Theorie und Praxis

Der politische Pazifismus unseres Verbands verlangt dauerhaftes politisches Handeln mit dem Ziel, Bedingungen für eine Welt ohne Krieg und Unterdrückung zu schaffen. Aus der Überzeugung, dass sich Mittel und Ziel entsprechen müssen, verfolgt die DFG-VK ihre politischen Ziele ausschließlich mit gewaltfreien Mitteln. Über die dazugehörige Theorie und die Praxis unseres Handelns gibt es hier weitere Informationen – außerdem geht es auch um Interna aus unserem vielfältigen und unabhängigen Friedensverband.

Theorie und Praxis

Gottloser Pazifismus

Der unter dem Titel „Kriegsdienste verweigern - Pazifismus aktuell" im Oppo-Verlag erschienene Band dokumentiert „libertäre und humanistische Positionen" mit der Absicht, die Verbindung von Pazifismus und Humanismus (womit in diesem Zusammenhang freidenkerische, atheistische und agnostische Positionen gemeint sind) zu fördern.

Das Buch ist durch eine zweifache Frontstellung gekennzeichnet: Einmal gegen die Dominanz religiöser Argumentationsweisen in den Friedensbewegungen, dann gegen die oft „realsozialistisch" geprägten etatistischen und schon deshalb nicht pazifistischen Motive von Freidenkerverbänden. Das Gewaltpotential alter und neuer Religionen wird hervorgehoben, auch wenn zugestanden wird, dass in aller Welt viele antimilitaristische und gegen Gewalt sich wendende Bewegungen religiös inspiriert sind (S. 24).

Wohl alle AutorInnen des Bandes würden den staatlichen Anspruch auf Zwangsrekrutierung bestreiten, so dass auch Strafen, Ersatzdienste usw. für solche Entscheidungen nicht legitim sein können. Konsequent ist es dann, die Nichtzusammenarbeit mit militärischen Behörden aus dem Recht auf Leben, Freiheit, körperliche Unversehrtheit abzuleiten und nicht aus der Gedanken-, Religions- und Gewissensfreiheit.

Auch die Verweigerung von Kriegsdiensten wird also nicht (wie es in der Geschichte der Verweigerungen überwiegend der Fall war) religiös begründet, sondern mit den Menschenrechten, wie der Herausgeber Wolfram Beyer unter Berufung auf Hannah Arendt darlegt. Er, wie Gernot Lennert in dem scharfsinnigen Beitrag „Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen und Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung: ein Widerspruch", wollen die Menschenrechte aus dem national-staatlichen Kontext lösen und ihre universalistische Geltung durchsetzen.

Kriegsdienstverweigerung ist das Recht aller Menschen

Besonders der Text von Gernot Lennert, der zu einer eingehenden Diskussion geradezu herausfordert, begründet ausführlich, warum Kriegsdienstverweigerung vorbehaltlos als Recht aller Menschen verstanden werden sollte, nicht als Sonderrecht religiös geprägter „Gewissensverweigerer". So sehr ich dem zustimme, stellt sich doch die Frage, ob man um die Gewissensentscheidung herumkommt, solange die Staaten eben jenes Recht der Zwangsrekrutierung in Anspruch nehmen und oft große Teile, gar überwältigende Mehrheiten der Gesellschaft das für legitim halten.

Dass Menschenrechtsdiskurse in der internationalen Politik derzeit gerade der Legitimation von Krieg und Gewalt dienen, erwähnt der Herausgeber (S.12). Aber welche Konsequenzen hat es, wenn wahrscheinlich kein Krieg mehr ohne menschenrechtliche (Neben-) Begründungen geführt werden wird? Ich habe den Verdacht, dass das, was man auch „Gewissen" nennen kann, etwas zu schnell verabschiedet wird: Das Festhalten an eigenen, auch und gerade einsamen und scharf abweichenden Überzeugungen gegen eine feindselige Umwelt. Die Frage wird im letzten Beitrag des Bandes von Wolfgang Zucht angesprochen unter dem Begriff der „Selbstachtung" (S. 138).

Humanistisches Denken bei Gandhi

„Humanistisches Denken bei Mahatma Gandhi" behandelt Mark Lindley. Ohne in Gandhi-Philologie einzusteigen, ist mein Eindruck, dass Lindley manche ironische Wendung Gandhis zu ernst nimmt und auch Eigenheiten hinduistischer und Jaina-„Religiosität" verkennt. Diese sind weniger abgrenzend als man es von den monotheistischen Religionen gewohnt ist. So kann Gandhi etwa folgendes sagen: „Den größten Trost spendet mir die Lektüre des Ramayana von Tulsidas, aber auch das Neue Testament und der Koran sind tröstlich für mich. Ich nähere mich ihnen nicht kritisch. Für mich sind sie ebenso wichtig wie die Bhagavadgita, auch wenn nicht alles in der letzteren mich anspricht, ebenso wie nicht alles in den Paulusbriefen, zum Beispiel, oder bei Tulsidas ..." Der Text aus Harijan (5.12.1936) wird dann so weitergeführt, dass „Mr. Mathews" Gandhi als Protestanten bezeichnet, worauf dieser antwortet: „Ich weiß nicht, was ich bin oder nicht bin. Herr Hodge nennt mich einen Presbyterianer! Mr. Mathews: Wo liegt für Sie die Autorität? Gandhi: Sie liegt hier (zeigt auf seine Brust)..." Deshalb kann Gandhi sich auch als Atheist bezeichnen, er weist im Wesentlichen nur Zuschreibungen zurück und beharrt auf der eigenen Suche. Aber das macht ihn keineswegs zum säkularen Humanisten; er weist auch die Ansicht zurück, der Buddhismus oder Jainismus seien atheistisch, weil sie keinen persönlichen Gott und keine Götter kennen. In diesem Zusammenhang definiert er in Young India 1925: „The sum total of Karma is God. That which impels man to do the right is God. The total sum of all that lives is God ..." (MGCW 26, S. 571). Und die Frage, wie man Atheisten überzeugen kann, beantwortet er 1940 ganz ernsthaft: Nur durch das gute Beispiel. „Innumerable books have been written to prove the existence of God, and if arguments could have prevailed, there would not be a single atheist in the world today. But the opposite is the case ..." (MGCW 72, S. 418). Im September 1941 schreibt er an Ramachandra Rao: „Atheism is a denial of self." (MGCW 74, S.311)

Einen zunehmenden Humanismus Gandhis erkennt man, wenn man bestimmte Aussagen und Praktiken nur in einem humanistischen Kontext für möglich hält, etwa die Heirat zwischen Kasten. Hier liegt aber offensichtlich eine religiöse Überzeugung vor, die starre Regeln überwindet und mit dem „Eigentlichen" der Religion für soziale Reformen oder den Abbau von Herrschaft argumentiert.

Interessant sind die Informationen über den indischen Atheisten Gora. Die Arbeiten von Mark Lindley über ihn und das „Atheist Center" in Vijayawada sollten vielleicht auf deutsch erscheinen? Der Atheismus hat natürlich in Indien auch eine reiche Tradition, aber Gandhi ist gerade nicht Teil dieses Diskurses. Dies wird im Interview von Wolfram Beyer mit Helga Weber und Wolfgang Zucht im gleichen Band auch selbstverständlich vorausgesetzt.

Antiklerikale Subkultur in Frankreich

Kämpferisch atheistisch und antimilitaristisch zeigt sich eine antiklerikale Subkultur Frankreichs im Beitrag von Rene Burget; allerdings auch sehr hart gegen konkurrierende Freidenkerverbände, „die sich widerrechtlich ‚Freidenker' nennen" (S. 88). Sehr schlecht kommen auch Pazifisten mit religiösen Bindungen bei Burget weg: „Diese chemische Mischung der Frömmelnden ‚Weihwasser-Frösche' ist mit Ekel erregenden Süßstoffen angereichert." (S. 91)

Besonders die Richtung Mouvement pour une alternative non-violente (MAN/Jean-Marie Muller), die sich für Umrüstung einsetzt und ein Forschungsinstitut „von der Armee finanziert" (S. 91) bekam und das „Cun" auf dem Larzac „(Wo der Geist der Gründer sich im Nebel eines Gemischtwarenladens für gewaltlose Fortbildung aufgelöst hat, ohne antimilitaristische Würze)". Auch wenn ich hier „Schärfe" statt „Würze" übersetzt hätte: Gut gesagt. So etwas soll es ja geben! Zweifellos der streitbarste Text des Buches.

Die weiteren Beiträge des Bandes behandeln „persönliche Erfahrungen gegen religiöses und militaristisches Denken" (Heike Fischer), sind spannend zu lesen und verknüpfen die eigene Biographie mit politischen Entscheidungen. Außer dem Selbstverständigungstext von Heike Fischer finden wir drei Interviews: Mit dem 83jährigen IdK-Aktivisten Harry Hoffmann, der ursprünglich einem KPD-nahen Milieu entstammt, mit Uwe Timm, dem Individualanarchisten, der seit den 50er Jahren Kontakte zu den Hamburger Anarchisten hatte, in der Freigeistigen Jugend und bei der Jugendweihe aktiv wurde, Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IDK) und am Aktionskreis für Gewaltlosigkeit und den Ostermärschen beteiligt war. Helga Weber und Wolfgang Zucht sind der Zeitung Graswurzelrevolution seit der Gründung 1972 verbunden und waren in Gewaltfreien Aktionsgruppen aktiv. Hier sind die Einflüsse besonders des IJB/ISK (Internationaler Jugend-Bund/Internationaler Sozialistischer Kampfbund) zu erwähnen, mit denen Helga Weber durch ihre Eltern und Wolfgang Zucht kritisch durch einen Lehrer vertraut waren. Sehr anschaulich sind die Schilderungen über die Gruppen in den 50er und 60er Jahren: Naturfreunde, Internationale der Kriegsdienstgegner, Verband der Kriegsdienstverweigerer, dann die Arbeit bei der War Resisters' International (WRI) in England, ab 1973. Hier findet sich auch eine kleine Geschichte der Zeitung Graswurzelrevolution, einer Zeitung, die am gewaltfreien Anarchismus orientiert ist.

Ich fand sie alle interessant, obwohl ich mich manchmal gefragt habe, ob nicht die gleiche Kritik wie an den organisierten und privaten Religionen mittlerweile auch an der organisierten Religionskritik möglich wäre. Es gab atheistische Staaten und kämpfende Gottlose, vielleicht auch ein gottloses Muckertum und Pfaffen des Atheismus? Und ob im „Zeitalter der Extreme" Religiosität nicht durch Schlimmeres verdrängt wurde: Gerade wissenschaftliche Kriegführung, wissenschaftlicher Rassismus, aber auch die seltsamen Formen der Selbstvergottung und der säkularisierten Unsterblichkeit. Aber das mag der Stoff für einen Folgeband sein.

Johann Bauer

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitung
http://www.graswurzel.net
Graswurzelrevolution
Nr. 325, Januar 2008.


https://www.dfg-vk.de/dateien/Leseprobe_-_Kriegsdienste_verweigern_-_Pazifismus_aktuell.pdf
Leseprobe


Wolfram Beyer (Hrsg.): Kriegsdienste verweigern - Pazifismus aktuell: humanistische und libertäre Positionen, Oppo-Verlag, Berlin 2007, 155 S., 16,- Euro

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