Theorie und Praxis

Der politische Pazifismus unseres Verbands verlangt dauerhaftes politisches Handeln mit dem Ziel, Bedingungen für eine Welt ohne Krieg und Unterdrückung zu schaffen. Aus der Überzeugung, dass sich Mittel und Ziel entsprechen müssen, verfolgt die DFG-VK ihre politischen Ziele ausschließlich mit gewaltfreien Mitteln. Über die dazugehörige Theorie und die Praxis unseres Handelns gibt es hier weitere Informationen – außerdem geht es auch um Interna aus unserem vielfältigen und unabhängigen Friedensverband.

Theorie und Praxis

Symbolisches Desaster - Das »Ehrenmal der Bundeswehr« soll dem Soldatentod mehr Achtung verleihen

(von Eugen Januschke für Forum Pazifismus Nr. 24, Dezember 2009)

Anfang September 2009 ist in Berlin das »Ehrenmal« der Bundeswehr eingeweiht worden. Dort soll künftig der »infolge ihrer Dienstausübung verstorbenen« Militärangehörigen gedacht werden. Es soll einen Gedenkkult um den Soldatentod begründen, der Trost, Sinn, Legitimation und Motivation stiftet. Erreicht werden sollen sowohl Soldaten als auch deren Angehörige (bzw. »Hinterbliebene«) und die ganze Gesellschaft. Der Gedenkkult zielt letztlich darauf, die Kriegführungsfähigkeit der Bundeswehr mindestens zu erhalten, möglichst noch zu steigern. Damit unterscheidet sich das Ehrenmal auf den ersten Blick nicht von bisherigen Krieger- bzw. Opferdenkmälern, die überall in Deutschland vorzufinden sind. Dennoch: Gerade, dass diese alten Stätten nicht ausreichen, sondern den Planern im Bundeswehrministerium ein eigenes Denkmal nötig erscheint, deutet darauf hin, dass das Ehrenmal nicht geradlinig dem Gedenkkult des preußischdeutschen Militarismus entspricht.
Das zeigt schon ein Blick auf die Architektur: Das betrachtens- und lesenswerte Buch »Die beerdigte Nation« von Arndt Beck und Markus Euskirchen stellt insbesondere die Kriegerdenkmäler des alten Berliner Garnisonsfriedhofs am Columbiadamm vor. Es wird schnell klar, dass sich die martialischen Denkmäler des Kaiserreichs vom Ehrenmal erheblich unterscheiden. Sicherlich ist der Zweck dieser Denkmäler vergleichbar, aber weil die heutige deutsche Gesellschaft mit jener unter Kaiser Wilhelm II. nicht identisch ist, muss ein Kriegerdenkmal heute anders funktionieren. Zu dieser Andersheit, diesem Wandel in der Gesellschaft, entwickeln Militärstrategen und die ihnen zuarbeitenden Politikwissenschaftler zunehmend Gedanken.


Revolutionärer Heldentod

Von besonderer Bedeutung - zumindest aus Sicht der Bundeswehr - sind Vorstellungen vom Übergang einer »heroischen« in eine »postheroische« Gesellschaft. Zu den Vordenkern bei dieser Thematik gehört Herfried Münkler, Professor an der Humboldt-Universität Berlin. Münkler ist nicht nur ein populär gewordener Politikwissenschaftler, sondern kann als Politikstratege der Bundeswehr bezeichnet werden; immerhin sitzt er im Beirat der bundeswehreigenen Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) und macht sich häufig Gedanken, wie die Nato-Staaten die von ihnen losgetretenen - und von Münkler befürworteten - »asymmetrischen Kriege« effizienter führen können. Da ist es nur konsequent, dass die Militärs auch seinen Rat beim Ehrenmal haben wollten. So spielte Münkler eine hervorgehobene Rolle auf einer Tagung, die vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr im Oktober 2007 mitveranstaltet wurde (»Der Tod des Soldaten als demokratische Herausforderung. Ein internationaler Vergleich«) und sich konstruktiv-kritisch mit dem Ehrenmal auseinandersetzte. Sein Abendvortrag trug den Titel »Krieg und Legitimation«. Man muss Münklers Thesen nicht für richtig halten, sie zu kennen, ist aber hilfreich, um zu erfahren, welche Befürchtungen und Hoffnungen die Auftraggeber des Ehrenmals umtreiben.

(bild444) Der zentrale analytische Begriff bezüglich der jetzigen, westlichen Gesellschaft ist bei Münkler »postheroisch«. Was ist damit gemeint? Die Vorsilbe »post« deutet darauf hin, dass es einmal eine »heroische« Gesellschaft gegeben hat. Für deren Entstehung gibt es ein Datum: Die Französische Revolution von 1789 sowie die anschließenden Revolutions- und Befreiungskriege. Bei diesen Kriegen trat der »Volkswille« als entscheidendes Merkmal hinzu, ganz anders als bei den Kriegen der Jahrhunderte davor. Ob undisziplinierte Haufen von Landsknechten oder stehende Heere wie im Absolutismus: Über eine »innere Überzeugung« verfügten die Krieger bis 1789 nicht, Zusammenhalt und Schlagkraft der Truppe hingen allein von externen Faktoren ab (Bestrafung, Chance auf Plünderung und Beute, Soldzahlung, Kasernierung).

Erst die Französische Revolution verstand es, ihre Anhänger zu begeistern und von der Heiligkeit der Sache zu überzeugen. Darüber hinaus band sie tendenziell die ganze Gesellschaft mit ein. Wie allumfassend, bringt eindrücklich das Dekret zur allgemeinen Volksbewaffnung (levée en masse) des französischen Konvents vom 23. August 1793 zum Ausdruck: »Artikel 1. Von jetzt an bis zu dem Tage, an dem die Feinde vom Gebiet der Republik vertrieben sind, unterliegen alle Franzosen der ständigen Heeresdienstpflicht. Die jungen Männer ziehen in den Kampf, die verheirateten schmieden Waffen und befördern Verpflegung; die Frauen fertigen Zelte und Uniformen und leisten in den Lazaretten Dienst; die Kinder zupfen altes Leinenzeug zu Scharpie (Wundverbandmaterial - d. Verf.), die Alten lassen sich auf öffentliche Plätze tragen, um in den Kriegern Mut und Hass gegen die Könige anzustacheln und ihnen die Einheit der Republik ans Herz zu legen.« Dieses Dekret ist die Geburtsurkunde der heroischen Gesellschaft.

Der Begriff der »Begeisterung« bzw. des »Heroismus« soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die «»eroischen« Kriege mit Zwang, Folter und Drohungen geführt worden sind - dennoch trat das aktive Engagement der Gesamtbevölkerung mit Macht auf den Schauplatz.
Dass die Nation, die ja von der Französischen Revolution gleichsam erst geschaffen worden war, davon überzeugt war, Krieg für eine gute Sache zu führen, wurde für den Erfolg auf dem Schlachtfeld unverzichtbar. Das zeigte sich selbst in den vergleichsweise rückständigen Gebieten wie etwa in Deutschland zwischen 1813 und 1815 in den sogenannten Befreiungskriegen gegen Napoleons Armee: Deren Teilnehmer waren, wie auch relativ breite Bevölkerungskreise, von deren Legitimität überzeugt und damit auch vom Sinn des Soldatentodes - dieser wurde erstmals von breiteren Massen ausdrücklich als »Heldentod« wahrgenommen. Dieser Heroismus war regional und gesellschaftlich unterschiedlich ausgeprägt, im Wilhelminischen Kaiserreich fand er eine extrem aggressive Form im preußisch-deutschen Militarismus, die nur noch vom »Dritten Reich« übertroffen wurde.


Dilemma des »Postheroismus«

Das hat sich geändert - darin darf man Münkler wohl Recht geben. Münkler selbst verdeutlicht diesen Wandel in seinem Buch »Die neuen Kriege« anhand einer Kategorisierung des preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz. Dieser hatte den Krieg als ein Messen von physischen und moralischen Kräften dargestellt. Unter physischen Ressourcen sind Soldaten, Waffen, eventuell auch das Wirtschaftspotential zu verstehen, während die moralischen Ressourcen sich auf die Motivation und Opferbereitschaft von Soldaten und Bevölkerung beziehen. Für die heroische Gesellschaft gilt nun, dass sie eine relative Knappheit an den physischen Ressourcen im Vergleich zu den moralischen Ressourcen aufweist: Wo, wie im Frankreich des revolutionären Konventsdekrets, tendenziell die ganze Gesellschaft zu den Waffen greift, werden die Gewehre knapp. Die Moral hingegen steht wie ein Fels, und deren Pflege kann getrost den nicht mehr wehrdienstfähigen Alten überlassen werden.

Anders in den postheroischen Gesellschaften der heutigen westlichen Welt: Die Rüstungsindustrie hat schier unendliche Kapazitäten, vor allem, wenn man sie mit der Ausrüstung jener vergleicht, gegen die die Nato Krieg führt. Aber mit der Moral hapert es: Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr (SoWi) beklagt in seinem Jahresbericht 2008 eine »Casualty Shyness« und meint damit eine gesunkene »Toleranzschwelle für die Opfer von militärischen Einsätzen«. Tatsächlich wird ja jeder einzelne Soldat der Bundeswehr, der in Afghanistan »fällt«, zum Anlass für eine erregte Debatte über den Sinn des Einsatzes. Die deutsche Bevölkerung, so abgebrüht sie einem mitunter erscheinen mag, interessiert sich »sogar« für afghanische Zivilisten, die der Bundeswehr zum Opfer fallen. Festzuhalten bleibt: Relativ wenige Tote, seien sie auf der eigenen oder auf der gegnerischen Seite, machen den Krieg in der postheroischen Gesellschaft bereits unpopulär.

Ganz im Gegensatz, so lehrt Münkler, zu eben jenen neuen Gegnern, wie »wir« ihn nicht nur am Hindukusch vorfinden. Münkler spricht von »asymmetrischen Kriegen«, weil die Gegenseite noch an heroischen Vorstellungen festhalte: Wenn auch die (bild445) afghanischen Rebellen ungleich weniger Waffen haben als die Nato-Soldaten, so handelt es sich doch um »heroische« Gruppierungen, deren Kämpfer über eine hohe, ideologisch oder religiös inspirierte Motivation und Opferbereitschaft verfügten. Deswegen macht sich Münkler Sorgen: Die Taliban wiesen jene Qualität auf, die an anderer Stelle gern als »menschenverachtend« disqualifiziert wird. Sie opfern ihre eigenen Leute auf - nirgends deutlicher als im Selbstmordattentat. Der Helden-, sprich: Märtyrertod der Kämpfer schließt ihre eigenen Reihen nur noch fester zusammen. Und sie wissen genau, dass ihr scheinbar übermächtiger Gegner »feige«, sprich: postheroisch ist und auf dem Gebiete der Moral, also der Politik, geschlagen werden kann.

Mit dieser Analyse spricht Münkler nur aus, was Militärstrategen schon lange umtreibt. Das SoWi spricht vom »Dilemma« des Postheroismus und hat sogar einen eigenen Forschungsschwerpunkt eingerichtet, um Auswege hieraus zu suchen.
Münkler hat explizite Empfehlungen für die Soldaten und die Gesellschaft: Er wendet sich zwar gegen einen überspannten Heroismus, findet aber trotzdem: »Heroismus ist unverzichtbar.« Im Interview mit dem »Focus« führte er schon im Jahr 2002 aus: »Der Held ist dann gefordert, wenn postheroische Gesellschaften in Stresssituationen geraten. (...) Die Gesellschaft belohnt diese Vorbilder, indem sie ihnen zuspricht, was mit Geld nicht zu haben ist - eben den Status eines Heroen. Dieser wird geehrt als einer, der für die Werte einer Gesellschaft bis zum Äußersten einsteht. Ihm wird für seine Tat eine Form der Unsterblichkeit zugebilligt, die darin besteht, dass die als Helden Ausgezeichneten öffentlich geehrt werden und ihrer feierlich gedacht wird. Das ist eine Form auch der zivilgesellschaftlichen Währung, die mit der marktwirtschaftlichen Währung konkurriert.«

Man erkennt, wie sehr die kürzlich zelebrierte Verleihung von »Tapferkeitsmedaillen« an Bundeswehrsoldaten, aber auch der Aufmarsch zum Gelöbnis vor dem Berliner Reichstagsgebäude und nicht zu vergessen das Ehrenmal selbst, diese Empfehlungen in konkrete Politik umzusetzen versuchen.
Man erkennt aber auch, dass sich diese häufig verkrampft wirkenden Ereignisse in keiner Weise mit dem preußisch-deutschen Militarismus des 19. Jahrhunderts messen können. Damals war die gesellschaftliche Achtung, ja die Vorrangstellung des Soldatischen überhaupt keine Frage. Heute muss sich Münkler auf »Stresssituationen« beschränken. Er orakelt von einer »zivilgesellschaftlichen Währung«, sprich dem Gedenkkult um Helden und Gefallene, und einer »marktwirtschaftlichen Währung«, sprich der Alltagskultur. Schon die Begrifflichkeiten sind höchst ominös. Jedenfalls muss Münkler damit einräumen, dass sich militärischer Heldenkult und Alltagsgesellschaft in Konkurrenz zueinander befinden.


Firmen- oder Nationaldenkmal?

Bleibt zu untersuchen, inwiefern das Ehrenmal der Bundeswehr versucht, einer postheroischen Gesellschaft Heroismus einzuimpfen. Nikolaus Bernau hat in der Berliner Zeitung das Ehrenmal als »Jungs Firmendenkmal« bezeichnet. Damit sind das Bundesministerium für Verteidigung (Bendlerblock) und der damalige Kriegsminister Franz Josef Jung gemeint. Dafür spricht einiges, so der optische Eindruck des 8 x 32 Meter umfassenden Bauwerks. Noch dazu steht dieser auf dem Betriebsgelände der Firmenzentrale und ist nur über eine kleine Seitenstraße öffentlich erreichbar.
Das kann natürlich nicht in dem - von Münkler formulierten - Sinne der Firma sein. Um die Konkurrenz zum zivilen Alltag zu bestehen, hat Jung denn auch einen »nationalen Rang« für sein Bauwerk postuliert.

Es ist in eine Kulisse des Appellplatzes eingebunden, in der jetzt schon hin und wieder Zeremonien zu offiziellen Anlässen stattfinden. Deswegen hat es eine verschiebbare Wand, die je nach Bedarf den öffentlichen Zugang versperren kann. Das Gebäudeinnere nimmt Anleihen an früheren Formen des Heroischen. So betritt man zunächst eine Säulenhalle, die in eine »Cella«, auch »Raum der Stille« genannt, führt. Die Gestaltung der »Cella« lehnt sich an die Form der Neuen Wache an, wie sie in der Schlussphase der Weimarer Zeit zur Heldenverehrung genutzt wurde. Das drückt sich im Oberlicht aus (d.h., das Dach ist offen, so dass die Cella der Witterung ausgesetzt ist), aber auch in einer Art »Opferplatte« (in früheren Entwürfen war noch ein Opferstein vorgesehen). Diese hebt sich leicht angeschrägt vom Fußboden ab und dient der Kranzablage, hier sollen auch die Angehörigen für ihre private Trauer Blumen und Erinnerungsstücke ablegen können.

In einer Projektbeschreibung heißt es dazu auf der Homepage der Bundeswehr: »Der Raum der Stille wird zum Ort der Trauer. Die Kraft, mit der sich scheinbar die Platte herausgeschoben hat, steht für das Ausmaß der Gewalt oder des Unglücks, welches ein Menschenleben hat enden lassen.« Dass der Gedenkkult um den Tod von Bundeswehrsoldaten derartige Anleihen bei der Neuen Wache nimmt, verrät seine Schwäche. Es handelt sich hier um eine phantasielose Kopie von Gestaltungsformen aus vergangenen, »heroischen« Zeiten. Diese alten Formen werden heute nicht mehr funktionieren. Denn sie setzen voraus, dass das Militärische einen überragenden Stellenwert in der Gesellschaft hat, sein Ruhm als Selbstverständlichkeit gilt. Zudem ist das ästhetische Empfinden heute verändert. Symboldeutungen aus früheren Zeiten werden heute nicht mehr unbedingt verstanden, ein bisschen Oberlicht macht noch keine weihevolle Stimmung; sobald die Blitzlichter aus Digitalkameras in der »Cella« aufblitzen, ist es vorbei mit deren mystischer Schummrigkeit.

Allerdings hat das Ehrenmal auch zwei neue Elemente: Das Bronzekleid und die LCD-Projektion für die Namensnennung. Originalton Bundeswehr: »Die Nennung der Toten ist eine körperlose Schrift aus Licht. Die Darstellung wird mit einem LCD-Display gelöst, das hinter transluzentem, also lichtdurchlässigem Beton in die Deckenplatte integriert ist. Die Namen erscheinen so scheinbar schwerelos im Raum.«
Und zwar, wie das Ministerium mittlerweile mitgeteilt hat, jeder Name für acht Sekunden. Ein bisschen kurz für Münklers »Unsterblichkeit« als »zivilgesellschaftliche Währung« und kaum geeignet dafür, Angehörige ebenso zu beeindrucken wie das etwa am Vietnam Memorial in Washington der Fall ist, wo die Namen auf »ewig« eingraviert sind. Aber das geht ja bei der Bundeswehr nicht, weil das Ehrenmal ein Kriegermal auf Zuwachs ist: Gedacht wird der bisherigen »Gefallenen« und der künftig noch »fallenden« Soldaten.

Auch das »Bronzekleid«, das vom Begriff zunächst mutterreligiöse Assoziationen erzeugt und von weitem mehr wie ein Tarnnetz aussieht, ist ein eher gescheiterter Versuch neuer Symbolisierung. »Über die Stahlbetonkonstruktion ist ein feines durchbrochenes Bronzekleid gelegt. Jeder Soldat trägt eine Erkennungsmarke. Die halbe Erkennungsmarke steht für den Getöteten, für den Tod.
In Anlehnung daran sind halbe Marken aus dem Bronzekleid gestanzt. Das ganze Objekt umhüllend, findet metaphorisch der alles umfassende Tod Ausdruck. Der Anordnung der ausgestanzten Marken liegt eine Codierung zugrunde, welche sich aus dem Morsealphabet ableitet. Die Stanzung stellt den Eid der Zeit- und Berufssoldaten, das Gelöbnis der Wehrdienstleistenden sowie den Amtseid der Wehrverwaltung in codierter Form dar.«

Von dieser unverständlichen Symbolik bleibt nur der Tod, in Form der halben Hundemarke, als Ornament auf der Außenhaut des Ehrenmals übrig, denn der Morsecode ist per se für die allermeisten Menschen unverständlich. Darüber hinaus gibt es keine weitergehende erkennbare Symbolik am Äußeren des Ehrenmals. Noch schlimmer für dessen Auftraggeber: Von einem »feinen Kleid« kann nicht die Rede sein: dass es golden schimmere, wirkte nur auf frühen Modellbildern so. Die Inaugenscheinnahme ergibt: Die Bronze ist bräunlich, wirkt klobig und rostig. Mangels eines anderen Angebots an Symbolik verkommt damit der Soldatentod zu einer löchrigen Verzierung eines rostigen Schuppens. In diesem symbolischen und ästhetischen Desaster hilft auch keine goldene Wand als abschließender Eindruck des inszenierten Aufenthalts im Ehrenmal mehr: »Beim Verlassen des Raumes geht der Besucher auf eine goldschimmernde Wand zu - Gold steht für das Übernatürliche und die daraus resultierende Hoffnung in allen Kulturen. Die Inschrift lautet: Den Toten unserer Bundeswehr. Für Frieden, Recht und Freiheit. Sie ist als glattes Relief aus der goldschimmernden Wand herausgearbeitet.« (Projektbeschreibung Bundeswehr) Gold auf Fertigbetonteilen dürfte ungefähr die weihevolle Ausstrahlung von goldschimmernden Modeaccessoires wie Turnschuhen, Pumps, Handtaschen und Rucksäcken haben. Denn Goldfarbe allein macht im Zeitalter der inflationären Goldkettchen nichts mehr edel - und übernatürlich schon gar nicht. Hier erliegen Planer und Auftraggeber außerdem einem groben semiotischen Irrtum: Nicht Gold an sich »steht für das Übernatürliche und die daraus resultierende Hoffnung in allen Kulturen«. Vielmehr werden Gegenstände, die mit einer solchen Hoffnung bereits verbunden sind, diese unterstreichend in goldenen Behältnissen bis hin zu ganzen Bauwerken verwahrt oder durch das Anbringen von goldenen Zusätzen aufgewertet. Bisweilen werden die hoffnungsspendenden Gegenstände selbst aus Gold gefertigt. So z.B. Reliquienschreine zur Aufbewahrung, Kronen als Aufsatz für Thorarollen und vergoldete Buddhastatuen.

Ob die Ideenlosigkeit und der schlechte Geschmack, die von der Bundeswehr an den Tag gelegt werden, gewollt sind, um gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu vermeiden? Denn wer diskutiert schon über misslungene Bauwerke auf Firmengeländen? Eine solche Strategie wäre gelungen, da sich kaum jemand für das Ehrenmal interessiert. Andererseits ist damit auch der Anspruch der Bundeswehr durchkreuzt, dass dieses Ehrenmal von angeblich »nationalem Rang« durch eine breite Öffentlichkeit angenommen wird. Es stellt keine »Form von Unsterblichkeit« für den Soldaten her und trägt nicht zur »Heroisierung« der Gesellschaft bei.

Damit soll keine falsche Entwarnung gegeben werden. Der Kriegskurs der Bundeswehr wird sich verstärken, die Zahl der deutschen »Gefallenen« wird zunehmen und damit auch die Rufe von Politikern und Soldatenverbänden, das jetzige Ehrenmal durch eine bedeutendere Anlage zu ersetzen. Wahrscheinlich wird dieses neue Ehrenmal auch dem Ortswechsel des Gelöbnisses zum 20. Juli folgen, vom Bendlerblock zum Platz der Republik, zwischen Reichstag und Kanzleramt. Und auch da gehört es eigentlich nicht hin, sitzen doch dort nur vordergründig die Auftraggeber der Kriege. So ehrlich, die Stätte vor dem Sitz der Deutschen Wirtschaft zu errichten, will dann doch keiner sein.

Eugen Januschke ist Philosoph mit dem Schwerpunkt Semiotik und engagiert sich im DFG-VK- Landesverband Berlin-Brandenburg.
(Die Fotos sind Abbildungen der Heldengedenkstätte im Bundeswehrlager Mazar i Scharif im Jahre 2008)

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