Theorie und Praxis

Der politische Pazifismus unseres Verbands verlangt dauerhaftes politisches Handeln mit dem Ziel, Bedingungen für eine Welt ohne Krieg und Unterdrückung zu schaffen. Aus der Überzeugung, dass sich Mittel und Ziel entsprechen müssen, verfolgt die DFG-VK ihre politischen Ziele ausschließlich mit gewaltfreien Mitteln. Über die dazugehörige Theorie und die Praxis unseres Handelns gibt es hier weitere Informationen – außerdem geht es auch um Interna aus unserem vielfältigen und unabhängigen Friedensverband.

Theorie und Praxis

Die Menschen entdecken ihre Stärke, wenn sie sich einig sind

Interview mit Gangolf Stocker, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen das Projekt Stuttgart 21 (in ZivilCourage – Das Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus – 4/2010)


Warum ist der Protest so groß und erfolgreich?

Weil Stuttgart 21 ein alle Bevölkerungsschichten übergreifendes Thema ist. Im Protest einigt sich z.B. die so genannte (wohlhabende) Halbhöhenlage mit dem (armen) Stuttgarter Osten. Alle sind gut informiert. Es gibt viele „Zugänge“ zum Protest gegen Stuttgart 21. Den Einen geht's ums Mineralwasser, anderen um den Bonatzbau, die Bäume, wieder anderen, wie mir, um den Erhalt eines funktionierenden Bahnknotens. Die Bürger wollen ihre Zukunft und ihre Stadt mitgestalten. Allen gemeinsam ist die Wut auf die Regierenden, die das Volk einfach ignorieren. Und ein Erfolgsrezept ist, dass wir einen kulturvollen Protest haben, dass die Menschen im Protest lernen. Wir reden miteinander, das ist auch Kultur, die Anonymität der Großstadt weicht einem Miteinander. Es ist eine Freude, am Button beim Einkaufen zu sehen, dass der bisher unbekannte Nachbar mit dabei ist. Die Montagsdemos sind zu einer Art Volkshochschule geworden. Am Zaun entfaltet sich der ganze Witz und Tiefgang der Gedanken, er ist ein Gesamtkunstwerk. Das macht Spaß. Die Menschen entdecken ihre Stärke, wenn sie sich einig sind.


Die Gegenseite wendet Gewalt an, Abbruch des Nordflügels, Demonstranten werden verhaftet und zusammengeschlagen - ist da friedlicher Protest die richtige Antwort? Da gilt Gangolf Stocker bei einigen als der angepasste Bremser!

Gegenfrage: Was haben wir mit den bisherigen friedlichen Protestformen erreicht? Einen politischen Druck auf alle Regierungsebenen, eine ausdauernde, beeindruckende Protestbewegung ist entstanden. Die Stuttgarter Bürger sind Topthema im Fernsehen, sogar weltweit in den Medien. Sympathie kommt aus der ganzen Welt. Kürzlich hatte ich ein Interview mit der New York Times, demnächst eines mit The Economist. Und alle wollen wissen: Was ist los in Stuttgart? Ich sage dann immer: „Das Volk ist los.“ Das ist ein Ergebnis dieser Friedlichkeit. Ziviler Ungehorsam ist legitim - Whyl, Wackersdorf und Kalkar - geben uns Recht. Abgesehen davon, dass es überall, auch bei der Polizei, Schläger gibt, abgesehen davon, dass viele Reaktionen auf beiden Seiten dem Stress geschuldet sind, macht die Polizei ihre Arbeit, und sie muss sich dabei auch ziemlich blöd und ausgenützt vorkommen. Wir selbst haben nur eine Chance mit friedlichem Protest. Solange er friedlich bleibt, bleibt er machtvoll, weil alle dabei sind. Und wir wollen, dass alle dabei bleiben und bei zukünftigen Protestformen mitziehen. Das ist unsere Stärke.


Wie erklären Sie sich die bedingungslose Härte der S21-Befürworter bei Stadt, Land und Bahn? Da muss doch viel auf dem Spiel stehen.

Natürlich, es geht um hunderte Millionen Profite für die Bau- und Immobilienindustrie.


Was halten Sie vom SPD-Vorschlag eines Volksentscheids?

Der Fraktionsvorsitzende Schmiedel, und der Landesvorsitzende Schmid wollen einen Volksentscheid mit dem erklärten Ziel, damit S21 zu legitimieren. Abgesehen davon, dass ihr Vorschlag nicht gehen wird: Man kann dabei auch verlieren. Aber die SPD vertraut ja darauf, dass die CDU nicht mitmacht, will aber mit ihrem Vorschlag Landtagswahlkampf machen. Genauso gut könnten sie auch plakatieren: „Wir haben es nicht so gemeint“. Das Bündnis gegen S21 fordert einen einfacheren Weg: Bürgerbefragung, und zwar eine verbindliche Bürgerbefragung, spätestens bei der Landtagswahl. Bis dahin einen Baustopp.


Kann „Stuttgart 21“ noch gestoppt werden?

S 21 hat doch noch gar nicht richtig begonnen! Den Nordflügel, den bauen wir wieder auf. Und die Politik geht doch schon in die Knie! Herr Mappus hat einen Haufen CDU-Mandatsträger zu versorgen und will und darf die Wahl nicht verlieren. Wir sagen allen bislang Unbelehrbaren: Es gibt einen Ausweg. Stellt euch hin und sagt den Menschen: Wir haben damals, vor fünfzehn Jahren ein anderes Projekt beschlossen, hatten keine Ahnung, jetzt explodieren die Kosten und der Protest. Und vor allem: Jetzt kommt die Wahrheit langsam ans Licht. Wir steigen aus! Alle Vertragspartner sind öffentlich-rechtliche. In einer Viertelstunde wären die Verträge gelöst. Und die Stuttgarter würden ein riesiges Demokratiefest feiern. Ich habe zu Bahnchef Grube mal gesagt: „Das halten Sie nicht durch.“ Er antwortete „Das halten wir durch.“ Ich glaube, an dieser Wette bastelt er noch. Aber nicht mehr lange.


Gangolf Stocker, 66, ist Sprecher des Aktionsbündnisses gegen das Projekt Stuttgart 21. Der Künstler ist Mitglied des Stuttgarter Gemeinderats, wo seine Wählerinitiative „Stuttgart Ökologisch Sozial“ (SÖS), die drei Mandate hat, zusammen mit zwei Linke-Stadträten eine Fraktionsgemeinschaft bildet. 1967 verweigerte Stocker Militär- und Zivildienst und wurde als Totalverweigerer zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 1968 war er Vorsitzender des Bezirks Mittelbaden des Verbands der Kriegsdienstverweigerer, einer Vorläuferorganisation der DFG-VK. Die Bitte, für die ZivilCourage einen Beitrag über den Protest und Widerstand gegen „Stuttgart 21“ zu schreiben, musste er aus Zeitgründen ablehnen, stellte uns aber den Rohtext eines Interviews zur Verfügung, das er für die Zeitschrift der SÖS-/Linke-Fraktionsgemeinschaft gegeben hatte; dieser Text wurde für die Veröffentlichung hier redaktionell bearbeitet.


http://www.dfg-vk.de/thematisches/pazifismus/2010/516
Bei Abriss Aufstand - Die Schwaben proben die Revolution


https://www.dfg-vk.de/verschiedenes/texte/2010/143
Kommentar: Gescheiterte Bahnhofs-Mission

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