil sie so über ein ideales Rekrutierungsfeld für Militärspezialisten verfügte. Die Werber werden jetzt verstärkt in anderen Bereichen der Gesellschaft aktiv.

Sehr nützliches Material für Bundeswehrkritiker und Kriegsgegner enthält der Band »An der Heimatfront. Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr«. Michael Schulze von Glaßer untersucht darin detailliert die verschiedenen Rekrutierungsstrategien, zitiert Werbebroschüren, Internetplattformen und Arbeitsmaterialien der Bundeswehr. Zutage tritt ein Netzwerk, das schon heute viele Bereiche der Gesellschaft umspannt. An Messeständen wird durch Bundeswehrangehörige die Technikbegeisterung von Kindern und Jugendlichen ausgenutzt, auf sogenannten Informationsveranstaltungen vermitteln Jugend­offiziere ein schöngefärbtes Bild vom Truppendienst. Stumpfsinn und Öde, fehlendes Privatleben und Todesgefahr bei Auslandseinsätzen werden nicht erwähnt oder kleingeredet. Schon gar kein Thema sind die von Bundeswehrangehörigen begangenen Kriegsverbrechen. Für die Anwerbung werden Musik- und Sportveranstaltungen genutzt, Internetforen, Computerspiele, Radiosendungen und Filme. In beliebten Jungendmagazinen erscheinen regelmäßig bezahlte Anzeigen.

Besonders perfide ist die Militärwerbung neoliberaler Thinktanks, die auf den ersten Blick nichts mit der Bundeswehr zu tun haben. Als Beispiel nennt der Autor Materialien für den Schulunterricht, die von der vermeintlich unabhängigen »Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e.V.« herausgegeben werden. Im von ihr produzierten Schülermagazin mußten schon Bilder afrikanischer Bootsflüchtlinge vor der spanischen Küste als Antwort für die Frage herhalten, »warum wir Soldaten brauchen«. Die herausgebende »Universum Verlags GmbH« befindet sich zu 100 Prozent im Besitz der FDP, die Produktionskosten trägt die Bundesregierung.

Bei den massiven Versuchen, die öffentliche Meinung zu manipulieren, darf natürlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht fehlen: Der Autor nennt zahlreiche Filme und Serien, die in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr entstanden – ein Schelm, wer meint, ohne Gegenleistung. Militärkritik ist in diesen Werken jedenfalls nicht zu sehen.

Schon heute stammt die Mehrheit der in Afghanistan stationierten Bundeswehrsoldaten aus den verarmten Regionen Neufünflands. Der Autor nennt im letzten Kapitel des Buches verschiedene Kampagnen und Organisationen, die den Rekrutierungsprogrammen der Bundeswehr Widerstand entgegensetzen: Ohne Soldaten kein Militär!


Michael Schulze von Glaßer: An der Heimatfront - Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr. PapyRossa Verlag, Köln 2010, 260 Seiten, 16 Euro

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